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Kurzdarstellung NAK

von Andreas Fincke (EZW)
Die Neuapostolische Kirche (NAK) ist mit etwa 400 000 Mitgliedern die größte christliche Sondergemeinschaft in Deutschland. Sie hat wesentlich mehr Mitglieder als alle evangelischen Freikirchen zusammen und mehr als doppelt so viele Mitglieder wie die Zeugen Jehovas. Weltweit bekennen sich heute etwa 9,4 Millionen Menschen zum neuapostolischen Glauben. Allein in den zehn Jahren von 1988-1998 wurde eine Verdopplung der Mitgliederzahlen erreicht. Rasant ist beispielsweise die Entwicklung der NAK in Zentralafrika und Indien. Auch in Osteuropa betreibt die NAK rege Mission. In Deutschland, Österreich und der Schweiz sind die Zahlen jedoch mehr oder weniger stagnierend.


Geschichte

Die Wurzeln der NAK reichen in das England des 19. Jahrhunderts zurück, wo in den zwanziger Jahren starke Erweckungsbewegungen verbreitet waren: Unter dem Eindruck der Französischen Revolution bzw. der Folgeerscheinungen der Industrialisierung Englands fanden sich vielerorts engagierte Christen zusammen, um auf biblischer Grundlage und im Gebet über die Wirren ihrer Zeit nachzudenken. So bildeten sich in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts die "Gemeinden". Ähnlich den fast zeitgleich in den USA entstehenden "Mormonen" verstanden sich diese Gemeinden als das "wiederaufgerichtete Erlösungswerk unseres Herrn", als die wahre Kirche Christi in der Endzeit. In den Jahren 1832 bis 1835 wurden in diesen Gemeinden zwölf "Apostel" berufen; man war der Meinung, daß die "wahre Kirche Christi" wieder von Aposteln geleitet werden sollte und erwartete die Wiederkunft Christi praktisch täglich. Nachdem 1855 drei der Apostel verstarben entstand Streit darüber, ob neue Apostel berufen werden sollten oder ob man sich in den Gang der Ereignisse fügt.

Die Auseinandersetzungen führten 1863 in Hamburg zur Abspaltung der "Allgemeinen christlichen apostolischen Mission"; aus dieser Wurzel ist über weitere Zerwürfnisse - die "Neuapostolische Gemeinde" bzw. die "Neuapostolische Kirche" entstanden.

Die Geschichte der NAK ist also kompliziert und seit ihren Anfängen von Lehrstreitigkeiten geprägt. Auch in unserem Jahrhundert haben sich von der NAK immer wieder Gruppen und Gemeinden abgespalten. Keine andere christliche Sondergemeinschaft hat eine solche Fülle von Abspaltungen erlebt. Dennoch erhebt die NAK den Anspruch, die "einzig wahre Fortsetzung der Urkirche" zu sein.

Für das Lebensgefühl der heutigen NAK sind diese Fragen jedoch von untergeordneter Bedeutung. Hier zählt vielmehr, daß die NAK wie eine (Glaubens-) Familie lebt: Jeder hat seinen Platz, jeder hat seine Aufgabe, und allen ist geholfen, wenn die gleichsam gottgegebene Ordnung nicht unnötig hinterfragt wird. Bezeichnend ist der Titel der zweimal monatlich erscheinenden Zeitschrift: "Unsere Familie". 1973 hieß es hier: "Darin unterscheiden wir uns von den übrigen Christen, daß wir eine große Familie darstellen, wo eben der Jüngste so denkt wie der Älteste."

Dieses Zitat läßt aber auch ahnen, wo Konflikte entstehen können: In den letzten Jahren melden sich immer wieder Kritiker bzw. Aussteiger aus der NAK zu Wort, die berichten, daß die NAK ihre Mitglieder "überwacht, kontrolliert, unterdrückt". Der "familiäre Charakter" der NAK hat also zwei Gesichter: Positiv läßt sich von christlicher Gemeinschaft und Verbindlichkeit reden, negativ von Kontrolle und autoritärem Druck. Aussteiger betonen diesen negativen Aspekt: Sie erzählen, zu welch schweren Konflikten die innere Bindung an die NAK führen kann, sie kritisieren, daß die Art der Vermittlung der NAK-Glaubenslehren bei vielen Gläubigen innere und äußere Probleme auslöst, und sie berichten, daß Amtsträger, welche nicht lückenlos die Vor-gaben der Apostel umsetzen, gemaßregelt werden.

