Seelsorge an Geistern

Zu Besuch bei der spiritistischen Studiengruppe Allan Kardec

Spricht man von „Spiritismus“, dann denken die meisten Menschen spontan an bestimmte Praktiken zur Geisterbeschwörung. Aus Filmen oder Büchern gibt es Bilder von Seancen, in denen bei düsterer Atmosphäre Menschen um einen Tisch sitzen und versuchen, mit Geistwesenheiten in Kontakt zu kommen, um von ihnen Botschaften aus dem Jenseits zu erhaschen. Mal geht es um eine wichtige Information. Mal geht es vor allem um den Gruselfaktor. Das ist die eine Seite. Es gibt auch eine andere Seite des Spiritismus. Diese ist nicht vordergründig auf spektakuläre Phänomene orientiert. Sie zeigt sich in Form organisierter Religionsgemeinschaften mit dem Anspruch, eine Weltanschauung zur Welterklärung zu bieten. Vor allem in Südamerika gibt es kirchenähnliche Religionsgemeinschaften auf spiritistischer Grundlage. Auch in Deutschland existieren solche Gruppen. Im Rahmen der EZW-Exkursion im September 2025 in München hat eine Gruppe von kirchlichen Beauftragten für Weltanschauungsfragen die dortige „Spiritistische Studiengruppe Allan Kardec“ besucht.

Allan Kardec

Namensgebend ist der französische Pädagoge und Arzt Hippolyte Léon Denizard Rivail (1804-1869), der unter dem Pseudonym Allan Kardec publizierte und unter diesem Namen Bekanntheit erwarb. Er war ein gelehrter Mann, der auch zu Fragen der Mathematik, Grammatik und Physik publizierte. Daneben interessierte er sich für die sich damals erst entwickelnden Grenzgebiete der Wissenschaft wie Magnetismus, Hypnose und außersinnliche Wahrnehmung. Als in den 1850-er Jahren die spiritistischen Phänomene von den USA aus nach Europa kamen, wurden sie von ihm mit wissenschaftlichem Anspruch untersucht. 1857 erschien sein erstes grundlegendes Werk zum Thema, das „Buch der Geister“ (Le livre des es­prits), dem bald weitere folgten.

Glaube und Vernunft mit Geisterwelt

Das Besondere an Allan Kardecs Version des Spiritismus ist, dass er darin eine komplette Weltanschauung entwirft, die mit wissenschaftlichem Anspruch religiöse Fragen zu beantworten sucht. Der Anspruch ist nicht weniger, als Glaube und Vernunft zu verbinden. Grundlage dabei ist die Existenz einer jenseitigen Welt, in der die unsterblichen Seelen als Geistwesen existieren, bevor sie wieder in einem anderen Körper auf die Erde kommen. Die Reinkarnation ist für das Gedankengebäude von Allan Kardec absolut zentral. Sein Modell hat die Reinkarnationsvorstellung der westlichen Esoterik nachhaltig geprägt. Anders als beim indischen Konzept ist hier die Reinkarnation in ein positiv gefasstes Entwicklungsprogramm eingebettet. Das irdische Leben ist eine Schule, in der verschiedene Klassen absolviert werden müssen, bevor die Seelen die Reife erlangen, um zu Gott zurückkehren zu können.

Das Kardecsche System versucht eine Synthese aus Christentum und westlich-modernem evolutionär orientierten Fortschrittsglauben auf der Basis der spiritistischen Geisterthese. Das „Buch der Geister“ versteht sich als „Spiritualistische Philosophie“ und beschreibt „die Grundsätze der spiritistischen Lehre über die Unsterblichkeit der Seele, die Natur der Geister und ihre Beziehungen zu den Menschen, die sittlichen Gesetze, das gegenwärtige und das zukünftige Leben, sowie die Zukunft der Menschheit“ – so der Titel des Buches in der deutschen Ausgabe. Dabei gibt sich das Buch selbst als eine Mitteilung aus der geistigen Welt, indem die Geister dort auf Fragen antworten. Durch den Autor sei dies lediglich geordnet worden. Das gibt Kardecs Werk diesen eigentümlichen Charakter einer Mischung aus wissenschaftlicher Welterklärung des 19. Jahrhunderts und Offenbarungsspiritismus. Wenn 40 Jahre später Rudolf Steiner in seinem theosophischen Vortragswerk und mit der Gründung der Anthroposophie einen ähnlichen Versuch unternimmt, Diesseits und Jenseits in einer komplexen Welterklärung zu verbinden, die vom Entwicklungsgedanken bestimmt ist, dann hat er in Allan Kardec einen eigenständigen Vorläufer gehabt. Das „Buch der Geister“ sowie weitere Werke von Allan Kardec wie „Das Buch der Medien“ (1861), „Das Evangelium im Lichte des Spiritismus“ (1864/2007), „Der Spiritismus in seinem einfachsten Ausdruck“ (2007), „Gebete aus dem Evangelium“ (1864/2017) stehen auf der Webseite der spiritistischen Studiengruppe GEEAK zum kostenfreien Download auf Deutsch und Portugiesisch zur Verfügung.

