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Natur oder Kultur?

Warum beim Thema „Gender Mainstreaming“ oft am Kern vorbei diskutiert wird

Der Artikel über die verschiedenen Verständnisse von Gender Mainstreaming in Confessio 2/2010 hat ungewöhnlich viele Reaktionen und Zuschriften – zustimmende sowie kritische – hervorgerufen. Weil dort für eine ausführliche Auseinandersetzung mit den Argumentationen kein Raum bestand, sollen nachfolgend einige Positionen in der Debatte einer vertiefenden Betrachtung zugeführt werden.

Das Ziel

Kurz zusammengefasst geht es bei Gender Mainstreaming darum, die Gerechtigkeit zwischen Männern und Frauen zu verbessern. Auch nach 2000 Jahren Christentumsgeschichte sind in vielen Kulturen und Situationen Frauen deutlich schlechter gestellt als Männer. Das gilt auch in Deutschland und auch im Bereich der Kirchen. Häufig müssen sie mehr arbeiten für weniger Geld. Im Einzelfall kann es aber auch mal anders herum sein, dass Männer benachteiligt werden, weil alles nur für Frauen eingerichtet ist (z.B. Wickelräume nur im Frauen-WC). Gender Mainstreaming will beides im Blick behalten und für mehr Gerechtigkeit sorgen. Der Begriff ist aus zwei englischen Wörtern zusammengesetzt: „gender“ meint im Unterschied zum biologischen Geschlecht das mit dem Geschlecht verbundene soziale Rollenverhalten. Diese Unterscheidung ist wichtig. Während das biologische Geschlecht von Geburt an festgelegt ist und eine Reihe unveränderbarer Folgen damit verknüpft sind (z.B. die Fähigkeit, Kinder zu gebären), sind die sozialen Rollen in geschichtlichen Entwicklungen und kulturellen Kontexten entstanden und somit prinzipiell veränderbar. In wieweit dies im Einzelfall erforderlich und wünschenswert erscheint, sollte Gegenstand öffentlicher Debatten sein. Mainstreaming meint, dass Überlegungen dazu in den Hauptstrom („mainstream“) des Denkens gebracht werden sollen, so dass bei allen administrativen Entscheidungen die jeweiligen Auswirkungen auf Frauen und Männer bedacht werden.

Zwei Richtungen

Neu ist bei Gender Mainstreaming gegenüber der klassischen Gleichstellungspolitik zweierlei: zum einen die breitere Aufstellung in der Berücksichtigung beider Geschlechter (und nicht nur der Frauen), zum anderen das Bemühen um präventive Wirksamkeit. Die Umsetzung des Zieles einer stärkeren Chancengleichheit soll auf zwei Wegen unternommen werden, die mit der Unterscheidung von sex und gender zusammenhängen:

a) Geschlechtssituation berücksichtigen: Dort, wo Männer und Frauen aufgrund ihrer biologischen Unterschiedlichkeit verschiedene Lebenssituationen haben und von öffentlichen Maßnahmen daher in verschiedener Weise betroffen sind, soll dies von Anfang an bedacht werden. Gegebenenfalls muss von vornherein ein gerechter Ausgleich hergestellt werden.

b) Geschlechtsklischees auflösen: Dort hingegen, wo historisch gewachsene Konventionen Männer und Frauen in verschiedene festgelegte Rollen zwingen, soll an einer Auflösung dieser Rollenverständnisse gearbeitet werden. In der modernen Gesellschaft haben sich in vielen Bereichen die Lebenswelten von Männern und Frauen einander stark angenähert. Manche verbliebenen Rollenfestlegungen wirken daher wie ein anachronistisches Relikt. Ärztinnen sind inzwischen Alltag, Kindergärtner noch nicht. Warum sollen Frauen nicht Automonteurin werden, wenn sie sich dafür interessieren? Eine Gesellschaft, die den Menschen Möglichkeiten zur freien Entfaltung ihrer persönlichen Potenziale einräumen will, sollte unpassende Einschränkungen nicht akzeptieren. Dieser Aspekt wird in der Literatur auch als „undoing gender“ bezeichnet.

