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Wie gefährlich ist Scientology?

Eine schwierige Fernsehdiskussion zur Beurteilung von Scientology und was daraus zu lernen ist.

Die Talkshow „Menschen bei Maischberger“ am 25. 9. 2007 hatte ein brisantes Thema: Wie gefährlich ist Scientology? Über die Beurteilung stritten Ursula Caberta von der Arbeitsstelle Scientology des Hamburger Senates, die seit 15 Jahren die Organisation beobachtet, der damalige Bayerische Innenminister und inzwischen Ministerpräsident Günter Beckstein, der für einen harten Kurs gegen Scientology steht, als Verteidiger der umstrittenen Organisation traten der Leipziger Religionswissenschafter Prof. Hubert Seiwert und - wohl nach dem Motto: Prominenz statt Kompetenz - „Fernsehpfarrer“ Jürgen Fliege in den Ring und quasi als Zeugen war das Ehepaar Hubeny dabei, die etliche Jahre Mitglied bei Scientology gewesen waren.

Was ist Religion?

Ist Scientology eine Religion? Darum drehte sich die Einstiegsfrage, die auch die gesamte Diskussion bestimmte. Ursula Caberta betonte, dass Scientology keine Religion, sondern eine Form des politischen Extremismus darstellt. Religionsfreiheit, wie sie von Artikel 4 des Grundgesetzes garantiert wird, ist ein hohes Gut. Scientology missbraucht dieses Gut, indem die Organisation danach trachtet, sich als Religion zu tarnen. In der Folge wird ständig diskutiert, was Religion sei und es entsteht der falsche Eindruck, sobald man sich auf Religion bezieht, dürfe man machen was man will. Die Religionsdiskussion ist ein klares Ablenkungsmanöver. Scientology hat nicht als Religion, sondern mit psychologischen Kursen und Seminaren begonnen, wie sie bis heute überall in der Welt stattfinden. Erst als Konflikte mit staatlichen Behörden auftraten, begann man, die Sache als Religion zu stilisieren.

Das Wort im Munde umgedreht

Jürgen Fliege interessierte sich nicht für diese Fakten, sondern versuchte das Problem rein phänomenologisch anzugehen: Da haben sich Leute zusammengetan, die sagen: wir haben eine Einsicht in unser Leben, wir müssen wachsen, wir kommen irgendwoher, wir gehen irgendwohin, wir wollen so und so leben und uns in diesem Leben vervollkommnen. Dies genügte Fliege, um den Religionscharakter von Scientology zu bejahen. Später berichtete Werner Hubeny, dass bei seinem Auditing auch Ereignisse aus früheren Leben bearbeitet worden seien. Dies benutzte Jürgen Fliege sofort als Beleg für seine These, indem er auf die Vorstellung der Wiedergeburt in anderen religiösen Traditionen verwies - wiederum unter Ignoranz der gewichtigen inhaltlichen Differenzen, auf die Frau Caberta hinwies. Noch dreister war Flieges Versuch, entgegen dem explizit erklärten Empfinden von Werner Hubeny und seiner Frau, deren Einstieg bei Scientology eine religiöse Motivation unterzuschieben. Dieser hatte in sehr sachlicher und gut nachvollziehbarer Weise berichtet, dass es das sachliche Interesse am Funktionieren des menschlichen Geistes war, das ihn mit Scientology in Verbindung gebracht hat. Eine Werbeanzeige („Wir nutzen nur 10% unseres geistigen Potenzials...“) und das daraufhin bestellte Buch von Hubbard „Dianetik“ waren die ersten Kontakte, Auditing-Sitzungen folgten mit dem Ziel, die mentale Unsicherheit beim Tennis abzustellen. Erste Kurse brachten durchaus spürbare Verbesserungen und die Bereitschaft, dann die großen Auditing-Pakete mit Kosten im vierstelligen Bereich zu kaufen. In Flieges Interpretation wurde aus dem technisch-mentalen Perfektionierungsstreben beim Tennis eine „religiöse“ Suche nach Läuterung als Menschheitsziel, wie er es in seinen Sendungen auch bei Zeugen Jehovas oder Mitgliedern der Neuapostolischen Kirche gefunden haben will. Demgegenüber konnte Herr Hubeny nur betonen, dass er gerade nicht das religiöse Element bei Scientology gesucht hatte. Auch Jürgen Flieges eigene Beobachtung bestätigt eigentlich in diese Sichtweise: Bei Scientology sind 75% Männer - gut verdienende Männer in den besten Jahren, also jene Bevölkerungsgruppe, die normalerweise am wenigsten religiös sind. Seltsam bleibt, dass er daraus keine Konsequenzen ziehen konnte. Flieges weitere Ausfälle gegen die evangelische Kirche waren derart unpassend, dass Innenminister Beckstein sich als evangelischer Christ genötigt sah, den Unterschied zwischen dem System Kirche und dem System Scientology herauszustellen. Der Politiker zeigte sich hier als der bessere Theologe als der Pfarrer.

Gefahren

Als Kernproblem bezeichnete Günter Beckstein die Tatsache, dass das Menschenbild von Scientology dem Grundgesetz widerspricht. Bei Scientology bleibt die Menschenwürde des Individuums auf der Strecke. Der Staat ist gefordert, wenn seine Grundlagen unterhöhlt werden. Falls es Scientology gelänge, einen Staat nach den eigenen Vorstellungen zu errichten, hätten dort nur noch Scientologen Bürgerrechte.

