Confessio.de ist ein Angebot des Evangelischen Bundes Sachsen und des Beauftragten für Weltanschauungsfragen der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens
Immer wieder kann man erleben, dass Angebote, Praktiken und Anschauungsweisen aus dem Umfeld der Esoterik auch in christlichen Gemeinden auf Interesse stoßen und Aufnahme finden. Sei es die Meditationsgruppe, die neben den Taize-Liedern auch Zen-Meditationen ausprobiert, sei es die Müttergruppe, die zur Rückbildungsgymnastik einen Yoga-Lehrer engagiert, sei es der Heilpraktiker im Kirchenvorstand, der die Energie des Reiki für seine therapeutische Praxis einsetzen möchte, sei es der Architekt, der seine Bauten nach den chinesischen Regeln des Feng-shui konzipiert - sie alle benutzen Elemente aus anderen Religionen und Kulturkreisen. Dabei empfinden sie selbst in der Regel keinen Konflikt zu ihrer christlichen Beheimatung. Im Gegenteil: die neuen Elemente werden als Vertiefung und Bereicherung der bisherigen eigenen spirituellen Praxis erfahren, die damit keineswegs aufgegeben werden soll. Manche allerdings beginnen sich auch innerlich von der kirchlichen Form des Christentums zu entfremden, die dann gelegentlich als erstarrt, „dogmatisch“, in der Institution befangene „Amtskirche“ charakterisiert wird.
Dieses Vordringen der Esoterik in den Bereich der Kirchen hinein stellt eine große Herausforderung dar. Verschiedene Reaktionsmuster lassen sich - hier etwas idealtypisch stilisiert - dabei beobachten:
Beide Reaktionsmuster sind problematisch, enthalten aber auch richtige Elemente und Einsichten. Der Versuch, die Esoterik in den christlichen Raum hereinzuholen, kann in der Konsequenz zum ununterscheidbaren Verschmelzen im esoterischen Strom führen. Für kirchliche Angebote lassen sich Menschen auf diese Weise kaum gewinnen. Darüber hinaus lassen sich bei näherer Betrachtung keineswegs alle Elemente des Esoterikmarktes bruchlos in ein christliches Glaubenssystem einfügen. Auch wenn von Vertretern esoterischer Angebote immer wieder anderes behauptet wird - vieles passt eben nicht zusammen bzw. schliesst sich gegenseitig aus. Die Aufgabe der Kirchen und Gemeinden ist es, Christus zu verkündigen, nicht Yoga, Zen oder schamanische Krafttiere. Ihre Aufgabe ist es auch, kritisch gegenüber falschen Heilsversprechen zu sein. Auf der anderen Seite ist aber nicht alles Ungewohnte und Fremde automatisch unchristlich. Wir sollten nicht den Fehler begehen, unsere Kulturprägung mit dem Kern des Christentums zu verwechseln. Es gilt, nicht den Fehler der Verdammung Galileis zu wiederholen. Weder der gegenwärtige Stand der naturwissenschaftlichen Forschung, noch die Akzeptanz eines rationalistisch-naturalistischen Weltbildes sind gleichbedeutend mit christlicher Offenbarung. Konkret: der christliche Glaube hängt nicht daran, ob es Erdstrahlen gibt oder nicht, ob der Mensch eine Aura hat oder nicht. Aber er verträgt es nicht, wenn Erdstrahlen zu Offenbarungsquellen stilisiert werden, vermeintliche Auraseher ihre Klienten ausbeuten und Yogaübungen als Weg zur Erlösung dienen sollen.
Seit seinem Beginn steht das Christentum vor der Aufgabe, seine Botschaft in andere Kulturen zu übersetzen. Paulus hat sie vom jüdischen in den griechischen Kulturraum vermittelt, die iroschottischen Missionare haben sie den Germanen nahegebracht und die Herrnhuter in Afrika verkündigt. Immer sind dabei Elemente der aufnehmenden Kultur mit dem Christentum verbunden worden, immer auch unvereinbare Elemente der Ursprungskultur unterdrückt worden. Die Kirche steht gegenwärtig erneut vor der Aufgabe, ihre Botschaft in eine veränderte, in gewissen Teilen von esoterischen Auffassungen geprägte, Kultur zu übersetzen. Übersetzungsvorgänge sind geprägt von beidem: Kontinuität und Anpassung. Damit im Inhalt Kontinuität bewahrt werden kann, ist eine Anpassung in der äußeren Gestalt notwendig. Dabei wird es zu Übernahmen und Verschmelzungen kommen, aber auch Abgrenzungen und Ausscheidung unvereinbarer Teile geben müssen. Wichtigste (und schwerste) Aufgabe ist dabei, beides voneinander zu unterscheiden.
