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Der Club der Eiferer

Sondergemeinschaften und Schriftenverteiler auf dem Kirchentag (31. DEKT Köln 2007)

Bei jedem Kirchentag gibt es sie: diejenigen, die eigentlich nicht dazu gehören wollen, weil sie diese Kirche ablehnen, aber dennoch geradezu magisch von der großen Ansammlung von Christen angezogen werden. Da erwacht der Missionseifer, da gilt es die Gunst der Stunde zu nutzen, da wird diskutiert und gestritten. Am meisten aber wird Papier verteilt. Das ist inzwischen ein fast sicheres Erkennungszeichen. Wo der Papiermüll auf den Straßen plötzlich ansteigt, sind die Sektierer nicht weit. Das ist um so auffälliger, weil es dem Kirchentag weitgehend gelungen ist, aus ökologischer Verantwortung extra Programmzettel zu unterbinden, denn es steht ja alles im gedruckten Programm.

Freikirchen und Sektierer

Nicht alle Traktatverteiler sind gleichermaßen radikal. Positive Ausnahme ist zum Beispiel eine Münchner Freikirche aus der Brüderbewegung, die Bücher des Missionswerkes „Christliche Literatur-Verbreitung“ aus Bielefeld verteilt – solide evangelikale Basiskost.

Sabbatprediger in der FussgängerzoneAnders ist das bei den diversen adventistischen Splittergruppen. Die „Missionsgesellschaft zur Erhaltung und Förderung adventistischen Glaubensgutes e.V. (MEFAG) aus Berlin überschwemmt jeden Kirchentag mit ihren immer gleichen schwarz-rot gedruckten A4-Bögen „Fakten der Zukunft“, in denen die röm.-kath. Kirche und die USA mit dem Tier aus der Offenbarung identifiziert und die Sabbatheiligung eingefordert wird. Auf den erheblichen Papiermüll rings um ihren Standort angesprochen, fühlte sich die Verteilerin dafür aber nicht verantwortlich – bei McDonalds würde ja auch erwartet, dass die Leute ihre Reste nicht auf die Straße werfen. Auf der anderen Seite des Domes konnte man auf einen Stand einer anderen adventistischen Splittergruppe treffen, die angeblich gar keine Organisation hätte, aber dennoch aktuelle gedruckte Broschüren (vom „Missionshaus Hahnenhof“) verteilte. Auch in der Fußgängerzone konnte man für den Sabbat eifernden Predigern mit einer Bibel in der Hand begegnen und die über die Straßen flatterten Faltblätter der Internationalen Missionsgesellschaft der S.T.A.-Reformationsbewegung. Denen ist das Müllproblem wohl schon einmal zu Ohren gekommen, denn der letzte Satz auf dem Faltblatt lautet: „Der Verteiler, nicht der Herausgeber, ist für eine ordnungsgemäße Verbreitung der Schrift verantwortlich.“

Universelles Leben im K(r)ampf

Ebenfalls nicht fehlen darf die Polemik des Universellen Lebens. In einer „Sonderausgabe“ einer 14-seitigen Zeitung mit dem vielsagenden Titel „Wehret den Anfängen – Stoppt die Inquisition der Gegenwart“ wird auf ausnahmslos jeder Doppelseite gegen die angebliche kirchliche „Inquisition“ zu Felde gezogen.

Offenheit und sachliche Nüchternheit war noch nie das Kennzeichen von Traktaten des Universellen Lebens. Im Impressum zeichnen die „Freien Christen für den Christus der Bergpredigt“, wie die bevorzugte Selbstbezeichnung inzwischen lautet, verantwortlich für die kräftige Schwarz-Weiß-Malerei: Auf der einen Seite die guten Urchristen, die in Harmonie mit den Tieren leben wollen, auf der anderen Seite die bösen Kirchen, an deren Händen Blut klebt und die mit ihren Sektenbeauftragten eine „neue Inquisition“ begründen würden. Wie tief der Frust über zahlreiche verlorene Gerichtsprozesse sitzt, zeigen nicht nur die Wortwahl wie „kirchliche Brandstifter“ (S. 1, S. 5), „Verleumdungsbeauftragte“ (S. 3, S. 7, S. 10), „Rufmordbeauftragte (S. 4), „Inquisitoren“ und „Inquisitionsknechte“ (S. 5, S. 9), „kirchliche Wahrheitsverdreher“ (S. 5), „kirchliche Sektenpöbler“ (S. 5), „Verunglimpfer vom Dienst“ (S. 11). Auch die Masse der Artikel zu diesen Auseinandersetzungen zeigt, dass man sich hier offenbar ein besonderes Feindbild zusammengezimmert hat, das für die Realitäten blind geworden ist. Zwei Artikel widmen sich dem längst verstorbenen Beauftragten Friedrich-Wilhelm Haack (mit Bild), ebenfalls mehrfach und mit Bild wird sich über seinen Nachfolger Wolfgang Behnk beklagt. Zwei Dinge sind allerdings positiv festzuhalten:

1) Wenigstens für theologisch etwas gebildete Christen kann auf der Titelseite bereits deutlich werden, wie das Universelle Leben christliche Grundüberzeugungen umdeutet: Jesus ist dort nur als Überbringer von „Prinzipien“ zu höchster „Ethik und Moral“ und „Lebensanweisungen“, als Künder eines ewig gültigen Gesetzes Gottes von Bedeutung, nicht Erlöser, der für unsere Sünden gestorben ist.

2) Immerhin versicherte der Verteiler des Universellen Lebens, sich um die Bereinigung der Straße von weggeworfenen Exemplaren seiner Zeitung bemühen zu wollen.

Christen ohne Kirche

BekehrungsaufrufNeu beim Kirchentag in Köln war die massenhafte Verteilung von Chick-Traktaten. Diese kleinen Comic-Heftchen im Querformat schildern in sehr vereinfachend-schematischer Weise verschiedenste Glaubensüberzeugungen ihrer Autoren. Dazu gehören skurril überzogene Feindschaft gegenüber der Katholischen Kirche, Polemik gegen die Kindertaufe und schlichte Bekehrungsaufrufe, die in vielen Fällen an einem verzerrten Gottesbild orientiert sind, so dass sie das christliche Anliegen eher lächerlich machen, als es zu unterstützen. Beziehen kann man diese Hefte mit Staffelpreisen in größeren Stückzahlen bei dem deutschen Distributor Chick-Gospel (www.chick-gospel.de).

Verteilt wurden sie u.a. von einer jungen Frau aus Stuttgart, die nur Christin sein wollte, zu keiner Gemeinde oder Landeskirche (mehr) gehörte und dort mit 10 (!) anderen wahren Christen regelmäßig zusammenkommt – eine Beschreibung, die an die Holic-Gruppe denken lässt.

Ihr wäre zu wünschen gewesen, dass sie lieber eine der vielen sinnvollen Veranstaltungen besucht hätte, als die Arbeit der Stadtreinigung zu einem dringenden Geschäft zu machen.

Harald Lamprecht

 


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