Innere Probleme

Das Konzept des Gender Mainstreaming beinhaltet das Dilemma, dass zwischen den beiden Wegen ein sachlicher Widerspruch besteht. In dem Maß, wie die Politik für die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern jeweils maßgeschneiderte Angebote produziert, vertieft sie ja gerade die Trennung der Geschlechter, die eigentlich reduziert werden sollte. Obwohl beide Elemente logisch ihre Berechtigung haben, findet man sie in der Praxis oft nicht gleichermaßen ausgeprägt angewendet, sondern den Schwerpunkt mal auf der einen, mal auf der anderen Seite. Sie wildern gegenseitig in ihrem Terrain. Wo die Rollenunterschiede aufgehoben sind, werden keine geschlechtsspezifischen Angebote benötigt. Wo es spezielle Angebote nur für Männer oder Frauen gibt, zementieren sie – ob gewollt oder nicht – auch die Rollenteilungen. Dem entsprechend gibt es Debatten und Auseinandersetzungen darum, was in bestimmten Situationen der angemessene Weg zur Umsetzung des Zieles einer stärkeren Gleichberechtigung darstellt. Diese inneren Debatten sind neben der genannten Selbstwidersprüchlichkeit des Konzeptes mit Ursache für die Verwirrungen um den Begriff des Gender Mainstreaming. Dabei lassen sich verschiedene Schwerpunktsetzungen ausmachen.

Europäische Politik

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat zu dem Thema eine eigene Internetseite eingerichtet, die über das Verständnis von Gender Mainstreaming in der Politik der Bundesregierung Auskunft gibt (www.gender-mainstreaming.net). Dort wird auf der Startseite der Begriff klar definiert: „Gender Mainstreaming bedeutet, bei allen gesellschaftlichen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern von vornherein und regelmäßig zu berücksichtigen, da es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt.“ Weiterhin wird ausgeführt: „Das Leitprinzip Geschlechtergerechtigkeit verpflichtet die politischen Akteure, bei allen Vorhaben die unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse von Frauen und Männern zu analysieren und ihre Entscheidungen so zu gestalten, dass sie zur Förderung einer tatsächlichen Gleichstellung der Geschlechter beitragen.“ Ziel ist es, bereits im Vorfeld politischer Entscheidungen zu bedenken, welche Auswirkungen diese jeweils für Männer und Frauen haben und ob dies Folgen für die Chancengerechtigkeit hat. Es ist besser, von vornherein Ungleichbehandlungen und Benachteiligungen abzubauen, als hinterher aufwändige Ausgleichszahlungen zu organisieren. Die Politik soll an den faktischen Lebensrealitäten beider Geschlechter ausgerichtet sein – und diese unterscheiden sich nun einmal in vielen Bereichen. Somit hat die Politik einen eher pragmatischen Zugang zum Thema und von daher einen erkennbaren Schwerpunkt auf dem ersten Aspekt. Sie geht mehr vom Vorfindlichen aus und versucht darauf sinnvoll zu reagieren, als dass sie grundsätzliche ideologische Ansprüche formuliert.

Gender Kompetenz

Um auf die unterschiedlichen Lebenssituationen und Bedürfnisse von Männern und Frauen spezifisch reagieren zu können, ist „Gender Kompetenz“, d.h. möglichst genaues Wissen darüber nötig, wie diese Lebenswirklichkeit aussieht und welche Folgen politische Entscheidungen für Männer und Frauen haben. Das zu erforschen ist das Gebiet der „gender studies“, wie sie an einigen Universitäten eingerichtet wurden. Die wissenschaftlichen Genderkompetenzzentren befassen sich sowohl analytisch mit der Situation, indem sie zahlreiche nach Geschlechtern sortierte Statistiken zusammentragen. Darüber hinaus wird dort auch konzeptionell stark nachgedacht und daher die Selbstwidersprüchlichkeit der gegenläufigen Aspekte des Gender Mainstreaming-Konzeptes gelegentlich deutlicher problematisiert.

