Thermometer mit Greta Thunberg

Die heilige Greta?

Was das Engagement gegen den Klimawandel mit Religion zu tun hat

Am 20. September gingen weltweit in vielen Städten zehn- bis hunderttausende Menschen auf die Straße, um die Politik zu einem stärkeren Engagement in Klimafragen zu bewegen. Die Teilnehmerzahlen an vielen Orten übertrafen die Erwartungen der Organisatoren um ein Vielfaches. Kern der Bewegung sind die Schülerdemonstrationen unter dem Titel „Fridays for Future“. Deren Initiatiorin, die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg, ist in ihrer unerschrockenen Entschlossenheit für viele zu einer Identifikations- und Symbolfigur geworden.
Parallel zu diesem Anwachsen der Bewegung nehmen Stimmen zu, die in diesem Zusammenhang von einer neuen Religion sprechen. Etliche Darstellungen stilisieren Greta Thunberg zu einer Heiligen, zu einer neuen Erlöserfigur. Wie berechtigt sind diese Einschätzungen und woher kommen sie?

Religionsdefinitionen

Eine der größten Schwierigkeiten der Religionswissenschaft besteht darin, den Begriff der Religion zu definieren. Es gibt engere und weitere Beschreibungen. Als wesentlich dürften aber mindestens zwei Funktionen gelten, die Religionen zu erfüllen haben, nämlich 1. einen Transzendenzbezug, der über die irdische Wirklichkeit hinausweist und 2. einen Beitrag zur Kontingenzbewältigung zu leisten. Nicht hingegen zur Religionsdefinition im engeren Sinn gehört die Existenz kollektiver Rituale. Wenngleich sie natürlich in den meisten Religionen anzutreffen sind, gibt es sie doch auch außerhalb von Religion. Fangesänge im Stadion und auch die gelegentliche Rede von einem „Fußball-Gott“ in Bezug auf begnadete Spieler bündeln zwar große Emotionen, erschaffen aber keinen echten Transzendenzbezug. Auch andere Massenevents wie eine Love-Parade oder ein Rockkonzert können kollektive Gesänge und ritualhafte Elemente aufweisen und große Emotionen freisetzen. Von Religion im Sinne einer nachhaltigen Daseinsdeutung sind sie jedoch weit entfernt.

Jenseits der Wissenschaft

Zum Wesen religiöser Überzeugungen gehört also, dass sie einen Transzendenzbezug aufweisen. Dies führt zwangsweise dazu, dass sie in hohem Maße subjektiv sind. Sie benennen eine innere Gewissheit, die nicht unmittelbar einer äußeren Beweisführung zugänglich ist. Darin unterscheidet sie sich wesenhaft von wissenschaftlicher Erkenntnis. Wissenschaftliche Aussagen entstammen einer rationallogischen Argumentation. Dies macht sie für andere Personen nachvollziehbar und überprüfbar. In ihrem Wirkungsbereich sind sie allerdings streng auf die innerweltliche Sphäre begrenzt. Theologisch gesprochen: Wissenschaft bleibt zwingend im Bereich der Schöpfung, Religion handelt von der Beziehung zum Schöpfer.

Apokalyptik

Die gegenwärtigen Szenarien im Blick auf die globale Klimaerwärmung haben ohne Frage eine apokalyptische Dimension. Es steht nicht weniger als die Zukunft des Planeten auf dem Spiel – jedenfalls in der Form, wie wir ihn kennen. Erst dieses Bedrohungsszenario erklärt die Resonanz und die Entschlossenheit der „Fridays for Future“-Bewegung, auch unter Inkaufnahme persönlicher Opfer für die von ihnen als wichtig erkannte Sache einzutreten.
Apokalyptische Weltuntergangsprophezeihungen sind nun kein grundsätzlich neues Phänomen in der Menschheitsgeschichte. Wir kennen sie aus diversen religiösen Zusammenhängen. Manche Religionsgemeinschaften benutzen sie sogar gezielt, um jene Radikalität und Hingabe zu erzeugen, die entsteht, wenn das nahende Ende grundlegend das Prioritätengefüge des Lebens verschiebt. Insofern ist es nachvollziehbar, wenn die gegenwärtige medial bestimmende Debatte um den Klimawandel in der Nähe von Religion gesehen und bei manchen Protagonisten quasi religiöser Eifer ausgemacht wird. Ebenso sollte die Gefahr gesehen werden, dass die Radikalität und Endgültigkeit eines apokalyptischen Szenarios leicht dazu führen kann, Vernunft und Augenmaß zu verlieren und in Fanatismus abzugleiten. Dennoch ist die Frage nicht nur berechtigt, sondern notwendig, in wieweit die Stilisierung der Klimaschutzbewegung als „religiös“ angemessen ist und welche Effekte damit verbunden sind.

