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Verteidigung des christlichen Abendlandes

Rede bei der Kundgebung auf dem Altmarkt in Dresden am 13. April 2015

Am 13. April 2015 hatte PEGIDA den niederländischen Rechtspopulisten Geerd Wilders als Redner zu einer großen Kundgebung in der Flutrinne Dresden eingeladen.

Um dazu ein Gegengewicht zu setzen, hatten viele Dresdner Gruppen zu einem Sternlauf aufgerufen. Nach dem traditionellen Friedensgebet in der Kreuzkirche (jeden Montag 17:00 Uhr) gab es eine Kundgebung auf dem Altmarkt, zu der gemeinsam christliche Kirchen, jüdische Gemeine und das Islamische Zentrum aufgerufen hatten. Dabei wurde die nachstehende Rede als Beitrag der Kirchen gehalten.

Heute stehe ich hier für die christlichen Kirchen dieser Stadt, darum möchte einen Satz aus der Bibel voranstellen: Im Lukasevangelium, Kap. 6 heißt es:
    „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“

Pegida hat recht:
Das christliche Abendland ist in Gefahr!

• Es ist aber nicht deshalb in Gefahr, weil Menschen hier bei uns Asyl suchen, nachdem sie vor Armut und Not, vor Krieg und vor Terror geflohen sind.
• Es ist nicht deshalb in Gefahr, weil Menschen mit anderer Kultur und anderer Religion unter uns leben.

Das christliche Abendland ist in Gefahr, weil es dabei ist, seinen inneren Kern zu verlieren. Das Abendland ist vor allem dann in Gefahr, wenn diejenigen, die es zu verteidigen meinen, seine inneren Werte mit Füßen treten.

Welche Werte sind das?
Drei möchte ich nennen:

1. Es ist die Botschaft von der Barmherzigkeit -
    anstelle des Egoismus.

2. Es ist die Botschaft von der Freiheit -
    anstelle von Ausgrenzung und Unterdrückung.

3. Es ist die Botschaft von der Liebe -
    anstelle des Hasses.

Wie ist das gemeint?

1.  Das Christentum verkündigt die Botschaft von der Barmherzigkeit Gottes.

Diese Zuwendung Gottes soll die Menschen dazu motivieren, auch untereinander barmherzig zu sein. „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ sagt das Bibelwort.
Wir müssen uns nichts vormachen: Barmherzigkeit ist gegen die menschliche Natur. Der Mensch ist von Natur aus egoistisch, er sucht seinen Vorteil, auch zu Lasten von Mitmenschen.

Aber wenn wir vom sog. „christlichen Abendland“ reden, dann meint dies auch eine Ethik, die den Egoismus überwindet.
Dies meint eine Ethik, die nach dem Nächsten und seinem Wohl fragt.
Dies meint eine Haltung, die sich der Schwachen annimmt, die Hilfe nötig haben.

In der heutigen Situation möchte ich darum zuspitzen:
Die Verteidigung des christlichen Abendlandes geschieht dort, wo wir Barmherzigkeit gegenüber Flüchtlingen und Asylbewerbern zeigen und wenn wir uns deren Not annehmen.
Das verteidigt unsere Werte! Egoistische Ängste vor einer Einschränkung des eigenen Wohlstandes tun es nicht.

2.  Das Christentum verkündigt die Botschaft von der Freiheit

Es wird in diesen Tagen immer wieder gefragt: „Gehört der Islam zu Deutschland“? (Manche sagen ja - andere nein - je nach Zielgruppe)

Ich möchte darauf mit einer Gegenfrage antworten: Gehört das Christentum zu China?
Historisch gesehen natürlich nicht - es ist erst später dorthin gekommen. Das gilt aber auch für das Christentum in Sachsen. Das ist auch erst „später“ hierher gekommen. (Und es gibt Neonazis und Neuheiden, die deshalb meinen, es gehöre nicht hierher.)

Es ist meine Überzeugung, dass es zu den grundlegenden Menschenrechten gehört, dass jeder Mensch seiner inneren religiösen Überzeugung gemäß leben darf - und das gilt an jedem Ort dieser Erde.
Was für Christen in China gelten soll, das gilt auch für Muslime und für Juden in Sachsen. Es ist eine Frage der Religionsfreiheit.

Ich bin der Meinung, dass es grundsätzlich keine abgesteckten Territorien auf dieser Erde gibt und geben kann, die bestimmten Religionen vorbehalten sind. Jeder Mensch hat das Recht sich an jedem Ort dieser Erde zu seinen Überzeugungen zu bekennen - einzeln und in Gemeinschaft.
Die Freiheit seinen Glauben ohne äußere Repressalien frei bekennen und öffentlich leben zu können, gehört zu den Elementen, die wir heute gern als Errungenschaften der „abendländischen Kultur“ preisen.

Ich möchte es daher zuspitzen:
Die Verteidigung des christlichen Abendlandes geschieht dort, wo die Religionsfreiheit verteidigt wird. Daraus folgt, dass auch in Sachsen Juden Synagogen und Muslime Moscheen und Buddhisten und Hindus Tempel bauen dürfen, weil dies UNSERER Überzeugung von Religionsfreiheit entspricht.