Bei der Christianisierung Germaniens wurden die als göttlich verehrten Bäume gefällt und an deren Stellen Kirchen errichtet. Abgetrennt und ausgeschieden wurde der Götzenkult, beibehalten die Prozession und Versammlung an diesem Ort. Nur war es nun keine Prozession zu einem heidnischen Kultort mehr, sondern zu einem Ort der Gottesanbetung. So wurde gleichsam eine ehemals heidnische Tradition christlich „getauft“. Hätten die Missionare sich in ihre Kirchen zurückgezogen und lediglich allen verboten, zum Götterbaum zu gehen (Reaktionsmuster b), wären sie wohl ebenso wenig erfolgreich gewesen, wie wenn sie sich selbst Bäume auf die Altäre gestellt hätten (Reaktionsmuster a). Analog dazu ist es heute eine Aufgabe missionarischer Kirche, auf die esoterisch interessierten Menschen zuzugehen, ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen, aber darauf christliche Antworten zu suchen.
Was suchen Menschen in der Esoterik? Trotz aller Verschiedenheit individueller Motivationen lassen sich einige charakteristische Punkte benennen:
Viele dieser Wünsche und Sehnsüchte haben ihre Wurzeln in den modernen Lebensgefügen der westlichen Gesellschaft. Manche sind auch Gegenbewegungen auf frühere Trends, die ihre Überzeugungskraft verloren haben. Dazu gehören z. B. rationalistische Versuche der Welterklärung. Die moderne Esoterik hat kein Problem mit dem Wunder, im Gegenteil, sie sucht es. Leider geht bei dieser breiten Akzeptanz auch ungewöhnlicher Lösungsansätze die Fähigkeit zu kritischer Prüfung oft völlig verloren. Dies lockt zu einem hohen Anteil auch Betrüger an, die sich mit esoterisch begründeten großen Versprechen auf Kosten ihrer Klienten bereichern.
Für die wichtige Frage, welche Elemente der Esoterik in der Konfrontation mit dem christlichen Glauben nicht bestehen können, welche vom religiösen Standpunkt wertneutral sind und welche vielleicht auch als Bereicherung des eigenen Glaubenslebens Aufnahme finden können, empfiehlt sich eine abgestufte Beurteilung.
Hilfreiche Leitfrage bei dieser Entscheidung ist: „ Welches Heil wird von wem erwartet?“
Geht es um gesundheitliche Besserung, seelische Gesundung oder gar
kosmische Erlösung? Soll dies mit Mitteln der Schöpfung erfolgen oder
wird die Hilfe von „der Natur“, „dem Kosmos“, einer unpersönlichen
„Energie“ oder von Gott erwartet?
Solange lediglich gesundheitliche Besserung mit Mitteln der Schöpfung
(z. B. Heilpflanzen) gesucht wird, sind kaum Probleme zu erwarten. Wenn
der Anspruch aber steigt, Körper und Seele heil werden sollen während
sich die Erwartungshaltung auf kosmische Energien gleichsam als Ersatz
für Gott richtet, gerät dies in Spannung zur biblisch-christlichen
Überlieferung. Eine Prüfung anhand dieser Leitfragen kann nur im
Einzelfall erfolgen und kann durchaus differenzierte Resultate
erbringen. So ist z. B. die Homöopathie an sich mit keiner besonderen
Weltanschauung verknüpft und daher „religiös neutral“. Allerdings ist
die Homöopathie auch integraler Bestandteil der anthroposophischen
Medizin. Daher sind zahlreiche homöopathisch behandelnde Mediziner
zugleich Anthroposophen, wobei deren weltanschauliche Voraussetzungen
das Behandlungskonzept dann mit prägen. Ähnliche Aufmerksamkeit ist z.
B. bei Yoga gefordert. Seiner Herkunft nach stellt Yoga (ähnlich wie
viele asiatische Kampfsportarten) keine Gesundheitsübung dar, sondern
ist Bestandteil eines religiösen Heilsweges, auf dem die
Körperbeherrschung zur Beherrschung des Geistes führen soll. In Europa
kommt davon allerdings mitunter nur der Gymnastikeffekt an. Wer ein
paar Yogaübungen zur Steigerung seiner körperlichen Fitness betreibt,
nimmt damit noch keine andere Religion an. Wer aber einmal die
Zeitschrift „Yoga aktuell“ durchblättert, hat keine Zweifel mehr an der
zutiefst hinduistischen Prägung vieler Yogalehrer, für die diese
Übungen dann doch deutlich mehr als nur Sport darstellen. Der Umgang
mit esoterischen Angeboten und esoterisch geprägten Menschen stellt
viele Gemeinden vor große Herausforderungen. Aber es ist notwendig sich
ihnen zu stellen und auch auf diese Menschen zuzugehen, ohne dabei die
eigene Botschaft aus dem Blick zu verlieren.