Skip to main content

Ivo Sasek und seine Bewegung

Grundlegende Darstellung (Erschienen im Materialdienst der EZW, 4/2003)

Übersicht:

  1. Ivo Sasek unter der Hand Gottes (Geschichte)
    1. Kindheit und Jugend
    2. Gotteserfahrung
    3. Obadja und OCG
    4. Aktivitäten
  2. Wiederbelebung praktischen Christentums (Anliegen)
    1. Gericht
    2. Hingabe und Vergöttlichung
    3. Macht über die Sünde
    4. Gehorsam im Organismus
  3. Anfragen
    1. Was ist der Mensch?
    2. Glaubenswerk
    3. Gotteserkenntnis und Wundersucht
    4. Ivo, der Prophet und Lehrer
    5. Christusleib und Kirche
  4. Abgrenzung und Ausgrenzung

Das Bemühen um ein christlichens Leben nach biblischem Vorbild hat zu vielen Zeiten die Kirchengeschichte begleitet. Oft waren es kleinere, engagierte Gruppen, die auf Mißstände in dem etablierten Christentum hinwiesen und als wachsende Bewegungen wichtige Impulse für Reformen gaben. Insofern hatten und haben diese kleinen Gruppen – so unbequem sie mitunter auch sein mögen – eine wichtige Funktion für die gesamte Christenheit, wenn der Satz von der ecclesia semper reformanda praktisch werden soll. Auf der anderen Seite geht dieses Reformbestreben oft mit der Gefahr der Versektung einher und hat nicht selten zu bleibenden Abspaltungen geführt. Diese Gefahr wird insbesondere dann akut, wenn nur noch die eigene Form des Glaubenslebens als Verwirklichung wahren Christseins anerkannt wird und die Gemeinschaft mit der übrigen Christenheit darüber zerbricht.

In dieser Spannung zwischen berechtigten Reformimpulsen und der Gefahr einer neuen Sektenbildung steht die Bewegung, die mit dem Namen Ivo Sasek verknüpft und mancherorts als Organische Christus-Generation (OCG) bekannt geworden ist. Seit etwa drei Jahren wird zunehmend die Öffentlichkeit durch groß angelegte Veranstaltungen in den Sommermonaten auf diese Bewegung aufmerksam. So wurde in diesem Jahr für ein Musical „Novatorium“ mit „Gala-Brunch” geworben, bei dem Christen „wichtige moralische, ethische und christliche Grundwerte“ vermittelt werden sollten. Was sind die Ziele und Anliegen dieser Bewegung und wie sind sie zu beurteilen?

Die nähere Betrachtung dieser Bewegung ist auch unter einem anderen Blickwinkel von Interesse. Es ist die Frage, in wieweit sich in der Geschichte und Entwicklung der OCG grundlegende Elemente bei der Bildung neuer religiöser Bewegungen beobachten lassen. Insbesondere das nicht immer einfach zu durchschauende Verhältnis aus gewollter (elitärer) Selbstabgrenzung und erlittener Ausgrenzung durch die Umgebung verdient eingehendere Betrachtung – ist dies doch ein wesentlicher Faktor für die Konfliktträchtigkeit von Gruppierungen und kann hier in seiner Dynamik geradezu „live“ beobachtet werden.

1. Ivo Sasek unter der Hand Gottes (Geschichte)

Initiator und Zentralfigur ist der am 10. Juli 1956 in Zürich geborene Ivo Sasek. Seine Biographie hat er in missionarischer Absicht selbst ausführlich in einer Ton-Bild-Schau dargestellt, die auch als Kassettenbotschaft vertrieben wird. Diese Autobiographie ist an vielen Stellen sehr aufschlussreich für Saseks Grundeinstellungen und zeigt einige seiner Denkmuster deutlich. Ihr Titel „Höhere Gewalt“ zeigt den Blickwinkel und Interpretationsschlüssel, den Sasek für die Darstellung seiner Lebensgeschichte gebraucht: alles, was ihm widerfahren ist, sieht er als Ausdruck der höheren Gewalt Gottes, der sein Leben in der Hand hat. Damit ist noch etwas spezielleres gemeint, als der Glaube, dass Gott letztlich jedes Leben in seiner Hand hält, wie aus dem Zitat der Berufung des Propheten Jeremia (Jer 1,5) hervorgeht. Ivo Sasek fühlt sich von Gott als Prophet für die Nationen auserwählt, darum hat Gott ihn in Krisen und Unfällen behütet und diesen Lebensweg geführt.

a) Kindheit und Jugend

Zunächst vollzog sich sein Leben jedoch in anderen Bahnen. Seine Eltern hatten sich, als er etwa 6 Jahre war, ganz bewusst von Gott und aller Frömmigkeit abgesagt. Er macht dafür das schlechte Vorbild seiner Großeltern verantwortlich und sieht darin „welch grausame Frucht ein Christenleben mit Kompromissen trägt“.

Mit etwa 10 Jahren verlässt der Vater die Familie. Offenbar war Ivo Sasek kein einfaches Kind. Die Mutter ist mit der Erziehung überfordert, so dass der junge Ivo für 9 Monate in ein Kinderheim kommt. Ob die von ihm genannte Begründung (weil er nicht genug gehorcht hat) seiner Persönlichkeitsstruktur oder seiner jetzigen Vorliebe für die Betonung des Gehorsams (oder beidem) zuzurechnen ist, ist schwer zu entscheiden. Seine Schulzeit schildert er als sehr schwierig, auch die anschließende Lehre als Automechaniker war sehr spannungsreich. Die Erfahrungen der Jugendzeit sieht er rückblickend kritisch und spricht von Vielweiberei, okkulten Praktiken, Untreue, er habe gestohlen, gelogen und betrogen, weil er Millionär werden wollte. Sein neues Hobby wird die Musik. In einer Band spielt er Schlagzeug, bis zu 6 Abende in der Woche und macht auch (kurze) Erfahrungen mit Drogen. Allgemein fühlt er sich erfolgreich, sowohl in seiner Musik, als auch in seiner Wirkung auf das andere Geschlecht.

