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Ratzingers "Jesus von Nazareth"

Eine Rezension zum Jesus-Buch von Papst Benedikt XVI.

Dass sich der gegenwärtige Papst um eine Biographie unseres Herrn Christus bemüht, ist erstaunlich und hoch anzuerkennen. Auf mindestens zwei Bände konzipiert ist ein erster davon bereits erschienen. Dieser beschreibt die Zeit von der Taufe Jesu bis zu seiner Verklärung. Dass der Autor sich sowohl Benedikt XVI. als auch Joseph Ratzinger nennt, erklärt er damit, er habe sich mit dem Thema bereits lange beschäftigt, ehe er in das höchste Amt der katholischen Kirche gewählt worden sei (S. 23). Überzeugender erscheint jedoch eine Erklärung, die ebenfalls von ihm in der Einleitung des Buches genannt wird, er wolle dies nicht als verbindliche katholische Lehrmeinung schreiben, die von seinem hohen Amt gewährleistet sei, sondern als seine eigene persönliche Überzeugung (S. 22). Wir gebrauchen deshalb hier ebenfalls seinen bürgerlichen Namen.

Dem Buch eignet jedoch ein hoher Anspruch. Bereits der Titel, der bloße Name „Jesus von Nazareth“ ohne ein weiteres Attribut oder einen Hinweis auf die Besonderheit der Monographie, die Ausstattung und der Umfang des Buches (365 Seiten), Einband mit Gold- und Silberprägung, Papier und Druckgestaltung lassen erkennen, es sei als ein wichtiges Buch gemeint. Dem Verlag Herder ist hohe Anerkennung zu erteilen. Er veranstaltet umfangreiche Werbung dafür.

Ratzinger gelingt es, einen dem Thema durchaus angemessenen Text zu schreiben. Man liest ihn mit Aufmerksamkeit. Auch der interessierte Laie kann dem Verfasser ohne Schwierigkeiten folgen. Es begegnen wohl Fachausdrücke, aber nicht häufig, und sie werden mittels eines umfangreichen Glossars erläutert. Dabei gleitet die Darstellung keinesfalls in Trivialität ab oder begnügte sich mit Oberflächlichkeiten. Zu lesen ist das Buch gut; fast möchte man, wenn der Umfang dies erlaubte, empfehlen es laut zu lesen oder gar vorzulesen. Man darf es als kostbare Erbauungsliteratur einschätzen.

Weniger Zustimmung kann man freilich dem Inhalt des Werkes erteilen. Wenn sich Ratzinger auch bereits in der Einleitung als ein Kenner moderner neutestamentlicher Erkenntnisse darstellt, und wenn er sich auch ausdrücklich auf die Öffnung der katholischen exegetischen Wissenschaft beruft, wie sie durch die Enzyklika „Divino afflante Spiritu“ seines Vorvorgängers Pius XII. (1943) erfolgte (S. 13), so bleibt er doch leider in einer deutlich konservativen, ja geradezu rückwärts gewendeten exegetischen Methodik befangen. Nicht nur, dass er schlichtweg die moderne historisch-kritische und kerygmatische Methodik zwar allgemein anerkennt, in ihrer praktischen Anwendung auf die Texte jedoch für bedenklich, ja bezweifelbar hält. Er beruft sich auch ausdrücklich darauf, dass der überkommene kirchliche Sinn der Betrachtung und Auslegung eine höhere Bedeutung habe und deshalb unverzichtbar zu bewahren bleibe. „Das Volk Gottes - die Kirche - ist das lebendige Subjekt der Schrift.“ (S. 20).

Mehr Christus als Jesus

Offensichtlich ist das Thema seiner Arbeit nicht der wirkliche, historische und möglicherweise für uns auch ungewohnte und überraschende Jesus, sondern der kirchlich verkündigte und geglaubte Jesus Christus. Nicht etwa ein neues Bild von Jesus wird ins Auge gefasst, sondern das überkommene Bild von Jesus wird einmal neu betrachtet. „Die Auslegung ist nicht akademisch.“ (S.108). Insofern bringt Ratzinger bei der Schönheit seiner Sprachgestaltung und auch bei aller Vielfalt seiner Anwendung doch eigentlich nichts Wichtiges, das uns dem Manne aus Nazareth auf einer erweiterten Ebene Folge leisten ließe.