Sonderlehren

Für die NAK ist die wahre Kirche Christi an das Amt, genauer an das Amt des Apostels gebunden. Der neuapostolische Apostel ist "der von Gott erwählte Bevollmächtigte Jesu Christi", der "Botschafter an Christi Statt". Diesem Amt ist sogar der Heilige Geist untergeordnet.

Folgen wir dieser Logik, dann ist die Kirche im Vollsinn nur da möglich, wo Apostel sind. Dieser Befund ist für das theologische Selbstverständnis der NAK grundlegend - und er ist grundlegend falsch, da das biblische Apostelamt an die Beauftragung durch Jesus Christus gebunden war. Die Zeit der Apostel ist vorbei.

Die theologische Auseinandersetzung mit der NAK ist also im Kern eine Frage nach dem Amtsverständnis: Aus evangelischer Sicht reden wir von der Rechtfertigung des Sünders allein aus Glauben. Dieser Glaube bedarf keiner heilsvermittelnden Institution, keiner - wie auch immer gearteten - Hierarchie. Gottes Wort erschließt sich dem Gläubigen unmittelbar und ohne jedes "Amtsvermögen".

Weltweit amtieren derzeit knapp 300 Apostel. Das Apostelkollegium ist streng hierarchisch aufgebaut: An der Spitze steht der sog. "Stammapostel" mit Sitz in Zürich. Der Stammapostel gilt als "das sichtbare Haupt der Kirche Jesu Christi und ist in allen ihren Angelegenheiten ihre oberste Instanz", ja, er wird als "Repräsentant des Herren auf Erden" beschrieben. Das heute in der NAK-Lehre als heilsnotwendig betrachtete Stammapostelamt entstand erst um die Jahrhundertwende nach internen Machtkämpfen. Heute gilt das Wort des Stammapostels als "Gottes Wort für unsere Zeit". Es wiegt praktisch schwerer als das Wort der Bibel. Deshalb wird die Bibel auch nicht studiert (die Amtsträger haben keine besondere biblische und theologische Ausbildung); sondern einzelne biblische Verse werden den Ansprachen zugrunde gelegt und mitunter recht willkürlich ausgelegt.

Wie problematisch die Position des Stammapostels sein kann, zeigen die Ereignisse von 1951: Damals verkündete der achtzigjährige Stammapostel Johann Gottfried Bischoff, Jesus Christus werde noch zu seinen Lebzeiten wiederkommen. Diese Botschaft wurde jedoch nicht als persönliche Meinung des Stammapostels ausgegeben, sondern sie wurde in den Rang einer Heilswahrheit erhoben: Wer Bedenken anmeldete, wurde verstoßen. Heute kann man sagen, daß diese unselige (und der Bibel widersprechende!) Botschaft viel Verwirrung und Leid verursacht hat.

Als Bischoff 1960 starb, ging die Leitung der NAK flugs zur Tagesordnung über. Obwohl der Irrtum unübersehbar ist, wird bis heute gesagt: "Wir halten daran fest, daß der Stammapostel sich nicht geirrt hat."

Auch diese Ereignisse führten zum Ausschluß und zur Abspaltung einzelner Gemeinden. Die von Kritikern erwartete große Austrittswelle trat jedoch nicht ein. Offensichtlich waren (und sind!) die inneren Bindungskräfte sehr stark.