b) Gotteserfahrung

Nach der Militärzeit beginnt er als Automechaniker in einer Züricher Garage, wo er auf einen bekennenden Christen trifft, der ihn sehr beeindruckte. „Weil er uns in keinem Stück angeglichen lebte und nie auch nur den geringsten Versuch unternahm, uns zu gefallen, hatte sein Zeugnis große und nachhaltige Wirkung auf mich.“ Es ist bedeutsam, dass Ivo Sasek gerade die Unangepasstheit des Verhaltens seines Arbeitskollegens als positiv hervorhebt. Dessen Fragen gingen ihm nicht mehr aus dem Kopf. Im Sommer 1977 sei dann der Durchbruch erfolgt: „Gut Gott, du willst mein Leben. Dann nimm doch dieses Scheiß Leben hin und mach etwas draus.“ Von großer Bedeutung ist, was Ivo Sasek daraufhin berichtet: „Gott hat erstaunlicherweise diese Hingabe ernst genommen und belohnt. In dieser Zeit hatte ich nachts, mitten in Träumen, in normalen menschlichen Träumen, plötzlich himmlische Dimensionen erlebt. Gott hat mir seine Herrlichkeit gezeigt. Ich kann das jetzt nicht beschreiben. Ich möchte nur bezeugen, dass ich am Morgen mit Jauchzen aus dem Bett sprang und mit meinem Herzen Jubelte: Gott gibt es, Gott lebt, ich habe ihn gesehen, ich habe es erlebt.“ Diese visionäre Gotteserfahrung im Zusammenhang seiner Bekehrung hat für die Begründung von Ivo Saseks geistlicher Autorität tragende Bedeutung.

Zunächst sucht er Gemeindeanschluss. Über seine Großmutter kommt er in eine nicht näher bezeichneten christlichen Gemeinde, findet dort aber „nichts von jenem heiligen Glanz und jener dynamischen Echtheit und Hingabe“ die er suchte. Erst ein Jahr später findet er Kontakt zur freikirchlichen Newlife-Bewegung in Zürich, die für die nächsten Jahre sein geistliches Zuhause bildet. Dort lässt er sich taufen „um damit zum Ausdruck zu bringen: Ich will nicht nur Sündenvergebung von meinem Gott, sondern ich will ihm mein ganzes Leben fortan zur Verfügung stellen.“ Diese Erläuterung stellt den Charakter einer öffentlichen Selbstverpflichtung vor die Sündenvergebung.

Auf seiner Arbeitsstelle als Gebrauchtwagenhändler habe er in der folgenden Zeit nicht nur jedem Käufer „tüchtig das Evangelium bezeugt“, sondern auch allen 120 Mitarbeitern des Betriebes, so dass Konflikte mit der Direktion nicht ausblieben. Sein besonderes Sendungsbewusstsein verträgt sich nicht mit der Tätigkeit im Autohaus, so dass er seine Kündigung schreibt und 1979 auf die Newlife Bibelschule in Walzenhausen geht.

Ivo Sasek beschreibt seine Zeit an der Bibelschule als erfolgreiche Zeit und eine Zeit großen Umdenkens, in der er alles menschliche Denken gegen göttliches Denken umgetauscht und gelernt habe, sich voll auf Gott zu verlassen. Ausgeführt wird dies vor allem im Bereich der Finanzen: Er habe alle Ersparnisse weggegeben, um sich durch Gott versorgen zu lassen. Auf einmal hätten ihm Menschen Geld in die Hand gedrückt. Seine offenen Rechnungen über 1000 SFR seien einfach so durch andere bezahlt worden. Zwar habe er meist nicht mehr als 10 SFR Bargeld besessen, aber keinen Mangel gehabt, denn mit allen Rechnungen sei auch parallel alles Geld gekommen. So habe er die Phantasie Gottes kennengelernt. (Ob vielleicht seine Freunde einfach nur die schwächeren Nerven hatten, darüber reflektiert er nicht.)

Seine Produktivität war enorm: in über 7 LPs habe er als Schlagzeuger mitgewirkt, war Radioprediger bei Gospelradio Zürich, schrieb über 30 Radiopredigten, 365 Briefe und 12 Rundbriefe im Jahr, gönnte sich täglich nur drei viertelstunden Pause und wenn keine Gelegenheit war, den Menschen zu predigen, ging er an den See hinunter und predigte dort den Mäusen, Schwänen, Enten und Fröschen. Nie habe er Verständnis dafür gehabt, wenn die anderen Bibelschüler bei Tee und Gebäck verweilten. Er nutzte jede Gelegenheit zu Gebet und echten geistlichen Gesprächen. Auch hier ist seine Hingabe radikal. Jedoch empfand er, dass Aufwand und Ertrag in keinem Verhältnis zu einander standen. Eine Wende bringen pfingstlerische Erfahrungen. Ivo Sasek berichtet von „Zeichen und Wundern“ die geschahen und die ganze Bibelschule durcheinanderbrachten. Binnen einer Woche sei er von der Schulleitung vor die Entscheidung gestellt worden, sich von den Geistesgaben loszusagen, oder zu gehen. Für ihn war dies eine Entscheidung zwischen Gott oder Menschen. Die Ablehnung durch die Bibelschule blieb ihm unverständlich, darum wähnt er sich in diesem Konflikt sicher auf Gottes Seite.