Brasilien

Während die Wirkung Allan Kardecs in Frankreich zunächst auf spiritistische Kreise beschränkt blieb, wurde sein Werk in Brasilien vergleichsweise stark rezipiert. Der Kardecsche Spiritismus hat dort stärker den Charakter einer Religion ausgeprägt. Es ist wohl kein Zufall, dass mit Umbanda dort noch eine zweite christlich-spiritistische Mischreligion entstanden ist, deren Mitglieder sich oft noch innerhalb der röm.-kath. Kirche bewegen.

Auch die besuchte spiritistische Studiengruppe in München ist stark brasilianisch geprägt. Die Abkürzung GEEAK im deutschen Vereinsnamen steht für „Grupo de Estudos Espíritas Allan Kardec“. Zum Verein gehören ca. 65 Mitglieder, wobei man nicht Mitglied sein muss, um die Veranstaltungen zu besuchen. Dienstags finden die Veranstaltungen auf Portugiesisch statt, am Mittwoch auf Deutsch.

Seit 9 Jahren existiert mit „Caminho de Luz“ auch eine entsprechende Gruppe in Dresden, die zur Deutschen Spiritistischen Vereinigung 1 gehört und sich an die portugiesischsprachigen Freunde von Allan Kardec wendet. 2

Meditation und Segnungen

Die Besuchsgruppe kann noch das Ende des portugiesischen Abends miterleben. Etwa 40 Personen, Männer und Frauen sehr gemischten Alters sind in dem Raum versammelt. Eine Ansprache bereitet auf die geistlichen Segnungen vor, die den Abend beschließen. Es geht um Frieden, Sanftmut und Liebe, die die Körper durchdringen soll. Oft wird Jesus Christus dabei genannt. Er stiftet die Liebe, die Menschen und Geistern Frieden geben soll. Daran schließen sich die Segnungen an. In einem kleineren Nebenraum sitzen jeweils bis zu vier Personen. Zwei Helfer streichen ihre Hände im Abstand von ca. 10 cm über deren Körper. Währenddessen warten die anderen im Hauptraum bei meditativer Musik und einer Präsentation mit Naturbildern, bis sie für diese persönliche Zuwendung an der Reihe sind.

Gottes Plan

Nach dem Segnungsritual ist Gelegenheit zum Gespräch mit der Leitung der spiritistischen Studiengruppe. Grundlage spiritistischer Weltanschauung sind zwei Elemente: 1. Es gibt eine geistige Welt hinter unserer materiellen Welt. 2. Zu dieser ist (über dazu begabte Medien) ein Kontakt und Austausch möglich. Kundgaben aus der geistigen Welt vermitteln gemäß dieser Auffassung Wesentliches für das Verständnis des Daseins. Allan Kardec kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Er habe Gottes Plan enthüllt. Dazu haben ihm die Geister geholfen, deren Botschaften er konsequent gesammelt habe.

Tod und Wiedergeburt

Wenn der Körper stirbt, bleibt die Seele am Leben, denn sie lebt ewig. Sie geht in die geistige Welt über. Die irdische Welt ist ein Ort der Prüfungen. Die Menschen sind von Gott als unfertige Wesen erschaffen, die zwar moralisch handeln können, aber auch Fehler, Egoismus und Stolz mitbringen. Dazu tritt der freie Wille, sich während des Erdenlebens für ein moralisches Handeln zu entscheiden. Der Leitsatz dabei ist: „Liebe deinen Nächsten.“ Dies hat Christus nahegebracht. In einem einzigen Leben ist aber keine moralische Vollkommenheit zu erreichen. Darum braucht es wiederholte Erdenleben, die der Weiterentwicklung dienen. Ziel ist es, nach Vollendung aller Lektionen als vollkommene Wesen zu Gott zurückzukehren, von dem alle gekommen sind. Das Studium der Werke von Allan Kardec helfe, Gottes Plan, seine Taten und Absichten endlich vollumfänglich zu verstehen.

Studium, Gebet, Handauflegung

Neben dem Studium der Schriften von Kardec gibt es Gebete, um darin Gott näher zu kommen. Die Handauflegung überträgt positive Energie aus der geistigen Welt, so wird uns erklärt. Dies helfe dazu, mit den alltäglichen körperlichen und stofflichen Problemen leichter umzugehen und sich von diesen Sorgen etwas lösen zu können.