Geschlechterforschung

Die Erforschung des Verhältnisses der Geschlechter ist ein weites Feld. Die Universitäten befassen sich mit weitaus mehr, als das Konzept des Gender Mainstreaming abdeckt. Somit ist es nur natürlich, dass gelegentlich Personen, die im Rahmen des Gender Mainstreaming an der Erforschung der Lebenssituation von Männern und Frauen forschen, in anderen Projekten mit anderen Fragestellungen befasst sind. Dazu können auch Fragen zur Sexualität gehören, die beim Gender Mainstreaming keine Rolle spielt. Nur weil mitunter dieselben Personen an verschiedenen Fragen forschen, bedeutet das aber nicht, dass auch diese Dinge auch sachlich miteinander verzahnt sind. Diese Feststellung ist insbesondere deshalb wichtig, weil der Begriff „Gender“ auch in anderen Kontexten auftauchen kann – mit ganz anderen Begleiterscheinungen.

Dekonstruktivistischer Feminismus

Ein Beispiel dafür sind bestimmte feministische Positionen, die u.a. akademische Diskurse aus der Sprachphilosophie aufnehmen. Eine immer wieder zitierte Protagonistin ist die amerikanische Philosophin und Philologin Judith Butler. Ihre Sprachtheorie geht davon aus, dass Sprechakte eine performative, d.h. wirklichkeitsstiftende Kraft besitzen. Im Bereich der Geschlechterforschung ist sie mit einem dekonstruktivistischen Ansatz hervorgetreten. Dekonstruktion bedeutet hier, dass scheinbar gesicherte Identitäten erschüttert werden, indem ihre Entstehungsbedingungen hinterfragt werden. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Frage nach Machtstrukturen. So hat das Machtgefälle zwischen den Geschlechtern die Voraussetzung, dass sich die beiden Geschlechter gegenüberstehen. Butler vertritt die Auffassung, dass Geschlecht ausschließlich eine soziale Kategorie darstellt, die dem Körper ein biologisches Geschlecht einschreibt.

In dieser radikalen Zuspitzung befindet sie sich jenseits rational nachvollziehbarer Argumentationslinien. Abgehoben von jeder unmittelbar erfahrbaren Realität wird hier ein ideologisch aufgeladenes Gedankenkonstrukt entwickelt. Konsequenterweise lehnt sie auch die für Gender Mainstreaming wesentliche Unterscheidung zwischen einem sozialen (gender) und einem biologischen Geschlecht (sex) ab. In diesem Zusammenhang spielen dann auch Heteronormativitätsdiskurse eine Rolle. Wo es kein natürliches Geschlecht geben soll, kann dann auch die sexuelle Orientierung nicht natürlich vorgegeben sein. Auch diese gilt dann als sekundär durch soziale Diskurse erworben. Eine fixe Zuordnung einer sexuellen Orientierung zu einer geschlechtlichen Körperausprägung wäre damit aufgelöst und damit das Feld für alternative Geschlechtsidentitäten („queer identities“) eröffnet. Mit der Frage sexueller Identitäten befassen sich auch die sogenannten „Queer studies“ im Bereich der Kulturwissenschaft.

Die zum Teil extrem wirklichkeitsfernen philosophischen Theoriekonstrukte Butlers haben mit dem Konzept des „Gender Mainstreaming“ kaum etwas gemeinsam. Ihr treibendes Motiv ist weniger die Frage der Gerechtigkeit zwischen Männern und Frauen, sondern die nach der sozialen Akzeptanz von sexuellem Verhalten, das von der Norm abweicht. Das ist aber ein ganz anderes Thema. Die einzige Verbindung besteht in der Untersuchung gesellschaftlicher Auswirkungen einer geschlechtlichen Zuordnung – und in der Verwendung des Begriffes „Gender“. Letzteres erweist sich als folgenschwer.