Zunächst geht er auf Missionsreise nach Indien und Nepal, ist dort aber den körperlichen Anstrengungen nicht gewachsen und muss notfallmäßig in die Schweiz zurückgeflogen werden.

c) Obadja und OCG

Die Schilderung der nächsten Jahre beinhalten den Aufbau der Organisation in Walzenhausen und handeln vor allem vom Geld. Ivo Sasek wird nicht müde, Gottes präzise Führung und ungewöhnliche aber zuverlässige Finanzierungsmethode zu preisen, die er als Ergebnis seiner Hingabe versteht und auch private Vorteile einschließt. Aus Nepal zurückgekehrt besaß er nur 10 Franken, bekam aber ein Auto und Geld geschenkt. 1983 lernte er seine Frau Anni kennen. Er bucht – obwohl eigentlich mittellos – auf göttlichen Auftrag eine Hochzeitsreise auf die Maledediven und wieder: „Auf Zeit und Stunde ist alles da gewesen: eine 7000fränkige Hochzeitsreise, eine neue Wohnungseinrichtung, ein anderes Auto, und wie immer am Schluss wieder 100 Franken in der Tasche.“

Ivo Sasek beginnt die Arbeit in der Drogenrehabilitation „Obadja“. Im Dezember 1984 wird – völlig ohne Eigenkapital – in Walzenhausen das erste Haus gekauft, das heute die Wohnung der Saseks beherbergt. Dann habe Gott sogar befohlen, auf die von den Sozialkassen für jeden Drogenrehabilitanten gezahlten 2000 SFR/Mon zu verzichten und allein auf Gottes Versorgung zu vertrauen. Und wieder seien von vielen Unbekannten Geldspenden gekommen, auch in größeren Dimensionen, so dass sogar Bauprojekte in Angriff genommen werden konnten. Auch familiär ging es voran: Das Ehepaar Sasek hat mittlerweile 10 eigene Kinder.

Probleme im Spendenfluss, die es auch gegeben hat, bringt Ivo Sasek in Verbindung mit unheilig lebenden, betrügerischen Menschen unter den Mitarbeitern. Erst nach dem Geständnis eines Diebstahles durch einen jungen Mann sei der Fluss des Geistes wie auch der Spenden wieder normal im Gange gewesen.

Aber es gibt weitere Schwierigkeiten: „Feindlich gesinnte Menschen“ erstatteten Strafanzeige wegen Kindesmißhandlung. Auf den Anlass (seine Lehre über die Notwendigkeit der Kindererziehung mit der Rute) geht er an dieser Stelle nicht ein, erwähnt aber, dass der vom Gericht bestellte Arzt so angetan von der himmlischen Ruhe und dem Frieden in seiner Familie gewesen sei, dass er in der Anzeige nur das Werk verleumderischer Menschen erblicken könne.

Im November 1994 erleidet Ivo Sasek einen Nervenzusammenbruch. Es folgen Monate im Krankenhaus, anhaltende Schlafstörungen, Medikamentenabhängigkeit. Nach seiner Genesung erscheint ihm vieles fester, selbständiger und gereifter durch die Krise. Aus der Drogenrehablilitation wird eine Lebensschule mit missionarischer Ausstrahlung. Es folgt die Gründung des Gemeindelehrdienst und des Elaion-Verlages, in dem Ivo Saseks Schriften verbreitet werden. Über 30000 Bücher seien inzwischen an geistliche Leiter in der Schweiz und Deutschland verteilt worden.

Soweit die Schilderung Saseks in seiner Autobiographie. Ivo Sasek ist eine Persönlichkeit mit ausgeprägtem Sendungsbewußtsein. Zur Motivation seiner Bücher schreibt er in einem Vorwort: „Ich rede und schreibe nicht, weil ich als gebürtiger Stadt-Zürcher zur geistlichen Situation der Kirche und Gemeinde auch noch etwas zu sagen hätte. Ich rede und schreibe, weil mich die Hand Gottes ergriffen hat und ich darum nicht schweigen kann.“ Dies ist kein geringer Anspruch.

d) Aktivitäten

Mittlerweile ist aus dem einstigen Drogenrehabilitationsprojekt ein christliches Zentrum mit umfangreichen Aktivitäten und einer wachsenden missionarischen Ausstrahlung geworden. Aus Obadja wurde OCG, die „Organische Christus-Generation“. Seit 1993 wird unter der Bezeichnung „Lebensschule“ Einzelpersonen, Ehepaaren oder Familien angeboten, in etwa dreimonatiger Schulung durch „verbindliches organisches Zusammenleben und Eingehen auf Gottes Weisungen ein gründliches, gottgemäßes neues Lebensfundament“ zu bauen. 1997 kam eine Jüngerschaftsschule hinzu. Zweimonatlich erscheinen die Zeitschriften „Der Ölbaum“ und „Panorama-Nachrichten“. Im zum Gemeinde-Lehrdienst gehörigen Elaion-Verlag werden mittlerweile 16 Bücher und über 150 Kassetten mit Vorträgen von Ivo Sasek verbreitet. Zur weiteren Bekanntmachung des Werkes dienen die seit drei Jahren in den Sommermonaten unternommenen Tourneen, bei denen Stücke von Ivo Sasek aufgeführt und Lebenszeugnisse seiner Familie präsentiert werden. Dazu gehören Musicals („Der Bettler vom Schloss“, „Lemuel“), Tonbildschauen („Das Wesen der Liebe/ Organisches Gemeindeleben“) und musikalische Darbietungen („Apostolisch Beten“, Lieder der Sasek-Kinder etc.).

Nach Angaben von Topic 9/2001 betreut Ivo Sasek in sechs europäischen Ländern ca. 170 Hauskreise und hat etwa 1500 Anhänger.