Jenseitskontakte

Viele Menschen seien Medien, die in der Lage sind Kundgaben zu empfangen, zeigt sich unser Gesprächspartner überzeugt. Die meisten könnten damit aber nichts anfangen und nicht deuten, was da geschieht. Jenseitskontakte im spiritistischen Zentrum finden nur in besonderen Sitzungen statt, bei denen ausschließlich Personen dabei sind, die dafür geschult sind, denn dies könne auch sehr belastend sein. Viele Menschen seien im materiellen Denken verhaftet und darum nicht ausreichend vorbereitet auf den eigenen Tod und den Übergang in die geistige Welt. Wenn sie dann z.B. durch einen Unfall sterben, verstehen sie nicht, was mit ihnen geschieht. Sie hängen noch an dem irdischen Dasein und am Kontakt mit den Menschen. In den Sitzungen wird diesen verwirrten Geistern geholfen, ihre Situation zu verstehen und den Übergang in die geistige Welt zu vollziehen. Alle zwei Wochen gibt es ungefähr für eine Stunde solch eine Sitzung. Vorangestellt ist eine dreiviertel Stunde Studium von Kardecs Schriften. Dann kommt eine Lesung aus dem Evangelium und ein Gebet. Konkrete Geister werden nicht angerufen. Geistwesen, die kommunizieren möchten, melden sich selbst. Manchmal sind es vier oder auch mal sechs Geistwesen. Nicht allen kann geholfen werden. Aber die Menschen lernen dabei, ihr Leben so zu gestalten, dass sie auf das Jenseits vorbereitet sind. Mehrfach ist von Schutzgeistern die Rede, die einerseits die Gruppe beschützen, andererseits auch den verwirrten Seelen an der Grenze helfen, die passenden Kontakte zu finden. Wichtig sei es, zu verstehen, dass man nach dem Tod in der geistigen Welt zunächst genauso ist, wie man auch heute ist. Allein durch das Sterben wird man kein besserer oder klügerer Geist. Deshalb komme es darauf an, im eigenen Leben den Kampf gegen das Böse in sich selbst zu wagen und den Egoismus im Zaum zu halten.

Geisterlehrer

Insgesamt strahlten unsere Gesprächspartner eine große Freundlichkeit aus. Ihr Angebot wirkte etwas wie eine Selbsthilfegruppe für unerlöste Seelen. Das Spektakuläre stand genauso wenig im Zentrum wie die Neugierde. Antrieb ist eine in den jenseitigen Bereich erweiterte Nächstenliebe. Die Geister aus den eigenen medialen Kontakten erscheinen nicht als Offenbarungsmittler – das war wohl nur Allan Kardec. Dessen Schrifttum scheint kanonische Geltung zu entwickeln, jedenfalls wird es studiert wie anderenorts die Bibel. Es wirkte schon fast umgekehrt: Nicht die Geister informieren die Lebenden, sondern andersherum. Die Mitglieder der spiritistischen Studiengruppe haben durch ihre Kenntnis der Schriften von Allan Kardec den verwirrten Geistern etwas voraus. So lehren die Menschen die Geister, sich in der (geistigen) Welt zurechtzufinden. Nebenbei erfahren sie für ihr eigenes Leben moralische Unterstützung.

Ein kurzer Besuch wie dieser kann logischerweise kein vollständiges Bild über eine solche Religionsgemeinschaft vermitteln. Auch wer die Vorstellungen von Allan Kardec über die Geisterwelt und den Kontakt mit ihr nicht teilt, kann anerkennen, dass die Menschen dort von hohen Idealen motiviert sind. Offenbar hilft ihnen auch diese Gemeinschaft, mit den eigenen Nöten und Sorgen des Alltags besser klar zu kommen.

Reinkarnation?

Gegenüber einem solchen spiritistisch erweiterten Christentum ist festzuhalten, dass in der Bibel diese Reinkarnationslehre nicht zu finden ist. Eine allgemeine Reinkarnationsvorstellung scheitert außerdem schlicht an den Zahlenverhältnissen. Angesichts des exponentiellen Bevölkerungswachstums der letzten Jahrzehnte gilt mathematisch: Mindestens jeder 2. Mensch lebt zum ersten Mal auf der Erde. 3 Theologisch kommt es aber weniger darauf an, wie oft ein Mensch lebt, sondern wie er von seinen Sünden und Schuld erlöst werden kann. Da ist der Spiritismus keine Hilfe. Er ist ein Weg der Selbsterlösung und geht davon aus, dass man (in mehreren Leben) alles selbst geradebiegen muss. Die christliche Botschaft von der Gnade Gottes und der Erlösung durch den Glauben sind demgegenüber eine enorme Befreiung. Bei Kardec steht es erst am Ende eines langen Weges der Selbstvervollkommnung – christliche Auferstehungshoffnung verheißt es unmittelbar: das Sein bei Gott. Das ist ein erheblicher Unterschied.

Harald Lamprecht


3 A. Müller: Reinkarnation von wievielen? in: Grenzgebiete der Wissenschaft 46 (1997) 3, 247-252.

Dr. Harald Lamprecht

ist Beauftragter für Weltanschauungs- und Sektenfragen der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens und Geschäftsführer des Evangelischen Bundes Sachsen.

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Dieser Beitrag ist erschienen in Confessio 2/2025 ab Seite 18