Die nun heute auch nicht mehr neue, sondern bereits seit weit über hundert Jahren angewandte historisch-kritische Methode zusammen mit den inzwischen erkannten Methoden der Textanalyse, ferner neuere Einsichten sowohl in die Entstehungsgeschichte und deren Bedingungen als auch in die Formgestalt unserer Quellen bleiben unberücksichtigt. Darüber hinaus sind Einblicke in den literarischen Horizont ihrer Enstehungsepoche, ihrer gegenseitigen Abhängigkeiten als auch ihrer Wirkungsgeschichte unbeachtet. Deren Beobachtung, Bewertung, ja Anerkennung eröffnen uns ganz neue Horizonte, so dass wir auch den Personen, deren sich die Quellen annehmen, vor allem aber Jesus selbst in unerwartet neuer Weise begegnen. Wir können gar nicht mehr zurück hinter die längst gefundenen Einsichten der literarischen Kritik, der Formgeschichte, der Kanonsgeschichte und vor allem nicht hinter die Einsicht, dass die Quellen Zeugnisse darstellen vom gerade in ihrer Epoche stattfindenden Überschreiten der sprachlichen und geistlichen Unterschiede zwischen der semitisch-jüdischen Religion und der hellenistischen Kultur.

Diese Konsequenzen sind eigentlich nicht neu, werden von Joseph Ratzinger in seinem Buch „Jesus“ jedoch nicht geteilt. Der Jesus, den er beschreibt, ist weder als eine aus seiner galiläischen und jüdischen Umwelt noch eine im Sinne der in griechischer Sprache und griechischen Denkgewohnheiten überzeugende Persönlichkeit erläutert, vielmehr die auf Grund dogmatischer Implikationen und historischer Vermutungen den Texten angenäherte, kirchlich traditionell gestaltete Figur. „Die Heiligen sind die wahren Ausleger der Heiligen Schrift“ (S. 108). Anhand von einigen Beispielen soll dies verdeutlicht werden:

Seligpreisungen als Biografie

Betrachten wir die Behandlung der Bergpredigt (Mt 5-7, Lk 6,17-49 - S. 125ff.). Ratzinger folgt hauptsächlich der Matthäusfassung und stellt diese so dar, als sei sie dem Wortlaut nach von Jesus selbst formuliert. Für den Kenner der Quellenscheidung hält sich Lukas hingegen wesentlich enger an den von der sogenannten Redequelle überlieferten Text. Matthäus gelingt es, die Vorlage, die möglicherweise ein sozial orientiertes Evangelium bietet, christologisch zu interpretieren: Anstelle der Armen, die Jesus nach Lukas seligpreist, weil ihnen das Reich Gottes zugesprochen wird, schreibt dies, wie man weiß, Matthäus den Armen im Geiste zu. Ratzinger interpretiert diesen Unterschied zu Lukas als einen Anklang an die Qumrangemeinde, die sich als die „Armen der Gnade“, die „Armen der Erlösung“ bezeichnen (S. 105), den Jesus selbst so gestaltet habe. Die Lukasfassung empfindet Ratzinger trotz ihrer kürzeren Fassung als inhaltlich ebenbürtig (S. 98, 101). In ähnlicher Weise erklärt er die weiteren Seligpreisungen, die gewöhnlich als Erweiterungen des Matthäus angesehen werden, als Jesu eigenes Wort. So sieht er in dem dritten Makarismos, der bei Lukas fehlt, mit Recht ein Aufnehmen eines Psalmes (37, 11) und der Heilsweissagung Sacharjas (9,9).

Erstaunlich ist, wie Ratzinger in den Seligpreisungen nicht etwa nur Ermahnungen an die um Jesus versammelte Gemeinde und Erinnerungen an dem Volk Gottes bereits vom Alten Testament her zugesprochene Verheißungen erkennt, sondern eine Kurzbiogrphie Jesu selbst zu finden glaubt: „Wer den Matthäustext aufmerksam liest, wird inne, dass die Seligpreisungen wie eine verhüllte innere Biographie Jesu, wie ein Porträt seiner Gestalt dastehen.“ (S. 104)

Messianische Selbstdarstellung

Dem entsprechen auch die sogenannten Paradoxien, in denen sich Jesus als der neue Gesetzgeber dem Alten Bund und besonders dem Moses gegenüber stellt: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist ... ich aber sage euch“ (Mt 5,21ff.). Ratzinger versteht darin wohl eine verschärfende Interpretation der Gebote, wie sie Mose ausgesprochen hat, aber vor allem eine messianische Selbstdarstellung des Christus für das neue, von ihm gerufene Gottesvolk. „Das Ich Jesu tritt mit einem Rang hervor, den sich kein Gesetzeslehrer erlauben darf“ (S. 134). „Nicht wie die Rabbinen, ... sondern als einer, der Vollmacht hat“ (Matth.7,29). Damit ist „...der offenkundige Anspruch ... auf der Höhe Gottes zu stehen gemeint“ (S. 134).

Wo wir bisher annahmen, Matthäus sei es gewesen, der die Autorität Jesu in dieser Weise zum Ausdruck gebracht habe, versucht Ratzinger zu zeigen, wie es Jesus selbst gewesen sei, der sich in diesen und vielen weiteren Worten dargestellt habe.

