Kurzdarstellung
von Andreas Fincke, EZW
Die Zeugen Jehovas (ZJ) sind wohl die bekannteste religiöse Sondergemeinschaft in Deutschland.
Name und Organisation
Wie bei politischen oder anderen religiösen Organisationen wird man
zwischen der ideologischen Leitung und den ,,einfachen" Anhängern
unterscheiden müssen. An der Spitze steht die ,,Wachtturmgesellschaft"
(WTG) sowie seit 1971 eine sog. ,,Leitende Körperschaft". Sie verdient
kritische Anmerkungen; die Mitglieder und Sympathisanten nennen sich
,,Jehovas Zeugen" (vgl. Jes 43, 10) und sind überwiegend menschlich
glaubwürdige Leute, die jedoch von der Organisation in recht
einseitiger Weise geschult, manipuliert und gelegentlich auch handfest
unterdrückt werden.
Die Wurzeln der ,,ernsten Bibelforscher"
Am Anfang der Bewegung
stand Charles Taze Russell (1852-1916). Russell hatte als junger Mensch
unterschiedliche Kirchen kennengelernt und verschiedenes Glaubensgut in
sich aufgenommen, so auch die für die späteren Zeugen Jehovas wichtige
Überzeugung von der Berechenbarkeit und Datierbarkeit des Weltendes.
Zunächst erwarteten Russell und seine Freunde für 1872/73 das Ende der
Welt und die sichtbare Wiederkunft Christi. Als dieser Zeitpunkt
verstrichen war, hoffte man auf das Jahr 1874. Nachdem sich die
Wiederkunft Christi auch da nicht ereignet hatte, gründete Russell
einen besonderen Bibelstudienkreis. Ab 1879 gab er eine eigene
Zeitschrift heraus, den ,,Zion'sWatch Tower And Herald Of Christ's
Presence"' den späteren ,,Wachtturm" Es entstanden Lesezirkel, die den
Namen ,,Ernste Bibelforscher" erhielten. Russell wollte
überkonfessionell wirken und keine neue Denomination oder gar ,,Sekte"
gründen. Er steckte sein nicht geringes Vermögen in das von ihm
gegründete Verlags- und Missionswerk, in die ,,Zion's Watch Tower Tract
Society" (heute: ,,Watch Tower Bible And Tract Society Of
Pennsylvania").
Ein Schwerpunkt der Botschaft der neuen Bewegung war die Verheißung,
daß mit dem Jahre 1914 das Königreich Gottes auf der Erde in Gestalt
eines großen Friedensreiches beginnen werde. Als auch diese
Prophezeiung nicht eintrat, wandten sich Tausende enttäuscht ab.
Russell starb 1916.
Die Entstehung einer straff geführten Organisation
1917 wurde
Joseph Franklin Rutherford (1869-1942) Russells Nachfolger. Er macht
die Bewegung zu dem, was wir heute unter den Zeugen Jehovas verstehen:
Er zwängte die nur lose miteinander verbundenen Versammlungen in eine
straff geführte Organisation, in die ,,Theokratische Organisation" der
,,Zeugen Jehovas". Rutherford beseitigt die demokratischen Strukturen:
Die frei gewählten Ältesten werden durch eingesetzteVersammlungsleiter
ersetzt (sog. ,,Dienstkomitees"). Es entsteht ein Netz gegenseitiger
Kontrolle. Aus engagierten Laien und interessierten Bibellesern
(,,Bibelforschern") werden geschulte ,,Wachtturm"-Verkäufer. Rutherford
perfektionierte die bekannten Besuche von Haus zu Haus. Auf ihn gehen
auch die monatlichen Predigtdienstberichte, die jährlichen Kongresse
sowie das System der ,,Königreichssäle" (das sind die Versammlungsräume
der ZJ) zurück.
Die sog. ,,Leitende Körperschaft" in Brooklyn versteht sich jetzt als
,,Offenbarungs- und Verbindungskanal Jehovas". Ihren Anweisungen und
Bibelinterpretationen ist genau zu folgen. Sie baut die Organisation
der Zeugen Jehovas zu einer ,,Propagandamaschine" aus.
