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NAK und die Ökumene

NAK erwägt Chancen und Risiken einer ökumenischen Öffnung

NAK erwägt Chancen und Risiken einer ökumenischen Öffnung

Die Neuapostolische Kirche steht vor großen Entscheidungen im Blick auf ihre Zukunft. Es geht um die Frage, wie sie ihr Verhältnis zu den anderen Kirchen in Zukunft selbst definieren möchte und was dies für Auswirkungen auf das innere Leben der Neuapostolischen Kirche hat.

Exklusives Selbstverständnis

Seit ihrer Loslösung von den sehr stark ökumenisch gesinnten katholisch-apostolischen Gemeinden hat die Neuapostolische Kirche ein stark exklusives Selbstverständnis vertreten.

Der Glaube, dass nur die Angehörigen der eigenen streng umgrenzten Gemeinschaft zur Kirche Jesu Christi gehören und damit ein Anrecht auf die Erlösung haben, ist theologisch nicht weniger radikal als bei den Zeugen Jehovas. Dieser Anspruch, dass nur die Mitglieder der eigenen Gemeinschaft ein Anrecht auf die Erlösung haben, wurde allerdings nicht so aggressiv nach außen vorgetragen, sondern diente vorrangig der Vergewisserung nach innen. Im Kern dieser Auffassung steht die Vorstellung, dass der Heilige Geist nur in der Neuapostolischen Kirche wirksam ist, da er durch das hierarchisch gegliederte neue Apostelamt vermittelt wird.

Neuer Wind

Seit Richard Fehr Stammapostel der Neuapostolischen Kirche ist, hat diese in einigen Bereichen ihr Gesicht etwas verändert. Da er selbst aus der Medienbranche stammt, weiß er um die Bedeutung der Öffentlichkeitsarbeit. Die frühere Zurückgezogenheit wurde vielfach aufgegeben, man stellt sich der Öffentlichkeit, informiert, präsentiert sich weitaus stärker als in den vorangegangenen Jahrzehnten. Solch eine Öffnung nach außen bleibt erfahrungsgemäß nicht ohne Konsequenzen nach innen. Es stellt sich die Frage, ob dieser „neue Wind“ auch in dieser Hinsicht etwas bewegt hat. Bildlich gesprochen: Sind schon einige alte Aste abgebrochen? Oder ist es bislang nur ein Blätterrauschen?

Begegnungen

Zur Arbeit an verschiedenen Themen im Blick auf die Zukunft der Neuapostolischen Kirche wurden vom Stammapostel sog. „Projektgruppen“ eingesetzt, die auch einen Meinungsbildungsprozess im Inneren einleiten sollen.

Die neue Dialogbereitschaft zeigt sich auch an konkreten Ereignissen. So kamen 1999 der Medienreferent der Neuapostolischen Kirche International, Peter Johanning, und der sächsische Apostel Joachim Quittenbaum nach Halle in die Franckeschen Stiftungen und stellten sich dort den kritischen Fragen des Publikums. Im Jahr 2000 wurde in der neuapostolischen Zeitschrift „Unsere Familie“ ein Interview mit Prof. Dr. Helmut Obst von der Theologischen Fakultät in Halle abgedruckt - noch vor ein paar Jahren ein unvorstellbarer Vorgang, dass ein Kritiker der Neuapostolischen Kirche in der eigenen Zeitschrift zu Wort kommt.

Gegenwärtig sind in Baden-Württemberg Sondierungsgespräche zwischen der Neuapostolischen Kirche und der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) geplant, um den gegenwärtigen Stand der ökumenischen Beziehungen zu klären sowie Erwartungen und Grenzen des ökumenischen Austauschs zu besprechen. In diesem Zusammenhang stellte Apostel Volker Kühnle aus Baden-Württemberg, Leiter der Projektgruppe „Ökumene“ in der Neuapostolischen Kirche, im Mai auf einer Tagung der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) die Veränderungen und die gegenwärtige Situation aus seiner Sicht vor.

Aussteigerbetreuung

Veränderungen vollziehen sich demnach in verschiedenen Bereichen. Öffnung zum Kontakt gibt es neben den erwähnten Dialogbemühungen mit der evangelischen Kirche (zur röm.-kath. Kirche bestehen kaum Kontakte) auch gegenüber „Aussteigern“ aus der Neuapostolischen Kirche. Dazu wurde ein „Gremium für besondere Angelegenheiten“ geschaffen, um eine zentrale Anlaufstelle für Kritiker und Unzufriedene zu haben, damit deren Beschwernisse nicht in der Hierarchie der Amtsträger steckenbleiben. Es gab Gespräche mit prominenten Kritikern der Neuapostolischen Kirche wie Siegfried Dannwolf oder Olaf Stoffel mit dem Ziel, der Diskussion etwas die Schärfe zu nehmen.