Hanna-Barbara Gerl-Falkowitz hat in ihrem Buch „Frau – Männin – Menschin“ (2009) in einem eigenen Abschnitt „Fließende Identität? Gender – eine Theorie auf dem Prüfstand“ sich mit diesen Auswüchsen intensiv und kritisch beschäftigt. Darin ist ihr im Ergebnis nur zuzustimmen. Sie unterscheidet gegen Ende ihrer Ausführungen deutlich zwischen der radikalen Theorie eines konstruierten Geschlechtes und den politischen Prozessen um Gender Mainstreaming, mit denen auch nach ihrer Einschätzung kein radikal dekonstruktivistischer Ansatz verbunden ist. Die Wortführerinnen des amerikanischen Dekonstruktivismus (Judith Butler, Donna Haraway u.a.) werden von ihr analysiert und grundlegend kritisiert. Die Debatte um Gender Mainstreaming bereichert Gerl-Falkowitz um hilfreiche und nachdenkenswerte Impulse, die als Korrektiv für überzogene Sichtweisen verstanden werden können.

Kritik falsch adressiert

Gegen die abgehobenen Theoriebildungen des feministischen Dekonstruktivismus wird insbesondere in konservativen Kreisen an sich berechtigter Widerspruch laut. Allerdings findet dabei oft eine Begriffsverwechselung statt. Anstelle sich wirklich mit den Vertretern der dekonstruktivistischen Theorien auseinander zu setzen, wird der Protest in vielen Fällen fälschlich an das Konzept von Gender Mainstreaming adressiert. Daraus folgt eine extreme Verzeichnung des Konzeptes. Dessen eigentlichem Anliegen steht man dann mit nahezu völliger Blindheit gegenüber. Weil die einschlägigen Texte und die politischen Programme zum Gender Mainstreaming die Extremaussagen des dekonstruktivistischen Feminismus nicht enthalten, wird zu einer Art Verschwörungstheorie Zuflucht genommen. Immer wieder liest man die Behauptung, die politischen Programme seien nur die schöne Fassade, in Wahrheit gehe es um anderes.

Der zunächst zentrale Aspekt der Gleichberechtigung spielt dann in der Betrachtung so gut wie keine Rolle mehr. Statt dessen wird unterstellt, hinter der netten Oberfläche der Gleichberechtigung stünden als eigentlicher Kern Tendenzen zur Beförderung homosexueller Lebensweisen und das Konzept propagiere unterschwellig die völlige Auflösung der Geschlechter. Zum Beispiel wird aus der berechtigten Forderung nach Abschaffung von Frauenunterdrückung u.a. durch Quotenregelungen auf der 4. UN-Weltfrauenkonferenz in Peking 1995 in dieser Lesart eine Idee der Auswechselbarkeit von Männern und Frauen gefolgert, die dann Abtreibungen vermehre und Homosexualität befördere. Das steht zwar nicht in den Texten der Weltfrauenkonferenz, aber mit solch kleinen Übertreibungen lässt es sich eben leichter dagegen argumentieren.

„Politische Geschlechtsumwandlung“

Immer wieder zitiert wird in diesem Zusammenhang ein Artikel von Volker Zastrow in der F.A.Z. vom 19. 6. 2006, der Gender Mainstreaming dort als „Politische Geschlechtsumwandlung“ bezeichnet. Zastrow stellt dort fest, dass insbesondere lesbische Frauen unter der männlichen Dominanz zu leiden hätten. „Denn während homosexuelle Männer auch ohne Frau und Kinder in der sogenannten ‚patriarchalischen‘ Gesellschaft erfolgreich sein konnten, bot sich diese Möglichkeit homosexuellen Frauen kaum. Ihnen drohte die Abwertung als ‚alte Jungfer‘; berufliche Bildung, Aufstieg und Anerkennung waren für sie erheblich schwerer zu verwirklichen als für den alleinstehenden Mann.“ Folglich hält er den Zusammenhang von Feminismus und Lesbenbewegung für „nachgerade zwingend“. In der Tat scheint diese Logik bestechend, aber was soll sie aussagen? Ist das Bemühen um Gleichberechtigung etwa falsch, nur weil lesbische Frauen am meisten unter der Unterdrückung leiden? Es entsteht der Eindruck, als wolle der Artikel von Volker Zastrow genau das besagen. In der Folge bemüht er sich nämlich mit journalistischer Akribie um die Darstellung der privaten Lebensverhältnisse von einzelnen der auf EU-Ebene für Gleichstellungsfragen verantwortlichen Politikerinnen – natürlich nur von denen, die das oben genannte Schema erfüllen. Auch Judith Butler wird von Zastrow als Kronzeugin für die angeblichen Hintergründe von Gender Mainstreaming ins Feld geführt, ohne zu beachten, dass sie die dafür grundlegende Unterscheidung von sex und gender ja gerade ablehnt. Volker Zastows Artikel ist ein pointierter Beitrag in der Debatte, aber keine sachlich ausgewogene Übersicht über das Thema.