Nach Rutherfords Tod 1942 wurde Nathan Homer Knorr (1905-1977)
Präsident der WTG. Er ist der große Organisator, unter dessen Leitung
die Gesellschaft ein rapides Wachstum erlangt. Allein in den Jahren
1939 bis 1948 verfünffacht sich die Zahl der ,,Verkündiger" (das sind
die aktiven Zeugen) auf 230 532. Sie waren in fast 100 Ländern aktiv.
1971/72 installiert Knorr das sog. ,,Ältestenamt". Die Ältesten sind
Funktionäre, die sich durch besonderes Engagement für die ZJ
qualifiziert haben. Der Präsident verlangt strenge Disziplin.
1977 wurde Frederic William Franz (1893-1992) im Alter von 84 Jahren
Nachfolger im Präsidentenamt; seit dem 30.12.1992 ist Milton G.
Henschel Präsident.
Statistik
1996 gab es weltweit etwa 5,3 Mio. sog.
,,Verkündiger". In Deutschland ist von über 160 000 Verkündigern
auszugehen. Ein nennenswertes Wachstum verzeichnet die Organisation in
Osteuropa. Man muß jedoch sehen, daß jährlich auch viele Menschen die
Zeugen Jehovas verlassen (sog. ,,Drehtür-effekt").
Die derzeitige Lage in Deutschland
Die Zeugen Jehovas sind eine
der missionarisch aktivsten Religionsgemeinschaften in Deutschland. Es
gibt praktisch keinen Ort, an welchem die Zeugen nicht unterwegs sind.
Gelegentlich werden sog. ,,Sonderfeldzüge" ausgerufen. Die Zentrale für
Deutschland und Osteuropa befindet sich in Selters/Taunus. Hier werden
jährlich mehr als 12 Millionen Bücher und über 150 Millionen
Zeitschriften hergestellt. Ein Großteil dieser Produktion geht nach
Osteuropa.
Besonderheiten der Lehre
Grundlage ist die Heilige Schrift in
der von der Wachtturmgesellschaft genehmigten Auslegung. Die Bibel wird
als wörtlich inspiriert angesehen. Jede Bibelstelle gilt einer anderen
gleichwertig. Häufig argumentieren Zeugen Jehovas mit biblischen
Aussagen in einem völlig anderen Kontext als dem der Heiligen Schrift.
Verstärkt wird dieses tendenziöse Verfahren durch eine eigene
Bibelübersetzung, die sog. ,,Neue-Welt-Übersetzung". Hier haben viele
Begriffe aus dem Sprachgebrauch der Zeugen Eingang gefunden, z. B. wenn
es bei Matthäus 16, 18 statt ,,Du bist Petrus, und auf diesen Felsen
will ich meine Kirche bauen" in der WTG-Übersetzung heißt: ,,Du bist
Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Versammlung bauen". Eine
der gravierendsten Verfälschungen in dieser Übersetzung besteht darin,
daß an 237 Stellen der (angebliche) Gottesname ,,Jehova" in den Text
des Neuen Testaments aufgenommen wurde, obwohl dieses Wort im Urtext
nicht vorkommt.
Die Zeugen gehen davon aus, daß Gott seinen heilsgeschichtlichen
Zeitplan in der Bibel verborgen niedergeschrieben hat. Daraus folgern
sie die Notwendigkeit, die Bibel und ihre Zahlenangaben ,,richtig" zu
deuten.
Die beiden Zeitschriften der Zeugen Jehovas erscheinen in gewaltiger
Auflage: ,,Wachtturm" 20 Mio., ,, Erwachet" 18 Mio.' und zwar in 125
bzw. 81 Sprachen. Beide Hefte kommen zweimal im Monat heraus und sind
in jüngster Zeit deutlich ,,moderner" und ansprechender gestaltet.
Die WTG bzw. die Zeugen Jehovas kennen keine Ökumene, das heißt, sie
halten sich für die einzigen richtigen Christen. Andere Kirchen oder
Weltreligionen werden radikal abgelehnt und als Formen ,,falscher
Religion" abgetan. Bei den Zeugen heißt Glauben in erster Linie
,,fortschreitende Erkenntnis" aufnehmen und verbreiten, also über ein
abfragbares Bibelwissen zu verfügen.