Glauben und Wissen

Kritiker der Fridays-for-Future-Bewegung bestreiten den maßgeblichen Einfluss des Menschen auf den gegenwärtigen Klimawandel und stellen dies als eine Glaubensfrage dar. Glauben wird hier sehr bewusst in seinem Gegensatz zur Wissenschaft im Sinn eines „Nicht-genau-Wissens“, „Vermuten“, „Ahnen“ verwendet. Glauben darf ein Mensch vieles, aber solche subjektiven (Un-)Gewissheiten sollten bitteschön keine Auswirkungen auf andere Menschen haben, erst recht nicht auf die Politik. In dem Maß, wie die Kirchen vor den Folgen des Klimawandels warnen, wird ihnen unterstellt, sie seien vom Glauben abgefallen, weil sie ja nun die christliche Religion durch diese Klima-Religion ersetzt hätten und statt der christlichen Erlösung falsche innerweltliche Heilshoffnungen predigen würden.
Diese Darstellung ist nachweislich falsch. Die Fakten stehen dem klar entgegen.

Das Votum der Wissenschaft

Im Bereich der seriösen mit Klimafragen befassten Wissenschaft ist es seit Jahrzehnten bekannt und ausreichend nachgewiesen, dass der Einfluss des Menschen auf die Klimaveränderung erheblich ist. Natürlich ist das nicht der einzige Faktor, der auf das Klima einwirkt. Aber wenn die Menschheit weiterhin so verantwortungslos fossile Brennstoffe verheizt und das über Jahrmillionen darin eingelagerte CO2 freisetzt, dann hat das nachweislich dramatische Auswirkungen.
Diesen Unterschied gilt es zu sehen: Die gegenwärtigen Klimadiagramme sind keine religiös begründete Weltuntergangsvision. Es geht nicht um Berechnungen aus biblischen Zahlenangaben. Es geht nicht um mystische Interpretationen eines Maya-Kalenders. Es ist keine visionär geschaute Androhung eines göttlichen Strafgerichtes. Die Klimaforscher schildern lediglich die nüchternen Fakten, die sich aus den Berechnungen ergeben. Die Welt wird davon nicht untergehen. Aber sie wird ein wesentlich ungemütlicherer Ort werden.
Natürlich kann es auch anders kommen. Aber nach allem, was wir heute wissen, wird es so sein, wenn nicht 1. sofort und 2. drastische Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Mit kosmetischen Korrekturen kommen wir nicht durch.

Klimakonferenz und Völkerrecht

Diese Erkenntnisse sind überhaupt nicht neu. Sie sind seit Jahrzehnten bekannt. Man hätte schon viel früher reagieren können und auch müssen. Nur wollte es kaum jemand hören. Folglich gab es dafür auch keine erforderlichen politischen Mehrheiten. Es ist eben nicht nur ein Wesenszug von einigen Studierenden, die Seminararbeit erst kurz vor dem Abgabetermin wirklich in Angriff zu nehmen. Es gibt dafür sogar einen Fachbegriff: Prokrastination. Menschen lieben ihre Bequemlichkeit zu sehr bzw. sortieren ihre Prioritäten nach dem, was in der Gegenwart ansteht und nur sehr (bzw. zu) wenig nach dem, was kommt, selbst wenn wir das eigentlich sicher wissen. Es gibt seltene Ausnahmen von dieser Beobachtung.

Bei der Klimakonferenz 2015 in Paris wurden völkerrechtlich bindende Klimaziele vereinbart. Das Problem ist schon lange gesehen und auch anerkannt. Damals sprach noch niemand von einer angeblichen „Klimareligion“. Aber es wurde zu wenig unternommen und die eigentlich eingegangenen Verpflichtungen nicht eingehalten. Auch Deutschland hat seine Zusagen nicht gehalten. Entsprechend groß ist der Druck jetzt und es ist sehr unwahrscheinlich, dass das Klima eine globale Fristverlängerung gewährt.  

