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15.02.2005

Scientology zwischen Ignoranz und Hysterie

Fliegerbauer als OB von Zwickau?
Kurt Fliegerbauer, der als Immobilienunternehmer weite Teile der Zwickauer Innenstadt saniert hat, äußerte Interesse am Posten des Oberbürgermeisters der Stadt. Wahrscheinlich hätte sich niemand dafür interessiert (wer möchte nicht sonst noch alles OB werden?), wäre da nicht eine Besonderheit: Kurt Fliegerbauer ist bekennender Scientologe. Seit seiner Enttarnung ist seiner exzentrischen Person darum eine breite Medienöffentlichkeit so gut wie sicher. Sei es, dass er ein schmales Flurstück von der Stadt kaufen will, sei es dass er ein Trabi-Museum einrichten möchte - immer ist die Aufregung groß, wenn der Name Fliegerbauer fällt.

Hysterie?

Diese Reaktionen lassen sich sehr verschieden bewerten. In gewisser Weise hat die mediale Sensibilität für das Scientology-Thema mitunter etwas Irrationales. Wenn ein anderer X-Beliebiger Bauunternehmer drei Jahre (!) vor den nächsten Wahlen Ambitionen auf den OB-Sessel hätte verlauten lassen, wäre wahrscheinlich kein Kamerateam auf die Reise geschickt worden, um ihn damit ausführlich im Fernsehen zu präsentieren. Als die Jünger des Gurus Sri Sri Ravi Shankar während der Flut nach Sachsen zum Schlammschaufeln kamen, interessierte dies keine Zeitung, als aber in Pirna gelbe T-Shirts der „Ehrenamtlichen Geistlichen“ von Scientology auftauchten, rauschte der Blätterwald und Fernsehteams hätten am liebsten alles live gefilmt.

Die Reaktionen der Medien zeigen eine große Unsicherheit, wie mit dem Problem umgegangen werden soll. Einerseits hängt an dem Begriff „Scientology“ das Gefühl einer unterschwelligen Bedrohung. Die Medienaufmerksamkeit ist Ausdruck dieser Angst. Andererseits betonen Scientologen wie Kurt Fliegerbauer immer wieder, dass es sich doch nur um ihre private Religion handeln würde. Da darf doch keiner etwas dagegen haben, oder?

Keine Frage der Religion

Religionsfragen sind in unserer Gesellschaft weitgehend als Privatangelegenheiten akzeptiert. Es darf in staatlichen Belangen keine Rolle spielen, welchen Glauben jemand hat. Das ist im Grundsatz auch sehr richtig. Ein weltanschaulich neutraler Staat darf sich kein Urteil über den Glauben seiner Bürger anmaßen. Es geht in der Auseinandersetzung mit Scientology aber nicht um Fragen der Religion. Niemand streitet darüber, ob Herr Fliegerbauer an UFOs oder Erdgeister glauben darf. Wir sind ein freies Land, und das soll auch so bleiben.

Gerade darum ist aber Aufmerksamkeit dafür wichtig, ob eine Gruppe versucht, unsere Freiheiten auszunutzen, um gerade diese Freiheiten abzuschaffen. Die Stilisierung von Scientology als Religion und die Berufung auf die individuelle Religionsfreiheit sind Nebelbomben, welche Kritik verhindern und die Auseinandersetzungen in einen Bereich drücken sollen, mit dem sie eigentlich nichts zu tun hat. Schließlich geht es im öffentlichen Streit mit Scientology nicht um die religiöse Wahrheit bestimmter Aussagen eines Glaubenssystems. Es geht statt dessen ausschließlich um die ethischen und politischen Folgen scientologischer Handlungsanweisungen.

Unsere Gesellschaft darf und muss durchaus beachten, welche praktischen Konsequenzen für das Zusammenleben der Menschen aus bestimmten angeblich religiösen Auffassungen erwachsen. Wie wir militanten Islamisten nicht erlauben dürfen, die Religionsfreiheit zur Unterstützung von Terror zu missbrauchen, so sollten wir uns auch für die Konsequenzen scientologischer Ideologie interessieren.