In Walzenhausen selbst werden die meisten Veranstaltungen angeboten. Der Ort bildet das Zentrum der Bewegung. Anhänger reisen von weit her nach Walzenhausen, um die dortigen Veranstaltungen zu besuchen. Regelmäßig finden Besuchertage zum Kennenlernen statt. Neuerdings werden sogenannte „Bemessungswochen“ für Teilnehmer angeboten, die „grundsätzlich oder in gewissen Punkten ihres Glaubenslebens stagnieren, aber nicht wissen, weshalb sie nicht mehr weiterkommen. Wir bemessen, ob und inwieweit Christus unserem aktuellen Stand gemäß schon in uns Gestalt gewonnen hat. Gleichzeitig wird die Organismustauglichkeit geprüft.“ Am Ende einer solchen Bemessungswoche werden als Hilfestellung die persönlichen Weisungen Gottes schriftlich festgehalten, damit sie auch verbindlich umgesetzt werden. Bei einer Nachbemessung wird geprüft, wie die Beziehung zu Gott wachsend ist. „Solche Nachbemessungstage wiederholen sich solange, bis wir sicher sein können, dass die Teilnehmer auf persönlicher Ebene zuverlässig mit den Weisungen des Heiligen Geistes Schritt halten gelernt haben bzw. dabei sind, diese umzusetzen.“

Die drei ältesten Sasek-Kinder leiten seit Anfang 1999 eigene Kinderversammlungen, in denen nach eigenen Angaben hunderte von Kindern unterwiesen werden, „wie man Vater und Mutter ehrt, in der Schule ein Vorbild ist, in Christus wandelt usw.“

Sämtliche Angebote in Walzenhausen, auch die Bücher, Kassetten und CDs des Elaion-Verlages, sind für die Teilnehmer kostenfrei und werden durch Spenden der Anhänger finanziert.

2. Wiederbelebung praktischen Christentums (Anliegen)

„Unseren Auftrag sehen wir dann erfüllt, wenn durch uns ein Christentum wiederbelebt und fortgepflanzt wird, das in allem ein Praktisches und nicht bloss Theoretisches ist. Die Menschheit soll die verlorene Kraft zur Selbstverleugnung und das Geheimnis „In Christus“ wieder finden. Sie soll die Macht über sämtliche Begierden, denen sie gegenwärtig versklavt lebt, zurückgewinnen, um im Geben wieder glückseliger zu werden als im Nehmen.“

Mit diesen Worten wird auf einer Schautafel das Anliegen der OCG umschrieben. Darin wird deutlich, dass 1) Ivo Sasek sein Wirken als „Wiederbelebung“ eines ansonsten absterbenden Christentums versteht und 2) praktisch diese Wiederbelebung in der Selbstverleugnung sowie der Bezwingung der Begierden sichtbar wird.

a) Gericht

Ivo Sasek fühlt sich als Gerichtsprophet. Egal in welche Kirche oder Denomination er schaut, überall findet er geistlichen Stillstand und Verstrickungen in Sünde, selbst unter den Gemeindeleitern, nicht jedoch die verheißene Fülle göttlichen Wirkens. „Wir sind Christen, die Gott verloren haben. Es gibt auch hier in unserer Mitte viele Menschen, die sich zu Christus bekennen, die aufrichtig Christen sein möchten, aber kategorisch und konsequent an Gott vorbei leben.” sagt Ivo Sasek in einem Vortrag.

Die Christenheit sei geistlich tot, nur werde dies vielfach nicht erkannt. In diesem Sinn versteht sich Ivo Sasek als von Gott mit einer Gerichtsbotschaft an die christlichen Gemeinden beauftragt. Bereits im März 1989 richtete er „Ein prophetisches Wort an die christlichen Versammlungen“. Seitdem zieht sich dieser Aspekt wie ein roter Faden durch viele seiner Predigten und Ansprachen. Im Januar 2001 fühlte sich Ivo Sasek berufen, alle deutschsprachigen „christlichen Leiter, Vorsteher und Verkündiger”, deren Adressen er bekommen konnte, zur Verkündigung einer Gerichtsprophetie einzubestellen. Über zehntausend Briefe wurden mit der Aufforderung, an einer der angebotenen Veranstaltungen teilzunehmen, verschickt. „Wer sich mutwillig nicht warnen und aufklären lässt, dessen Blut bleibt auf seinem Kopf.“ schloss die Aufforderung. Ivo Sasek nimmt die alttestamentlichen Propheten gern als Vorbilder für sein Wirken in Anspruch.

Gehört werden die Botschaften Ivo Saseks vor allem von Christen, die ihren Glauben besonders ernst nehmen und mehr wollen als die breite Masse. Es sind nicht die „Heiden“, die im Zentrum seiner Aufmerksamkeit stehen, sondern solche, denen es nicht genügt, ein „normales“ Gemeindeglied einer „normalen“ landeskirchlichen Gemeinde zu sein und die nach einem Wachstum im Glauben fragen. Solche, die nicht immer nur „Milch“, sondern auch einmal „feste Speise“ (1Kor 3,2) verdauen und dadurch Gott näher kommen möchten. Ihnen bieten die Schriften, Vorträge und Zeugnisse von Ivo Sasek viele Anregungen, ihr Leben neu zu bedenken, um es ganz in den Dienst für Gott zu stellen.

Ivo Sasek wendet sich gegen eine Verbürgerlichung des Glaubens, der sich in der Welt eingerichtet hat und die Bibel wie eine Vase in die Schrankwand stellt. Er predigt gegen einen gewohnheitsmäßigen Glauben in wohlgeordneten Bahnen, der von Gott nichts mehr erwartet. Gegen das „träge und selbstgenügsame Wohlstandschristentum“ kann er heftig wettern und es pauschal als „weltlüstern, gefräßig, gleichgültig und lieblos“ charakterisieren. Aber auch engagierte christliche Kreise geraten in seine Kritik, deren fromme Betätigung ihm nicht ausreichend erscheint. Wesentlicher Kritikpunkt ist eine aus seiner Sicht falsche Heilssicherheit, die er sowohl in Landeskirchlichen wie auch in freikirchlichen und charismatisch-pfingstlerischen Gemeinden findet. Deren Gemeindeleiter vergleicht er mit falschen Propheten, die Heil rufen, wo Unheil droht. Allgemein gibt er sich wenig Mühe bei der Differenzierung der von ihm vorgetragenen grundlegenden Kritik. Die breite Masse der Christen verdient nach seinen Aussagen diesen Namen nicht. Sie seien innerlich leer, ihr Glaube trägt nicht, hat keine Konsequenz. Die Theologen könnten nur über Gott lehren, aber sie leben nicht in ihm.