Besondere Probleme
Bluttransfusionen, selbst wenn sie
lebensrettend und medizinisch dringend geboten sind, werden unter
Hinweis auf Apostelgeschichte 15, 29 und alttestamentliche Stellen
abgelehnt. Dem ist entgegenzuhalten, daß an den angegebenen Stellen
keine Bluttransfusionen gemeint sind, und dem widerspricht auch
Matthäus 12, 7: ,,Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am
Opfer."
Der Alltag
Das Leben eines Zeugen ist durch Vorgaben der WTG
streng geregelt. Der Umgang mit Menschen, die nicht zur WTG gehören,
ist zu vermeiden, jede Gelegenheit zur Mission ist zu nutzen, die
Lektüre kritischer Bücher ist verboten, die Mitgliedschaft in
Sportvereinen usw. verpönt. Viele Feste (Weihnachten, Geburtstage,
Fasching etc.) werden als ,,heidnisch" abgelehnt. Jegliche Mitarbeit in
Parteien, Gewerkschaften usw. ist untersagt. Bis vor wenigen Monaten
war den Zeugen nicht nur der Wehrdienst, sondern sogar der
Wehrersatzdienst verboten. Erst in jüngster Zeit zeigt man in dieser
Frage Kompromißbereitschaft.
Beurteilung
Die Zeugen Jehovas beeindrucken durch ihr
persönliches Engagement, ihre Rastlosigkeit und ihr oftmals
glaubwürdiges Auftreten. Aber dies ist nur die eine Seite. Hinter ihrer
Fassade erweist sich diese Gemeinschaft sehr schnell als restriktive
Organisation, die von den Anhängern blinden Gehorsam erwartet und für
kritische Rückfragen, Einwände oder Bedenken keinen Raum hat. Die
Wachtturmgesellschaft schuf ein geschlossenes ideologisches System,
welches jedem einzelnen seinen Platz zuordnet. Mehr noch: Die
Organisation verspricht ein Überleben des Weltendes durch Zugehörigkeit
zu ihr als der ,,richtigen" Organisation und durch fortwährende
Beteiligung an deren Werbeaktivitäten. Daß die Organisation damit dem
Gericht Gottes vorgreift, erscheint besonders kritikwürdig. Für viele
Menschen, die sich nach Orientierung, Sicherheit und Geborgenheit in
ihrem Leben sehnen, liegt aber gerade darin die Faszination der Zeugen
Jehovas.
Ratschläge
Häufig sind Christen hilflos, wenn Jehovas Zeugen unvermittelt an der Wohnungstür stehen. Folgende Hinweise sind hilfreich:
- Streitgespräche mit Jehovas Zeugen sind wenig sinnvoll. Meist sind
Gemeindeglieder der geschulten Gesprächsführung der Zeugen nicht
gewachsen.
- Kaufen Sie den Zeugen keine Literatur ab! Sie finanzieren damit das sehr problematische System der Wachtturmgesellschaft.
- Weisen Sie die Zeugen darauf hin, daß Sie keine weiteren Besuche
möchten; wenn Sie sich zu freundlich zeigen, werden die Zeugen Jehovas
immer wieder sogenannte ,,Rückbesuche" bei Ihnen versuchen.
- Sagen Sie Ihren Besuchern, daß Sie sich bei Ihrer Kirchengemeinde
gut aufgehoben fühlen und keinen Bedarf haben, sich einer anderen
Gemeinschaft anzuschließen.
- Wenden Sie sich bei weiteren Fragen an das örtliche Pfarramt.
Literatur
Über keine andere Religionsgemeinschaft gibt es so viel Literatur wie
über die Zeugen Jehovas. Besonders interessant sind die Lebensberichte
ehemaliger Zeugen, so z. B.
- Raymond Franz: Der Gewissenskonflikt, München 1988.
- Josy Doyon: Hirten ohne Erbarmen, Zürich 1986.
- Günther Pape: Ich war Zeuge Jehovas, 1988.
An grundlegender und einführender Literatur ist zu empfehlen:
- Kurt Hutten: Seher, Grübler, Enthusiasten, Stuttgart 1982.
- Friedrich-Wilhelm Haack 1 Thomas Gandow: Jehovas Zeugen, München 1992.
- Hans-Jürgen Twisselmann: Der Wachtturmkonzern der Zeugen Jehovas, Anspruch und Wirklichkeit, Gießen 1995.
Dr. theol. Andreas Fincke, September 1997
Dieser Text stammt von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen und kann dort als Faltblatt bezogen werden:
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