Gefahr für die Demokratie

Scientology-Gründer L. Ron Hubbard war erklärtermaßen kein Freund der Demokratie. Er hat seinen Anhängern detaillierte Anweisungen gegeben, wie sie die Freiheiten der Demokratie für ihre Zwecke ausnutzen sollen, um sich in Schaltstellen der Macht zu bringen. Das Ziel der Scientologen ist jedoch keine demokratische, sondern eine scientologische Gesellschaft mit totalitären Zügen, in der Menschen mit abweichenden Meinungen Gefahr laufen, als sogenannte „unterdrückerische Personen“ in Internierungslager gesteckt zu werden.1

Dass Scientologen auch tatsächlich versuchen, Firmen, Behörden und Regierungsstellen zu unterwandern, um von dort aus für ihre Organisation zu wirken, ist bereits 1979 in den USA deutlich geworden. Damals wurden eine Reihe hochrangiger Scientologen zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt, nachdem sie Regierungs- und Finanzbehörden infiltriert und dort geheimes Material gestohlen hatten, um Scientology steuerrechtliche Vorteile zu verschaffen.

Kurt Fliegerbauer gehört zu dieser Organisation. Er macht daraus keinen Hehl (mehr). Er unterstützt Scientology regelmäßig mit großen Geldspenden und besucht scientologische Kurse.

Unsichtbare Bedrohung

Die Gefahr der Gewöhnung und des Vergessens ist durchaus gegeben. Herr Fliegerbauer hat unbestreitbare Verdienste für Zwickau erworben. Er hat mit seinem Unternehmen viele Häuser saniert (und dabei viel Geld verdient), er tritt als Mäzen der Künste und Stifter öffentlicher Einrichtungen auf, er engagiert sich im öffentlichen Leben der Stadt. Mancher mag geneigt sein, Fliegerbauers Engagement bei Scientology (wie von ihm gewünscht) als Privatmarotte abzutun. Vor allem dann gilt dies, wenn man selbst keine Erfahrungen mit und keine genauere Kenntnis über Anliegen und Methoden von Scientology hat, wie es mangels konkreter Begegnungen im Zwickauer Raum eher die Regel als die Ausnahme sein dürfte. Schließlich ist Fliegerbauer aufgrund fehlender anderer prominenter Vertreter fast so etwas wie unser sächsischer Vorzeigescientologe geworden - und das, obwohl er sich mit missionarischen Aktivitäten in eigener Sache nach außen hin zurückzuhalten scheint. Eine Niederlassung von Scientology, in der man Bücher kaufen oder Kurse besuchen könnte, gibt weder in Zwickau noch sonst in ganz Sachsen. Anders als die Zeugen Jehovas trifft man die Scientologen nicht an der Haustür. Die Bedrohung scheint darum vielen sehr unwirklich. Ist da die ganze Aufregung in den Medien wirklich nötig? So könnten manche fragen. Es ist wichtig, dass die Aufmerksamkeit gegenüber den Feinden der Demokratie nicht nachlässt. Dazu können auch solche Medienberichte dienen. Aber gerade deshalb ist es wichtig, dass in den Medien über die Hintergründe von Scientology (und anderen Gefährdungen der Freiheit) informiert wird. Es gehört erklärtermaßen zum Repertoire scientologischer Ausbreitungsversuche, in verdeckter Weise zu agieren. Fliegerbauers Aussage im MDR-Sachsenspiegel, keiner hätte gemerkt, dass er Scientologe sei, und so würde das bleiben, bekommt vor diesem Hintergrund noch einen anderen Beigeschmack.

Menschen stehen für Programme. Das ist in jedem Wahlkampf so. Wenn Kurt Fliegerbauer allen Ernstes für ein demokratisches Amt in seiner Stadt kandidieren will, muss er sich fragen lassen, wie er persönlich zu wesentlichen antidemokratischen Aussagen von Scientology und L. Ron Hubbard steht. Das ist dann keine Privatangelegenheit.

Harald Lamprecht