b) Hingabe und Vergöttlichung

Demgegenüber predigt Ivo Sasek die vollständige Hingabe, das völlige Aufgeben des eigenen Willens in den göttlichen hinein, das volle Vertrauen in die göttliche Führung zu jeder Zeit. Die rückhaltlose Hingabe kann als ein zentrales Kennzeichen seiner Theologie verstanden werden. Darauf kommt er immer wieder zurück. Der Mensch darf mit seinem Leben keinen eigenen Willen, keine eigenen Absichten, keine eigenen Wünsche mehr verbinden, sondern soll immer und in allem Gottes Wirken Raum geben. „Christus in uns und durch uns ist die allereinzigste gottwohlgefällige Formel. Alles, was in uns lebt und nicht Er Selber ist, ist verwerflich und kann Gott nicht gefallen.“

Vor diesem Hintergrund erscheinen auch frühere fromme Betätigungen und geistliche Erfahrungen als wertlos und sollen aufgegeben werden. Nichts eigenes soll sich mit dem Göttlichen vermischen wollen. Das ständige Vertrauen auf die unmittelbare Führung durch den Heiligen Geist und die Versorgung durch Gott wird als das Kennzeichen des wahren Glaubens angesehen. Ivo Sasek wird dabei nicht müde, seine eigenen Lebenserfahrungen als Bestätigung dieser Grundauffassung aufzuzeigen. In der Konsequenz verschwimmt der Unterschied zwischen Gott und Mensch. „Bei jeder Situation, bei jedem Wort, bei allem was wir tun, ist er gegenwärtig und wirkt durch die Kraft seines Geistes. Er lässt in uns Wünsche hochsteigen, weil wir unseren Körper, unsere Seele, unseren Geist ihm geweiht haben … weil ich gesagt habe: Lebe du mich. Denn so habe ich es in der Bibel entdeckt, dass Gott mich leben möchte.“ Ivo Saseks Wünsche sind demnach Gottes Wünsche, sein Leben ist durch Gott gewirkt, sein Handeln göttlich qualifiziert. In diesem Sinn bezieht er die neutestamentlichen Aussagen vom neuen Sein „in Christus“ auf sein Verständnis der Selbstaufgabe.

c) Macht über die Sünde

Praktische Seite dieser Hingabe – und auf die Praxis wird sehr großes Gewicht gelegt – ist die Bezwingung der eigenen Sündhaftigkeit. Ivo Sasek lehnt ausdrücklich die lutherische Erkenntnis des „simul iustus et peccator“ ab, nach der auch der im Glauben gerechtfertigte Christ in Sünde verstrickt und darum täglich neu auf die Vergebung Gottes angewiesen bleibt. In Ivo Saseks Verständnis ist diese Lehre nur ein Freibrief für faule Menschen, um sich vor wirklicher Veränderung des eigenen Lebens zu drücken. Nach seiner Überzeugung ist der Mensch durchaus zu sündlosem Leben in der Lage und dies wird auch eingefordert. Macht über die Begierden des Fleisches zu erlangen kann so zu einem Kennzeichen wahren Christseins werden. Die Selbstaufgabe duldet keine Ausnahmen. Es komme darauf an, immer, in jeder Situation, ganz und vollständig nur aus Gottes Willen zu leben.

d) Gehorsam im Organismus

Auf der Kassette „Wandel im Geist“ erläutert Ivo Sasek das Prinzip der Gesamtordnung. Nach seiner Auffassung haben die in Eph. 4,11-13 genannten Dienste die Aufgabe, die Gläubigen in eine Gesamtordung „einzurenken“, Nur innerhalb einer intakten Gesamtordnung sei Wandel im Geist und dauerhafte Überwindung des Fleisches möglich. Aus der Zerstörung dieser Gesamtordnung in der Kirchengeschichte nach Paulus erklärt sich der gegenwärtige elende Zustand des Christentums. Allerdings habe Gottes Wiederherstellung inzwischen wieder begonnen. Mit seinem eigenen apostolisch–prophetischen Dienst sieht Ivo Sasek diese Gesamtordnung wiederhergestellt.

Der Titel „Organische Christus-Generation“ nimmt auf die Einbindung des Individuums in eine solche neue organische Gesamtordnung bezug. Ausgehend von neugepflanzten kleinen Zellen, in denen die göttliche Ordnung in Ehe, Familie und Kindererziehung wiederhergestellt ist, kann schrittweise der Organismus, die neue heilig lebende Gemeinde als Christusleib wachsen.

Funktionalität der Glieder am Leib Christi erfordert in erster Linie Gehorsam. „Wenn deine Hand dir so gehorchen würde, wie du Gott gehorchst, wärest du ein Krüppel.“ meinte Ivo Sasek im August 2002 in Chemnitz. Unterordnung und Gehorsam werden zu zentralen Elementen in Saseks Glaubenslehre. In seinem neuesten Musical „Lemuel“ lässt Ivo Sasek seinen jugendlichen Protagonisten den Klassenkameraden, die sich erstmalig dafür interessieren, die Grundlagen des christlichen Glaubens erläutern. Statt Schuld und Erlösung, Kreuz und Auferstehung redet Lemuel aber nur über eins: Gehorsam und Unterordnung unter Obrigkeit (staatliche Gewalt), und geistliche Führer als (von Gott) Vorgesetzte der Väter und Männer. Frauen sollen sich gemäß Eph. 5 ihren Männern unterordnen, Kinder ihren Eltern. Nur wer unter denen laufen gelernt hat, die Gott als Autoritäten gesetzt hat, kann später den Willen Gottes erkennen.