Falschmeldungen

Die „Gender Perspektive“ gilt in manchen Kreisen pauschal als Instrument zur Abschaffung von Ehe und Familie. Sie wird vermengt mit angeblichen Forderungen nach einem Recht zur Abtreibung. Ein solches sucht man beim Familienministerium vergeblich. Die Verbindung mit anderen Themen scheint aber genauso zur Methode zu gehören, wie das Verbreiten von Falschmeldungen zur negativen Stimmungsmache. Ein drastisches Beispiel und Lehrstück für diese Methode ist die Meldung des „christlichen Informationsdienstes“ MEDRUM vom 4. 6. 2010 mit dem Titel „Mutter wird amtlich durch ‚das Elter‘ ersetzt.“ Die Meldung nimmt Bezug auf eine Boulevarzeitungsmeldung zur Veröffentlichung einer Broschüre der schweizerischen Bundeskanzlei zum geschlechtergerechten Formulieren und behauptet, Vater und Mutter seien dort in der Rubrik diskriminierender Begriffe. „Kinder könnten demnach künftig in der Amtsprache keinen Vater oder Mutter, sondern nur noch ein Neutrum als Ursprung, genannt ‚das Elter‘ [haben].“ Zwei Sätze weiter wird behauptet, darin würden die Verantwortlichen einer Beschlussvorlage des Europarates folgen, welche „gegen die Verwendung von Begriffen wie des Mutterbegriffes in den Nationen kämpfen soll, um Gender-Gleichheit herzustellen.“[2]

Diese Meldung verbreitet eine Falschmeldung. Die genannten Texte sind für jedermann im Internet abrufbar.[3] Der Text der Bundeskanzlei enthält die behaupteten Aussagen nicht. Das Elter wird im Text zwar einmal erwähnt, aber lediglich als veraltetes und ungewöhnliches Synonym für „Eltern“. Auch der Europarat bekämpft nicht den Mutterbegriff, sondern durchaus nachvollziehbar eine einengende Festlegung der Frauen auf die Rollen Sexualobjekt und Mutter. Aber kaum jemand macht sich die Mühe, das zu überprüfen. Statt dessen verbreitet sich eine solche (Falsch-)Meldung aufgrund ihrer Kuriosität wie ein Lauffeuer – zusammen mit der anschließenden Spekulation des Autors: „Eine derartige sprachliche Deformation würde auch den Erwerb der Elternschaft durch homosexuelle Paare erleichtern. Ein Kind, dessen soziale Eltern zwei lesbische Frauen sind, hätte dann eben nicht mehr eine Mutter und eine Stiefmutter, sondern zwei Elter: Elter 1 und Elter 2. …“ Inzwischen zählt diese Meldung zu den meistgelesenen Beiträgen des Portals. Autor und Portalbetreiber Kurt J. Heinz hat in einem Folgeartikel noch selbstgestaltete Illustrationen präsentiert, die er trotz Bekanntgabe des unwahren Charakters der Ursprungsmeldung bislang nicht wieder entfernte. Mehrfach war in den letzten Wochen zu erleben, dass in Debatten die angeblich negativen Folgen von Gender Mainstreaming durch diese Falschmeldung vom „Elter“ illustriert werden sollte.

Deutlich ist hierbei das immer wieder zu beobachtende Prinzip sichtbar: Das Konzept des Gender Mainstreaming wird dadurch verächtlich gemacht, dass

1) das Anliegen der Gerechtigkeit ignoriert,

2) kuriose Übertreibungen unterstellt und

3) Verbindungen zu homosexuellen Lebensweisen erzeugt werden, die in den Ursprungstexten nicht einmal ansatzweise enthalten sind.