Keine Sondergesetze

Wir brauchen keine Sondergesetze für Scientology, meinte der Leipziger Religionswissenschaftler Hubert Seiwert. An dieser Stelle ist ihm im Prinzip durchaus zuzustimmen. Spezielle Gesetze für eine einzelne Gemeinschaft würden sowohl den demokratischen Gleichbehandlungsgrundsatz aushöhlen, als auch von dem eigentlichen Problem ablenken. Das ist nämlich weniger die akademische Frage, ob Scientology nun „Religion“ sei oder nicht, sondern was faktisch in Scientology geschieht. Vieles von dem, was dort geschieht, gibt es auch außerhalb von Scientology und auch dort ist es zu verurteilen. Harte Verkaufsmethoden, die Menschen Kurse und Dinge aufschwatzen, die sie weder brauchen noch bezahlen können, praktizieren auch Verkäufer auf spanischen Ferieninseln. Abhängigkeit, Ausbeutung und Gruppendruck können Menschen auch in einer deutschen Drückerkolonne erleben. Verfolgung von hochrangigen Aussteigern gibt es auch im Bereich der organisierten Kriminalität. Demokratiefeindliche Gruppen mit Weltherrschaftsansprüchen kann man ebenfalls auch außerhalb von Scientology finden. Allerdings ist die Häufung der Konflikte im Umfeld von Scientology wohl weniger Zufall sondern systembedingt. Die bleibende Aufmerksamkeit der Schutzorgane unserer Demokratie und die konsequente Anwendung der bestehenden Rechtsmittel bleibt darum notwendig.

Maßvolle, treffende Kritik

Das in die Sendung als Scientology-Aussteiger eingeladene Ehepaar Hubeny machte einen ausgesprochen seriösen Eindruck. Sie erfüllten nicht das übliche Klischee eines Sektenaussteigers, der mit wildem Schaum vor dem Mund sich in Hass auf seine früheren Freunde versteigt und all seine Lebensprobleme auf die Gruppe projiziert. Mit großer Klarheit analysierten sie sowohl die Faszination, die für sie anfangs von Scientology ausging, als auch die Probleme, in die sie gebracht wurden. Für wilden Sensationsjournalismus gaben sie nichts her - keine wilden Verfolgungsjagden, keine Morddrohungen. Sogar den persönlichen Gewinn aus den ersten Scientology-Kursen verteidigte Herr Hubeny, und gerade dies machte ihn glaubwürdig. Als Problem beschrieb er den Verlust der eigenen Urteilskraft, der es für die Mitglieder sehr schwer macht, zu erkennen, dass die versprochenen großen Verbesserungen, die eigentlich erst den ungeheuren finanziellen Einsatz rechtfertigen könnten, ausbleiben. Der Theorie nach sei ein „Operierender Thetan“ (OT) Herr über Materie, Energie, Raum und Zeit. Er müsste ein Wasserglas mit Gedankenkraft durch den Raum bewegen können. Nur kenne er keinen Scientologen, der dies tatsächlich könnte. Dass dies kaum jemanden stutzig macht, zeige das Problem mangelnder geistiger Freiheit bei Scientology.

Am Rande der Legalität

Es ist ein Irrtum, zu meinen, dass nur offensichtliche Gesetzesverstöße für die Gesellschaft Probleme verursachen würden. Auch das Operieren am Rande der Legalität entfaltet Gefahren. Scientology steht in Deutschland unter intensiver Beobachtung. Das weiß die Organisation natürlich, darum achtet sie peinlich darauf, möglichst wenig juristische Angriffsfläche zu bieten. Weil sie ihre brutalen Methoden nicht mehr unbeobachtet einsetzen kann, wächst Scientology in Deutschland auch nicht mehr. Dass es in den letzten Jahren weniger krasse Fälle von Übergriffen durch Scientologen in Deutschland gegeben hat, ist darum kein Beweis für die Harmlosigkeit dieser Gruppierung, sondern für die Effektivität der Beobachtung. Darauf hat Innenminister Beckstein nachdrücklich hingewiesen.

Psychische Fesseln

Gängige Sektenklischees gehen davon aus, dass Aussteiger immer schwere Verfolgung erleiden. Scientology ist nun eine der wenigen Organisationen, bei denen eine Reihe solcher Fälle belegt sind. Aber selbst dort gilt das natürlich nicht für alle und ist stark davon abhängig, wie tief man in der Organisation verstrickt war. Prof. Seiwert präsentierte sich als Anwalt gegen die Übertreibungen und die gängigen Klischees: verwies auf die hohe Durchlaufrate von Personen, die nur wenige Kurse besuchen und ohne Gehirnwäsche Scientology wieder verlassen. Er bestritt sogar die Realität bzw. die Rechtswidrigkeit der Rehabilitation Project Force (RPF) genannten Scientology-internen Umerziehungslager. Ehepaar Hubeny bemühte sich vergeblich, klar zu machen, dass die Abhängigkeit subtiler ist und weder Stacheldraht noch physische Gewalt benötigt. Die Fesseln sitzen im eigenen Kopf. Solches ist aber nicht justiziabel. Weil die Hubenys nach ihrem Ausstieg nicht bedroht wurden, kann Scientology auch nicht gefährlich sein? Das wäre der Trugschluss, den sich Scientologen wünschen.

Harald Lamprecht


Literaturempfehlungen

  • Geburt eines Imperiums
  • Neue Texte aus der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (Heft Nr. 197-200)
  • Buchtipp: Scientology - Wie der Sektenkonzern die Welt erobern will