Ivo Sasek lässt keinen Zweifel daran, dass er als geistlicher Leiter Gehorsam beansprucht. „Ich werde dich lernen, wie du dem Herrn gehorchst. Du wirst mir sagen, was der Herr sagt. Und weil ich den Herrn kenne, kann ich dir sagen, ob du getroffen hast oder nicht.“ In dem bereits erwähnten „Bemessungsdienst“ wird entschieden, wo ein Gläubiger im Organismus eingepflanzt wird und sein geistliches Wachstum „bemessen“.

3. Anfragen

Ivo Saseks Forderungen sind radikal. Dies macht sie unbequem, aber nicht notwendig alle falsch. Für vieles kann er sich durchaus auf biblische Vorbilder berufen. Jesus war auch kein bürgerlich angepasster Schriftgelehrter, seine Verkündigung erregte Widerspruch. Es gehört zum Wesen christlichen Glaubens und der biblischen Texte, auch immer wieder zur kritischen Anfrage an die eigene Lebensgestaltung werden zu können. Dennoch erscheinen in einigen Punkten ernsthafte Anfragen an Art und Inhalt der Verkündigung Ivo Saseks notwendig.

a) Was ist der Mensch?

Die Arbeitsgemeinschaft Religiöse Gemeinschaften des Evangelischen Bundes Sachsen hatte drei Vertreter der OCG zum Gespräch eingeladen, um zu einem besseren gegenseitigen Verstehen zu finden. Einer der Gäste erzählte von einer evangelikalen Missionsveranstaltung, bei der die Teilnehmer gefragt wurden, welchen Platz sie Jesus in ihrem Auto zuweisen würden: Ob er überhaupt mitgenommen, lediglich in den Kofferraum verfrachtet, auf dem Beifahrersitz platziert oder es wirklich gewagt wird, ihm das Steuer zu übergeben. Jesus – der Fahrer unseres Lebenswagens: dieses Bild umschreibt ein Grundanliegen Ivo Saseks treffend. Aber ist es richtig?

Wenn man die radikalen Aussagen in Ivo Saseks Büchern in dieses Bild fassen möchte, müsste man sagen, dass als Preis für die Führerschaft Jesu das Menschsein faktisch „auf der Strecke” bleibt. Denn der Mensch, der Jesus ans Steuer gesetzt hat, darf nicht auf dem Beifahrersitz mitfahren und Kommentare geben, nicht einmal in den Kofferraum kriechen. Wenn man Ivo Saseks Worte ernst nimmt, bleibt er draußen, er verschenkt sein Auto, damit Gott es fahren möge.

Aber ist dies wirklich eine biblische Forderung? Will das wirklich Gott von uns? Haben wir nicht dieses Lenkrad bekommen, damit wir gut fahren lernen? Ich denke, Jesus gehört auf den Beifahrersitz und in den Routenplaner – um im Bild zu bleiben. Es ist gut, mit ihm zu reden, auch während der (Lebens-)Fahrt und sich seiner Führung anzuvertrauen, um nicht in die Irre zu gehen. Aber es unterschätzt die menschliche Verantwortung zu meinen, man könne sein (Lebens–)Taxi direkt von Gott ans Ziel fahren zu lassen.

Ivo Saseks selbstlose Hingabe resultiert aus einer tiefen und ehrlichen Frömmigkeit, das ist zweifellos anzuerkennen. Aber Gott fordert nicht die Aufgabe des Menschseins. Wir werden nicht vom Menschen, sondern als Menschen erlöst. Gott wurde selbst Mensch in Jesus Christus, um uns zu erlösen. Welchen Sinn sollte dies gehabt haben, wenn das Menschsein so nichtig ist, wie es bei Ivo Sasek erscheint?

Aus diesem falschen Grundansatz entstehen eine Reihe weiterer Probleme:

b) Glaubenswerk

Wohl um kaum ein Thema wurde seit der Reformation theologisch so heftig gestritten wie um das rechte Verhältnis von Glaube und Werken. Ein Grundanliegen der Reformatoren bestand darin, die Gnade Gottes als ein Geschenk zu begreifen, das im Glauben angenommen, statt durch fromme Werke verdient werden müsse. In der Folge standen Kirchen und Gemeinden der Reformation immer in der Gefahr, die Bedeutung des christlichen Lebens zu vernachlässigen. Als Gegenreaktion bildeten sich immer wieder Heiligungsbewegungen, die den Zusammenhang von Glauben und Werken des Glaubens wieder stärker betonten, ihrerseits aber in die Gefahr gerieten, den Glauben selbst zu einem frommen Werk zu gestalten. Dieser Gefahr steht auch die Bewegung um Ivo Sasek gegenüber.

Seine Schriften sind voll von Forderungen, die an ein rechtes christliches Leben in seinem Sinn zu stellen sind. Der große Imperativ des „Du musst…“ kann dabei leicht die Gnadenzusage Gottes verdecken. Man kann nicht leugnen, dass sich Ivo Sasek in seinen Schriften bemüht, formal an der Rechtfertigungslehre festzuhalten. Praktisch entgleitet sie ihm aber in ihrer Grundtendenz. Die Forderung der vollständigen Hingabe zieht sich wie ein roter Faden durch sein Schrifttum. Dabei ist es nicht unbedeutend, dass Ivo Sasek ausgerechnet die Passagen aus dem Jakobusbrief (2,17 ff) ausführlich zitiert, die den Aussagen im Röm und Gal entgegenstehen, wenn er meint: „Nach dem Evangelium der Schrift wird unser Glaube aber an unserer Hingabe (Glaubensgehorsam) gemessen…“.