Dazu gehört es ebenso, dafür einzutreten, dass diese Religionsfreiheit auch in anderen Gegenden der Welt anerkannt und respektiert wird - auch in der Türkei, auch in Saudi-Arabien, denn Religionsfreiheit ist ein Menschenrecht. Wenn anderswo in der Welt in dieser Hinsicht Unrecht geschieht, gibt das aber nicht uns das Recht, dieses Unrecht ebenfalls zu begehen.

3.  Das Christentum verkündigt die Botschaft von der Liebe. 

Weniger Verse vorher im Lukasevangelium spricht Jesus von der Feindesliebe:
„Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.“
Die Liebe ist die Kraft, welche die tödliche Spirale aus Hass und Gewalt, Feindschaft und Krieg durchbrechen kann.

Die Voraussetzung eines jeden Krieges ist, dass zuvor Feindbilder gezüchtet werden.

  • Feindbilder bewirken, dass der andere Mensch nicht mehr als Mensch wahrgenommen wird. Nicht mehr seine persönlichen Ideen, Hoffnungen, Ängste und Verhaltensweisen spielen eine Rolle, sondern nur noch seine Zugehörigkeit zu einer Gruppe.
     
  • Feindbilder bewirken, dass die Unterschiedlichkeit und Vielfalt von Menschen und Meinungen nicht mehr gesehen wird. „Dies sind alle so.“ Pauschalisierung und Verallgemeinerung gehört zum Wesen von Feindbildern.
     
  • Feindbilder nehmen tatsächliche Probleme und Spannungen auf. Sie sind in der Regel nicht völlig aus der Luft gegriffen. Aber sie übertreiben und sehen mit angstverzerrtem Blick nur noch das Negative bei dem Gegner.


Wir müssen gegenwärtig erleben, dass von PEGIDA massiv das Feindbild „Islam“ geschürt wird.
Wir müssen heute erleben, dass von PEGIDA ein Mann eingeladen wurde, der dafür berühmt geworden ist, Feindbilder zu züchten und damit Hass unter Menschen zu schüren.

Dagegen sage ich:
Die Verteidigung des christlichen Abendlandes geschieht dort, wo es gelingt, der Botschaft des Hasses die Botschaft der Liebe entgegenzusetzen.

Das bedeutet konkret:
- Lassen Sie sich nicht von Propaganda und Verallgemeinerungen verblenden.
- Schauen Sie genau hin: Sehen Sie nicht nur die Religion und die Gruppe, sondern den Menschen an.
- Lösen Sie Pauschalisierungen auf und werden Sie konkret!

Das gilt in zwei Richtungen:

a) Im Blick auf den Islam:
Das Gegenteil von pauschaler Islamfeindschaft ist nicht blinde Islamfreundschaft, sondern konstruktive Kritik.
Genauso wenig wie DER ISLAM insgesamt nur böse ist, genauso wenig ist er insgesamt nur gut. Das gilt für alle Religionen. Sie alle haben in unterschiedlichem Maß radikalisierende, die Freiheit einschränkende Strömungen in sich, mit denen sie sich auseinandersetzen müssen.
Daraus folgt die Aufgabe, gemeinsam mit Muslimen gegen salafistische Verengung und militante Auslegung des Islam vorzugehen.

b) Das gilt auch im Blick auf PEGIDA.
Auch diejenigen, die jetzt in der Flutrinne stehen, sind keine Feinde.
Es sind vielfach Menschen, die Probleme in unserer Gesellschaft wahrnehmen und zur Sprache bringen, die wirklich bedrückend sind.
Sie werden nur mit unpassenden Lösungen verbunden.

• Auch ich habe Angst vor einem militanten Islamismus.
Aber die Lösung ist nicht die Dämonisierung einer ganzen Religion und daraus folgend die Einschränkung der Religionsfreiheit. (Das bewirkt das Gegenteil und treibt dem IS die Leute zu.)

• Auch ich sehe, dass die Unterbringung von Flüchtlingen Probleme aufwirft und nicht überall optimal gelöst ist.
Die Lösung ist aber nicht die Abwehr von Asylbewerbern, sondern eine Verbesserung der Abläufe.

• Auch ich sehe, das Politik und Verwaltung oft zu selbstherrlich regiert haben. Darüber haben viele in der Bevölkerung das Verständnis für unsere Demokratie verloren.
Aber die Lösung ist nicht ein „Systemwechsel“ hin zur Diktatur, wie ihn Rechtsextremisten propagieren, sondern ein stärkeres Engagement für demokratische Mitbestimmung und Bildung über unsere politischen Strukturen.

In diesem Sinne gibt es viel zu tun bei der Verteidigung des christlichen Abendlandes - und ich bete dafür, dass auch viele Anhänger von Pegida auf diese Werte ansprechbar sind.
Wir sollten uns um sie bemühen und auch uns selbst nicht von Feindbildern blenden lassen.

Harald Lamprecht


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