Die NAK, kennt drei Sakramente: Neben Taufe und Abendmahl steht die "Versiegelung", welche nur ein neuapostolischer Apostel spenden kann. In der NAK bedeutet dieses Sakrament die Spendung des Heiligen Geistes. Weil diese als wesentlicher Teil der Wiedergeburt betrachtet wird, ist damit indirekt allen Christen außerhalb der NAK die Gotteskindschaft abgesprochen. Die NAK betont den Endzeitgedanken: Das Glaubens- und Heilsziel besteht darin, bei dem "nah erwarteten Wiederkommen Jesu" dabei zu sein und hierfür "würdig und bereit" zu werden. Dieser sog. "Tag der ersten Auferstehung" ist ausschließlich Neuapostolischen vorbehalten. Für alle anderen Menschen bricht das "große Verderben" an.

Kritik

Jede Kritik an einer Gemeinschaft, deren Kirchen allsonntäglich wohl besucht sind und die eine gut funktionierende religiöse Lebensgemeinschaft darstellt, fällt schwer. Zudem läßt sich Engführung, biedere Frömmigkeit, Gesetzlichkeit, Abkapselung auch in manchen Gemeinden der anderen Kirchen finden. Zwei Glaubenspunkte sollen aber doch kritisch ins Visier genommen werden. Der Stammapostel wird "als Repräsentant des Herrn auf Erden" angesehen. Der Stammapostel und die Apostel verfügen überein "Amtsvermögen". Entsprechend wird zwar die Wassertaufe anderer christlicher Gemeinschaften als ein "für diese gültiges" Sakrament anerkannt, aber zur "Erlangung der Wiedergeburt aus Wasser und Geist ist die Bestätigung dieser Taufe durch den Apostel oder einen von ihm beauftragten Amtsträger Voraussetzung". Nur durch diese Bestätigung erlangt sie vor Gott Gültigkeit. Der nicht zuletzt mit dem Sakrament der "Versiegelung" zusammenhängende Exklusivismus ist schuld daran, daß die NAK nach wie vor häufig als "Sekte" wahrgenommen wird: Sie reduziert die Kirche Jesu Christi auf die eigene Organisation, in der allein Errettung und Heil möglich sind.

Ratschläge zum Umgang

Die Mitglieder der NAK sind - ungeachtet der Sonderlehren - Christen. Die Taufe der NAK wird von den beiden großen Kirchen anerkannt. Die NAK erkennt jedoch die Taufe der Evangelischen bzw. der Römisch-kathölischen Kirche nicht an. Die NAK ist nicht Mitglied der "Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen" (ACK). Sie kann folglich auch nicht als Freikirche angeredet werden. Abendmahlsgemeinschaft besteht nicht; ökumenische Trauungen sind nicht möglich.

Literatur

  • Andreas Fincke: Die Neuapostolische Kirche im Umbruch. Zwischen Wachstum und Reformstau
    EZW-Text Nr. 146, Berlin 1999.
  • Helmut Obst: Neuapostolische Kirche - die exklusive Endzeitkirche?
    Reihe Apologetische Themen Bd. 8,
    Friedrich Bahn Verlag, Neukirchen-Vluyn 1996.
Kritische Literatur von ehemaligen Mitgliedern oder Amtsträgern der NAK:
  • Siegfried Dannwolf: Gottes verlorene Kinder.
    Ein Ex-Priester der Neuapostolischen Kirche klagt an.
    Gütersloh 1996.
  • Olaf Stoffel: Angeklagt: Die Neuapostolische Kirche. Erfahrungen eines Aussteigers
    Gütersloh 1999.

Selbsthilfegruppen

  • "Kontakt und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen"(KISS)
    Marienstr. 9 in 701 78 Stuttgart,
    Tel.: 07 11/640 6117, Fax.: 0711/607 4561.
  • "Artikel 4 - Initiative für Glaubensfreiheit" e. V.
    PF 101 202 in 44712 Bochum
  • Selbsthilfegruppe für Aussteiger aus religiösen Gruppierungen Heidelberg/Heppenheim,
    Alte Eppelheimer Straße 38 in 69115 Heidelberg
    Tel.: 06221/184290
Dr. theol. Andreas Fincke
Berlin, im April 1999

Dieser Text stammt von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen und kann dort als Faltblatt bezogen werden:

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