Es ist richtig, dass lebendiger Glaube auch sichtbare Früchte hervorbringt. Dies ist das Anliegen des Jakobus wie auch Ivo Saseks. Christliche Werke sind nötig, aber sie geschehen nicht aus Pflicht, sondern aus Dank. Es ist ein großer Unterschied, ob diese Hingabe aus der überwältigenden Erfahrung der Gnade Gottes geschieht, oder aus einer fast mönchisch-asketischen Leistungsfrömmigkeit heraus. Bei Ivo Sasek wird das Heil derart mit der Einordnung des Menschen in den von ihm beschriebenen Organismus verzahnt, dass daraus faktisch eine Werkgerechtigkeit wird. Im Gesamteindruck überwiegt das Gebot und die geforderte Leistung die Verkündigung der Gnade bei weitem. Nicht dass es im Schrifttum von Ivo Sasek nicht auch große Verheißungen gäbe, aber sie sind in der Regel an ein Einhalten zuvor verkündeter Verhaltensweisen geknüpft. Verhaltensweisen, die nicht selten den Menschen überfordern können.

c) Gotteserkenntnis und Wundersucht

Ein Problem, das freilich auch bei anderen christlichen Gemeinschaften auftritt, die sich um eine besonders intensive Gottesbeziehung bemühen, besteht in der Verwischung der Grenzen zwischen menschlichem und göttlichem Wollen. Die Problematik zeigt sich insbesondere an der Frage, wie man Gottes Willen erkennen kann. Für Ivo Sasek ist dies vor allem ein innerlicher und gefühlsmäßiger Vorgang. Gott legt seinen Willen aufs Herz. Aber wie kann er von eigenem Wünschen, Hoffen und Wollen unterschieden werden? Das einzige von Ivo Sasek und seinen Anhängern genannte Merkmal ist wiederum ein zutiefst innerlich-subjektives: Das Empfinden inneren Friedens. Wird hier nicht die Möglichkeit der Selbsttäuschung gravierend unterschätzt? Dies wiegt um so schwerer, da durch die Vergöttlichung der eigenen Aussagen eine Kritik und Korrektur extrem erschwert wird.

Maßstab für das Göttliche scheint mitunter das menschlich Unvernünftige zu sein. Deutlich wird dies z. B. in der Schilderung seines Finanzgebarens in der oben vorgestellten Lebensbeschreibung „Höhere Gewalt“. Menschlich gesprochen muss man sagen, dass Ivo Sasek über viele Jahre faktisch auf Kosten seiner Anhänger lebte. In Ivo Saseks Interpretation klingt es freilich eher wie eine wundersame inflationäre Geldvermehrung durch unmittelbares göttliches Eingreifen als Beweis dafür, dass dem, der da glaubt, alles möglich sei. Gott hat die Ordnungen der Natur aber nicht dazu geschaffen, um sie als Beweis seiner Existenz für seine treuesten Anhänger fortlaufend außer Kraft zu setzen. Damit soll nicht die Möglichkeit bestritten werden, dass Gott auch Wunder vollbringen und in scheinbar ausweglosen Situationen neue Lösungen zeigen kann. Aber Wunder quasi als Belohnung für einen treuen Glaubensweg immerfort zu erwarten, ist eine Verirrung.

d) Ivo, der Prophet und Lehrer

Bedenklich erscheint die herausgehobene Stellung von Ivo Sasek in der Bewegung. Er ist die zentrale Leitungs- und Integrationsfigur. Immer wieder stellt er seine Person, seinen Lebensweg und seine Familie ganz explizit als Vorbild für rechtes Christsein dar. Die persönliche Begegnung, seine Ausstrahlung, seine Ansprachen scheinen für viele Anhänger von großer Bedeutung zu sein. Seine Stellung als Künder des göttlichen Willens und Vorbild im geleben Glauben wird durch keine Hinweise auf andere Lehrer des Glaubens relativiert. Auf Büchertischen der Bewegung finden sich ausschließlich Werke Ivo Saseks.

Es sind auch Details, die aufmerksame Beobachter hellhörig werden lassen. Zu seiner (speziellen) Interpretation des Kairos schreibt Sasek in einem seiner Bücher: „Nur wer diese Wahrheiten ergreift und sich vor allem bedingungslos zu ihnen bekennt, wird auch von Gott ergriffen und erkannt werden…“. Die Grenze zwischen biblischem Wort und sasekscher Interpretation verschwimmt hier, mit biblischer Autorität wird aber Unterwerfung unter das Endprodukt gefordert. Auch andernorts zeigt sich das besondere Sendungsbewusstsein im Sprachgebrauch, wenn er seine eigenen Bibelinterpretationen als „geoffenbarte Wirklichkeit“ präsentiert. Noch deutlicher wird seine Anmaßung in der Kassette „Wandel im Geist“: „Ich sage: wer gegen diese Botschaft redet, ich sage: wer gegen mich redet und diese Botschaft, wer sich dem Wort nicht fügt, das ich sage, ich Ivo Sasek hier in Walzenhausen, ist kein echter Diener Gottes. … Wer gegen das Zeugnis redet, hat sich als falscher Diener Gottes erwiesen. Ich bin aus Gott. Und so wahr ich hier stehe, so wahr steht Gott hinter dem, was ich sage.“

Ivo Sasek bezieht seine Autorität sehr stark aus seinem Bekehrungserlebnis. Dort hat er Gott geschaut, er kennt ihn jetzt, kennt seinen „Geruch“. Damit erhebt er sich über andere Christen und nimmt für sich eine besondere Urteilskraft in Anspruch. Er könne beurteilen, wo Gott „drin“ ist und (noch entscheidender:) wo nicht. Diese Position bringt große persönliche und ökumenische Schwierigkeiten mit sich.