Apostolisches Konzil

Ein anderer Bereich ist die „innerapostolische Ökumene“, in dem eine größere Gemeinschaft gesucht wird. Im September 2000 fand in Zürich das erste „Konzil“ von 10 apostolischen Gemeinschaften statt. Im Mai 2001 fand es seine Fortsetzung.

Stärker auf die eigene Gemeinschaft ist die Neufassung der „Hausregeln“ bezogen, die eine Art Leitbild oder kurzgefasste Grundordnung für die Mitglieder der Neuapostolischen Kirche darstellen.

Lehränderungen

In seinem Referat bei der EZW wies Apostel Kühnle auf einige in den letzten Jahren erfolgte Lehränderungen hin.

So wurde der 10. Glaubensartikel in eine moderatere Form gebracht, so dass nun nicht mehr gemäß „fundamentalistischem Bibelverständnis“ bedingungsloser Gehorsam gegenüber jeglicher Obrigkeit gefordert wird, sondern ein Vorbehalt eingeführt wurde.

Wichtiger erscheinen für das ökumenische Gespräch Veränderungen im Amtsverständnis des Stammapostels. Nach Kühnle bezeichnet er sich nicht (mehr) als sichtbares Haupt der Kirche und Repräsentant von Jesus Christus auf Erden, sondern nimmt lediglich im kirchenleitenden Apostolat den ersten Platz ein und ist insoweit höchste Autorität in Glaubensfragen. An der praktischen Funktion ändert sich also nichts, allerdings ist beachtlich, dass auch auf Rückfrage hin an der Formel „primus inter pares“ (erster unter Gleichen) zur Beschreibung der Stellung des Stammapostels festgehalten wurde.

In Bezug auf die Auslegung der Johannesoffenbarung im Neuen Testament wurden frühere Aussagen modifiziert, so dass nun die „144 000 Erstlinge“ symbolisch verstanden werden und in den 7 Sendschreiben keine Periodisierung der Weltgeschichte mehr gesehen wird.

Stellung zur Ökumene

Das neue Interesse der Neuapostolischen Kirche an der Ökumene hat seine Voraussetzung in der Ökumenischen Zielvorstellung einer „Versöhnten Verschiedenheit“. Dahinter verbirgt sich die Hoffnung auf eine ökumenische Anerkennung unter Beibehaltung der Identität der Neuapostolischen Kirche. Dem stehen gegenwärtig aber noch gewichtige Probleme entgegen.

So ist die kirchlicherseits unverzichtbare Anerkennung des Wirkens des Heiligen Geistes auch außerhalb der neuapostolischen Amtshierarchie gegenwärtig noch nicht offizielle Lehre und Gegenstand interner Gespräche über das Sakramentsverständnis.

Ein anderer - damit zusammenhängender - strittiger Problempunkt ist die Frage nach dem Stellenwert der neuapostolischen Versiegelung und ob die kirchlichen Taufen insofern als zwingend ergänzungsbedürftig angesehen werden.

Auch das Verhältnis von Bibelwort und Apostelwort in der Praxis der Neuapostolischen Kirche ist noch weiter klärungsbedürftig, auch wenn formal eine Vorordnung der Bibel anerkannt wird.

Ein weiter Weg

Insgesamt ist die zu erkennende Absicht der Öffnung der Neuapostolischen Kirche und die diesbezüglichen Unternehmungen der Kirchenleitung positiv zu beurteilen. Allerdings ist es bis zu einer eventuellen ökumenischen Annäherung noch ein weiter und mühsamer Weg, denn die Entfernungen sind noch beträchtlich. Wirklich bahnbrechendes hat sich - trotz aller guten Ansätze - noch nicht ereignet und von Absichtserklärungen allein lebt keine Ökumene. Es ist damit zu rechnen, dass auch innerhalb der Neuapostolischen Kirche in diesen Fragen beträchtliche Spannungen bestehen, denn ein jahrzehntelang eingeübtes (exklusives) Selbstverständnis lässt sich auch in einer solch zentralistischen Struktur nicht einfach umkrempeln. Insofern sind die bisherigen (begrüßenswerten) Schritte der neuapostolischen Kirchenleitung in Richtung auf eine ökumenische Annäherung weniger als ein forsches Ausschreiten, sondern vielmehr als ein vorsichtiges Tasten zu charakterisieren, das nach jedem Schritt nach vorn wieder zurück sehen muss, wie viele an der eigenen Basis auch bereit sind, diesen Schritt mitzugehen.

Harald Lamprecht, 6/2001