Ein besonders behandeltes Beispiel dafür ist die kurze, aber sehr bedeutsame Szene (Mt 12,1ff) vom Ährenpflücken der Jünger an einem Sabbat (S. 138ff). Hier erhebt Ratzinger den Vorwurf, „die übliche Auslegung ... geht dahin, zu sagen, dass Jesus eine engstirnige, legalistische Praxis aufgebrochen und statt dessen eine großzügigere, freiheitlicher Sicht geschenkt habe“ (S. 138). „So hat man gerade aus den Sabbatstreitigkeiten das Bild des liberalen Jesus abgeleitet.... Die moderne Kritik - beginnend mit der Reformation - sah freilich das so gesehene „Jüdische“ im Katholizismus wiedergekehrt.“ … „War Jesus in Wirklichkeit ein liberaler Rabbi - ein Vorläufer des christlichen Liberalismus? Ist also der Christus des Glaubens und demnach der ganze Glaube der Kirche ein großer Irrtum?“ (S. 139)

Während wir diese Szene als exemplarisch für die Diskussion der entstehenden Urgemeinde mit der betonten Tora-Frömmigkeit des Pharisäismus ansehen, den Sitz im Leben also nicht unmittelbar im Erleben Jesu selbst suchen, sondern in der Abwehr von Vorwürfen, sieht Ratzinger sie als ein historisches Ereignis, in welchem Jesus seine Hoheit nicht dem Sabbat gegenüber stellt, sondern sich selbst als eine Art neuer Sabbat erweist. Wo der Sabbat im Alten Bund wesentliches Zeichen des Zusammenhaltes des Gottesvolkes darstellt, geradezu seine Mitte, erweist Jesus sich als der, um dessentwillen das Gottesvolk nun zusammenhält. Wir sahen bisher die Beschneidung als das Zeichen der Bundestreue an, die jedoch von Jesus selbst den Evangelien entsprechend nicht zur Diskussion gestellt wird.

An dieser Stelle diskutiert Ratzinger mit einem für das Christliche sehr aufgeschlossenem, an ihm interessierten, letztlich aber kritischen jüdischen Rabbiner (Jacob Neusner, „Ein Rabbi spricht mit Jesus.“ New York 1993, deutsch 1997, Claudiusverlag München). Während nach Ratzingers Auffassung Jesus sich in der Bergpredigt allgemein, speziell aber in der Sabbatfrage, in der Frage nach den Pflichten den Eltern gegenüber (Mt 6,15,5) usw., als der an Gottes Stelle steht erweist, wendet sich Neusner schließlich ab. An einen solchen Jesus kann er nicht glauben. „Er bleibt beim ewigen Israel“ (S. 135).

Wir müssen bezweifeln, dass Jesus sich selbst in einer solche Weise dargestellt hätte, dass ihm ein solches hohes Selbstbewußtsein zu eigen gewesen wäre, und dass er davon zwar verhüllend und indirekt, aber dennoch für die Seinen erkennbar Gebrauch gemacht hätte. Immer wieder verbirgt er - zumindest nach der Darstellung des Markusevangeliums - sein Messianitätsbewusstsein, verbietet den Kranken von ihm weiterzusagen, verbietet den Geheilten gar, ihn bekannt zu machen (Mk 7,36).

Ratzingers Jesusbuch, so lesenswert es auch ist, so reich an angeführte Zitaten und Anklängen, bringt uns den wahren Menschensohn nicht näher und verdunkelt meines Erachtens eher die enormen persönlichen theologischen Leistungen, wie sie vor allem Matthäus, aber auch Markus und Lukas sowie nicht zuletzt Johannes in ihrer Eigenart, in ihrer Zielrichtung auf die jeweiligen Leser und Höher in verschiedenen Epochen und geistiger Umgebung hervorgebracht haben.

Jesus als eine zwar einmalige, hervorragende, historische Gestalt hat bekanntlich mit gutem Grund gerade darauf verzichtet, sich selbst hervorzuheben und ein deutliches Porträt seiner Selbst der Menschheit oder auch seiner Kirche zu hinterlassen. Seine Botschaft ist das ewige Wort in seiner aktuellen Dringlichkeit und seiner menschenfreundlichen Zuwendung, nicht aber seine eigene Person. Und wenn diese uns nun um ihrer Größe auch enorm fasziniert, dann eben nur durch die Vermittlung seiner Apostel und Evangelisten. Denn sie verwandelten - selbstverständlich in der Kraft des Heiligen Geistes - das lebendige Wort zur Heiligen Schrift. Mit großer Erwartung dürfen wir der Fortsetzung Ratzingers Jesusbuch entgegenschauen.

Ulrich Rasch
Pfr. i.R. Ulrich Rasch war Pfarrer in Dresden-Löbtau
und viele Jahre Landesleiter des Evangelischen Bundes Sachsen.


Kurznachrichten



Literaturempfehlungen

Erschienen in Confessio 3/2008, Seite 17