Ihr Arsenal an Unterstellungen beziehen diese Argumentationen aus häufig unverstandenen Versatzstücken der dekonstruktivistischen Geschlechterforschung. Nur ist diese bei genauer Betrachtung eben nicht den Befürwortern, sondern eher den Gegnern der aktuellen politischen Konzepte des Gender Mainstreaming zuzurechnen.

Zusammenfassung

Um die etwas verwirrende Diskussionslage besser deutlich werden zu lassen, sei noch einmal eine typisierende Zusammenfassung versucht.

1. Befürworter: Gender ist nicht Sex

Grundprinzip bei allen Befürwortern des Konzeptes ist die Unterscheidung von „gender“ (soziale Rollen) und „sex“ (biologisches Geschlecht). Die Sexualität des Individuums (im Sinn des Begehrens) spielt dabei keine Rolle und kommt in den entsprechenden Texten nicht vor.

2. Gegner: Gender = Sex

Die Unterscheidung von gender und sex wird von den Kritikern des Konzeptes in der Regel nicht nachvollzogen. Dabei sind zwei einander gegensätzliche Strukturen, Denk- und Argumentationsweisen zu beobachten, die sich eigentlich gegenseitig bekämpfen.

a) Gender: Auf der einen Seite wird dabei die Unterscheidung von gender und sex negiert, weil der Begriff „gender“ als beliebige Veränderbarkeit der sexuellen Orientierung missverstanden und daher abgelehnt wird. Die biologischen Unterschiede werden betont und daraus mitunter „Natur“- bzw. Gottgegebene fixe Rollenteilungen abgeleitet.

b) Sex: Auf der anderen Seite wird genau gegen diese starren Rollenbilder gekämpft, weil sie oft ungerechte Machtstrukturen befestigen. Um solchen Argumentationen nicht die Spur eines Grundes zu belassen, wird ebenfalls die Unterscheidung von sex und gender abgelehnt, nun aber die Existenz eines biologischen Geschlechtes (sex) rundweg bestritten und als bloße Kulturprägung ausgegeben.

Wie weiter?

Gender Mainstreaming bietet sich eigentlich als sachbezogener und weitaus weniger ideologischer Mittelweg in dieser Auseinandersetzung an. Die Analyse der Debatte zeigt, dass oft weniger um die Sache selbst, als vielmehr um die Deutung eines Begriffes gestritten wird. Viele von denen, die heftig gegen Gender Mainstreaming agitieren, haben gegen eine Verbesserung der Gerechtigkeit zwischen Männern und Frauen eigentlich nichts einzuwenden. Sie wollen sich lediglich gegen einen ideologielastigen Umbau der Gesellschaft durch die Hintertür erwehren.

Wäre es dann nicht einfacher und kräftesparender, zumindest im Bereich der Kirchen auf den umstrittenen und mit falschen Assoziationen überfrachteten Begriff des Gender Mainstreaming zu verzichten? Statt dessen könnte man besser konkret und auf Deutsch das bezeichnen, worum es geht: Gerechtigkeit zwischen Männern und Frauen. Das mag in der Tat oftmals eine angemessene Lösung darstellen. Dennoch ist es auch wichtig, das Konzept und den Begriff des Gender Mainstreaming gegen verzeichnende Falschdarstellungen zu verteidigen. Zum einen macht es das Christentum nach außen hin unglaubwürdig, wenn deren Vertreter mit Verweis auf den Glauben unsachlich gegen rechtmäßige Anliegen polemisieren. Zum anderen ist der Begriff in der öffentlichen Verwaltung und in diversen Gesetzen als Fachbegriff fest etabliert. Mancherorts wird aus der Gegnerschaft gegen den Begriff ein falscher Glaubenskampf heraufbeschworen in dem Sinn, dass durch die Politik des Gender Mainstreaming christliche Grundanliegen bedroht seien und man doch Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen. Auf diese Weise wird eine innere Distanz und Gegnerschaft zu unserer Rechtsordnung aufgebaut, die an dieser Stelle unnötig und unberechtigt ist. Deren negative Folgen für das Demokratieverständnis sind noch gar nicht voll absehbar.