e) Christusleib und Kirche

Die Einbindung des persönlichen christlichen Glaubens in eine bestehende Gemeinde und Kirche scheint für die Anhänger der OCG von untergeordneter Bedeutung zu sein. Fragt man nach der eigenen konfessionellen Zuordnung, so ist die Antwort oft von einer Mischung aus Unverständnis und Ablehnung gekennzeichnet. Man lehnt den Streit der Konfessionen ab und versteht das eigene Wirken als „überkonfessionell“. Damit ist aber nicht eine verbindende ökumenische Zusammenarbeit mit verschiedenen Konfessionen und Freikirchen gemeint (wie sie etwa beim CVJM geschieht). Mit dem Begriff wird lediglich ausgedrückt, dass die eigenen Aktivitäten nicht auf eine bestimmte Konfession bezogen, sondern an alle Christen gerichtet sind und die eigenen Mitarbeiter demzufolge auch aus verschiedenen Konfessionen stammen. Andere Konfessionen kommen bei Ivo Sasek und seinen Anhängern fast nur als Zielgruppe der eigenen Missionsbemühungen und damit negativ abgrenzend in den Blick. An keiner Stelle erscheinen sie als Partner oder gleichberechtigte Arbeiter in Gottes Weinberg. Ivo Sasek lässt wenig Differenzierungen bei seinen Rundumschlägen gegen alle anderen Formen des Christseins erkennen. Da sie nicht in gleicher Weise einen sündlosen Organismus aufbauen, sind sie alle in ihren Fundamenten faul und können darum keinen geistlichen Fortschritt bieten – so lautet die übliche Argumentation.

Bei der sasekschen Konzentration auf die Überwindung des Fleisches geraten zentrale Kristallisationspunkte christlichen Lebens aus dem Blick. Gottesdienstbesuch und Abendmahl spielten bei den Gästen des Evangelischen Bundes nur eine sehr untergeordnete Rolle. Diese Weigerung einer Einordnung in die Geschichte und Gestalt der Kirche offenbart einen grundlegenden Mangel im Verständnis des Christentums. Christsein im Jahr 2002 vollzieht sich nicht (nur) unmittelbar in persönlicher Gottesbeziehung, sondern vermittelt und umrahmt in einer Gemeinschaft von Glaubenden und in einer Geschichte des Glaubens. Eine Verbundenheit mit den Christen in anderen Kirchen und mit der Geschichte des Christentums ist bei Ivo Sasek aber gerade nicht zu spüren. Es ist unumstritten, dass es vielerorts auch in christlichen Gemeinden Mißstände gibt. Aber in solcher Weise all das in vielen christlichen Gemeinschaften vorhandene intensive geistliche Leben abzuqualifizieren, wie es Ivo Sasek tut, kann schwerlich als vom Heiligen Geist gewirkt angesehen werden.

4. Abgrenzung und Ausgrenzung

Kehren wir zum Abschluss noch einmal zu der eingangs gestellten Frage nach dem Verhältnis von Abgrenzung und Ausgrenzung zurück.

Beide gehen Hand in Hand. In der Newlife Bibelschule erfuhr Ivo Sasek eine deutliche Ausgrenzung, weil seine neu übernommene pfingstliche Theologie dort nicht geduldet wurde. Mittlerweilen hat er in der OCG ein sehr elitäres Selbstverständnis entwickelt. Die angestrebte Reinheit und Sündlosigkeit der eigenen Gemeinschaft lässt diese weit über alle anderen erhoben erscheinen, so dass es im Blick auf jene nur einen Weg zu geben scheint: einzelne Veränderungswillige mit heraufzuholen auf das neue Niveau und in die eigene Bewegung zu integrieren.

Auf ein solches Ansinnen können die anderen christlichen Gemeinschaften wiederum nur mit Ausgrenzung reagieren: vor Ivo Sasek warnen, keine eigenen Räume zur Verfügung stellen und deutlich auf die Unterschiede im Verständnis wichtiger Glaubensfragen hinzuweisen.

Ivo Sasek fordert von seinen Anhängern keinen Austritt aus ihren bisherigen kirchlichen Gemeinschaften, sondern dass sie sich in ihnen offen zu ihm bekennen: ich gehöre zu Ivo Sasek und seinem Werk. Es kann dabei aber nicht übersehen werden, dass oft eine innerliche Entfremdung gegenüber den Ursprungsgemeinden erfolgt. Ivo Sasek ist eben nicht ein Gemeindelehrer, der lediglich Christen zu einem lebendigeren Glauben verhelfen möchte. Sein übersteigertes Selbstbewusstsein führt dazu, sämtliche anderen christlichen Gemeinschaften abzuwerten und – das ist entscheidend – auch als ungenügend zum Heil zu qualifizieren. Wer das kommende göttliche Gericht überstehen will, so der Tenor seiner Botschaften, muss zu ihm in die Bemessung kommen und sich in den neuen Organismus verbindlich einpflanzen lassen. Dies verschafft der Bewegung im Ergebnis einen exklusiven Charakter.

Die Fronten verhärten sich zusehends. Als sehr bedenklich muss die in dem Musical Lemuel zum Ausdruck kommende Dämonisierung von Gegenerschaften angesehen werden. Die Widerstände und Kritik, die Ivo Sasek zunehmend entgegenschlagen, vermag er sich nur damit zu erklären, dass dämonische Wesen sich der staatlichen und kirchlichen Stellen bemächtigt haben, um von dort her Gottes Werk zu bekämpfen. An der Gottgemäßheit und Richtigkeit seines eigenen Handelns kommen ihm keine erkennbaren Zweifel, denn er spürt den „Frieden Gottes“ darauf liegen.

Als ein berechtigtes Anliegen Ivo Saseks lässt sich festhalten, dass christliches Leben von seiner praktischen Verwirklichung im Alltag nicht getrennt werden darf. Jedoch weisen seine autoritative Art und sein exklusiver Anspruch, letztlich allein mit seinem Werk gottgefälliges Leben zu gestalten, bedenkliche sektiererische Tendenzen auf. Diese trennen die OCG von der übrigen Christenheit wie auch vom biblischen Zeugnis und Verschaffen der Bewegung stärker den Charakter einer vergleichsweise radikalen neureligiösen Bewegung mit einigem Konfliktpotenzial, als den einer überkonfessionellen christlichen Erneuerungsbewegung.

Harald Lamprecht

Dieser Text ist zuerst erschienen im Materialdienst der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen 4/2003, S. 132-143. Dort sind auch die hier fehlenden Anmerkungen zu finden.