Religion?

Was hat es mit Religion zu tun, wenn aus wissenschaftlichen Erkenntnissen Schlussfolgerungen für praktisches Handeln gezogen werden? Der Einfluss des Menschen auf den Klimawandel ist keine Glaubensfrage. Es gibt dort weder Transzendenzbezug noch Kontingenzbewältigung.
Gewiss: Es ist ein Ruf zur Umkehr damit verbunden. Insofern hat Greta Thunberg vielleicht etwas von Johannes dem Täufer. Auch ein prophetisches Amt wird gelegentlich in die Diskussion eingebracht. Aber im Unterschied zu diesen hat sie keine religiöse Botschaft. Das Einzige, was sie tut – und das aber mit Nachdruck – ist die Politik an ihre eigenen übernommenen Verpflichtungen zu erinnern. Es geht hier nicht um das Verhältnis der Menschen zu Gott, sondern um Vernunft und Nachhaltigkeit in der Politik. Das gilt es ganz klar zu sehen. Die Versuche, den Klimaprotesten einen Religionscharakter anzuhängen, erinnern doch sehr an das Gemaule der Skatbrüder und Saufkumpane, des Studenten, wenn der kurz vor Schluss doch noch seine Prioritäten umsortiert hat und – nun freilich unter großen Opfern – alle Anstrengungen in die Seminararbeit steckt und dafür nun als Streber verunglimpft wird.

Die Rolle der Kirchen

Wenn dies ein solchermaßen unreligiöser und rein politischer Vorgang ist – warum und mit welchem Recht engagieren sich dann die Kirchen in der Klimafrage? Diese Antwort ist nicht schwer: Aus christlicher Sicht hat Gott dem Menschen die Schöpfung überlassen, dass er sie bebaue und bewahre. Das Anliegen der Bewahrung der Schöpfung ist – ebenso wie der Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden – wesentlicher Bestandteil kirchlicher Arbeit auf vielen Ebenen. Das alles gab es schon lange vor dem aktuellen Klima-Hype (für den es wie gesagt wichtige Gründe gibt). Erinnert sei an die theologisch wertvollen und heute erstaunlich aktuellen Texte der Ökumenischen Versammlung zu Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung in Dresden 1989. Wenn sich nun endlich gesellschaftliche Mehrheiten für ein Anliegen entwickeln, das die Kirchen seit langem mit Nachdruck und aus guten theologischen Gründen vertreten haben – warum sollten sie dann abseits stehen? Für Christen ist der Einsatz für die Bewahrung der Schöpfung keine Ersatzreligion, sondern praktische Konsequenz ihrer eigenen religiösen Überzeugungen und Erfüllung eines biblischen Auftrages.

Heilige und Sünder

Aus evangelischer Perspektive sind Heilige Vorbilder im Glauben – mehr nicht. Menschen bleiben immer fehlbar und sind nie perfekt. Darum ist der gesellschaftliche Trend, nach Führungsfiguren zu suchen und diese mit unerfüllbaren Erwartungen zu überhäufen, aus evangelischer Sicht kritisch zu betrachten.
Es ist für die gesellschaftliche Debatte und für die Sache des Klimaschutzes nicht sinnvoll, die schwedische Schülerin zur Heilsbringerin hochzustilisieren. Lassen wir sie, was sie ist: die Gründerin einer Bewegung, die von der Politik fordert, das  zu liefern, was diese selbst versprochen hat und die mit dieser Forderung viel Resonanz erfuhr. Das genügt. Weder muss ihr im persönlichen Lebenswandel umweltpolitische Perfektion abverlangt werden, noch gewinnen ihre Worte Offenbarungscharakter. Die Fokussierung auf sie bewirkt lediglich eine fruchtlose Scheindisskussion um ihre Person und ihre Handlungen. Das lenkt vom eigentlichen Thema ab: Was kann, was sollte, was muss getan werden, um die Klimaziele von Paris doch noch einhalten zu können? Das ist keine religiöse Frage, sondern eine ganz lebenspraktische.

Dr. Harald Lamprecht

ist Beauftragter für Weltanschauungs- und Sektenfragen der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens und Geschäftsführer des Evangelischen Bundes Sachsen.

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