Keine neue Heilslehre

Wo über Konzepte des Gender Mainstreaming im Raum der Kirchen nachgedacht wird, sollte klar gestellt werden, dass christliches Handeln nicht von radikalen dekonstruktivistischen Theoriebildungen, sondern von biblischen Aussagen her normiert wird. Theorien, welche die Existenz des Menschen als Mann und Frau leugnen und die biologische Unterschiedlichkeit generell bestreiten, folgen mehr einer Ideologie als der Wirklichkeit. Wo der Verweis auf biologische Unterschiede andererseits benutzt wird, um ungerechte Rollezuschreibungen zu fixieren, widerspricht auch dies den biblischen Perspektiven.

Gender Mainstreaming kann Beziehungen unter Menschen verbessern, aber auch dieses Konzept darf nicht zu einer neuen Heilslehre hochstilisiert werden. Es gibt wohl kaum eine Sache, die man in Deutschland nicht übertreiben kann. Das gilt sowohl für Gender Mainstreaming als auch für die Kritik daran. Eine Wachsamkeit im Blick auf Übertreibungen bleibt daher auch an dieser Stelle richtig. Dabei gilt auch hier, dass der Missbrauch den rechten Gebrauch nicht aufhebt.

Fazit

Gender Mainstreaming ist ein Konzept, welches allen Bürgern freie und gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben sichern soll. Dazu will es die Bedingungen für echte Freiheit der Entwicklung schaffen. Beispiel: Es soll keinem Mädchen verboten werden, mit Puppen zu spielen und keinem Jungen mit einem Traktor – aber auch nicht anders herum und es sollen Mädchen und Jungen entsprechend ihrer persönlichen Vorlieben aus beiden Spielzeugen wählen können, damit sie ausprobieren können, was ihrer Begabung entspricht. Noch einmal deutlich gesagt, weil es sonst sicher wieder jemanden gibt, der das falsch verstehen will: Es geht dabei nicht um Sexualität. Nicht die Sexualität soll ausprobiert werden, sondern das Spielzeug.

Theologisch folgt aus der Aussage im Schöpfungsbericht, dass Gott den Menschen nach seinem Bilde als Mann und Frau erschaffen hat, dass beide Geschlechter aufeinander bezogen sind und in einem gerechten Ausgleich zueinander stehen sollten. Von daher ergibt sich für die Kirchen ein eigener Auftrag, die bestehenden Ungerechtigkeiten zu überwinden. Der christliche Glaube bringt noch eine andere Dimension in die Debatte ein, denn die Bibel spricht an etlichen Stellen davon, dass Menschen von Gott mit unterschiedlichen Gaben ausgestattet werden. Die Begabungen Gottes sind vielseitiger und individueller, als traditionelle gesellschaftliche Rollenmuster. Schon im Alten Testament werden Richterinnen und Prophetinnen erwähnt. Im Neuen Testament wird berichtet, dass eine Purpurhändlerin die erste Christin in Europa wurde (Apg. 16).

Christen sollten für das Wirken Gottes in den Menschen offen sein und nicht von ihm angelegte Begabungen in starren Rollenmustern ersticken. Das Anliegen von Gender Mainstreaming, überkommene Rollenvorgaben nicht zum Gefängnis werden zu lassen, findet hierin eine christliche Bestätigung. Ein Beispiel: Die Tatsache, dass Gott auch Frauen in seinen Dienst ruft und mit entsprechenden Gaben ausstattet, hat in der Evangelischen Kirche zur Einführung der Frauenordination geführt. Das ist ein Stück praktisches Gender Mainstreaming. Für kirchliche Stellungnahmen zum Thema wird immer wichtig bleiben, dass es dabei um eine schöpfungsgemäße Entfaltung der Gaben geht, die auch immer in einem konstruktiven Verhältnis zu Ehe und Familie stehen. Denn Gerechtigkeit zwischen den Partnern stabilisiert nachweislich die Beziehungen.

Harald Lamprecht

 


Kurznachrichten

  • Kontroverse um ein umstrittenes Thema - Tagung am 17./18. 11. 2016 in Meißen