Christliches Yoga - (wie) geht das?

Körperkult und Spiritualität zwischen Hinduismus und Christentum

Yoga ist Trend. Seit Jahrzehnten ist eine kontinuierliche Verbreitung in weite Teile der Gesellschaft zu beobachten. Mit der Zahl der Yogastudios und der Yoga-Lehrenden steigt auch die Diversität der Angebote. Hatha-Yoga, Lach­yoga, Hot-Yoga und Kundalini-Yoga – es gibt zahlreiche weitere Varianten und Begriffe, die zum Teil völlig unterschiedliche Inhalte repräsentieren. Relativ neu dabei ist auch dezidiert „Christliches Yoga“. Aus christlicher Sicht stellt sich die Frage, wie diese Angebote zu beurteilen sind und in welchem Verhältnis sie jeweils zum christlichen Glauben stehen. Auch dahingehend gibt es ein breites Spektrum.

Grundsätzlich lassen sich bei Yoga vier verschiedene Bereiche unterscheiden.

a) Yoga als Heilsweg im Hinduismus

Der Begriff „Yoga“ begegnet ursprünglich als Bezeichnung für die unterschiedlichen Heilswege im Hinduismus mit dem Ziel, in Verbindung mit dem Göttlichen zu treten. Die bekanntesten dieser Heilswege sind Bhakti-Yoga (dienende Hingabe an eine Gottheit), Jnana-Yoga (Weg der Erkenntnis der Identität von Atman und Brahman) und Karma-Yoga (Weg der Tat mit guten Werken).

Im Yoga-System von Patanjali (2.-4. Jh. n.Chr.) wird ein Yoga-Weg mit 8 Stufen beschrieben, die sich auf Körper- und Geisteskontrolle sowie Meditation ausrichten. Ziel dieses Yoga ist nicht Gesundheit! Es geht um die Befreiung aus dem Kreislauf von Tod und Wiedergeburt, von der Gebundenheit des Geistes an die Materie. Dies ist der historische Kern des Begriffes „Yoga“, der sich allerdings von den gegenwärtig in Europa verbreiteten Formen in mehrfacher Hinsicht unterscheidet.

b) Yoga im Kontext missionarischer Gurubewegungen

Während der traditionelle Hinduismus in der Regel nicht missionarisch ausgerichtet ist, gibt es eine ganze Reihe von Guru-Bewegungen im Westen, die mit indischem Flair und Spiritualitätsversprechen aktiv um Anhängerinnen und Anhänger werben. Einige von ihnen haben verschiedene Formen von Yoga mit im Programm und im Namen. Dazu gehören z.B. Kriya-Yoga (Paramahansa Yogananda), Sahaja Yoga (Shri Mataji Nirmala Devi), Brahma Kumaris („Raja Yoga“), die Transzendentale Mediation (Maharishi Mahesh Yogi) mit Mantra-Yoga, Bhakti Marga (Paramahansa Sri Swami Vishwananda), Heinz Grill (Mischung von Anthroposophie und Elemente von Swami Vishnu-Devananda) und weitere. Hier geht es um sehr stark spirituell-religiös geprägte Angebote in vergleichsweise durchorganisierten international normierten und regulierten Gruppenstrukturen, die den Charakter von Religionsgemeinschaften tragen können. Gesundheitsaspekte spielen – wenn überhaupt – eher am Rande eine Rolle.

c) Yoga als Gymnastik mit indischem Flair

Was heute in Europa mehrheitlich als Yoga angeboten wird, ist ein System aus körperlichen Gymnastik-Übungen verbunden mit Atemtechniken und meditativen Einheiten. Erklärtes Ziel sind Gesundheitsverbesserung und Entspannung. Gelegentlich werden die Kurse von den Krankenkassen bezahlt. Die religiösen Wurzeln des Begriffes können völlig in den Hintergrund treten. Von den Teilnehmenden empfinden die meisten ihre Yoga-Praxis nicht als religiöse Übung oder überhaupt mit Religion verbunden. Die Gruppenstrukturen sind lose und anlassbezogen. Wie stark über die Verwendung von Sanskrit-Begriffen für einzelne Übungen hinaus auf hinduistisch-philosophisch-religiöse Vorstellungen Bezug genommen wird, hängt von der Lehrperson ab, die den Kurs leitet. Erklärungen mit Bezügen auf Patanjalis Yoga-Sutra sind noch relativ häufig, ein eigenes hinduistisch geprägtes System gibt es aber in den meisten Kursangeboten nicht. Ausnahme stellt der Yoga-Vidya-Verband dar, der sich inzwischen auch dezidiert als hinduistische Religionsgemeinschaft versteht, obwohl er im vorwiegend gesundheitsorientierten Marktsegment aktiv ist.

Schwedische Gymnastik, Bodybuilding und antikolonialer Widerstand

Kaum bekannt ist, dass das gegenwärtig verbreitete Gesundheits-Yoga keineswegs „uralte“ indische Traditionen repräsentiert, sondern im Wesentlichen ein Produkt interkultureller Begegnungen im 19. Jahrhundert ist. Patanjalis System ist eigentlich körperfeindlich. Ihm geht es um eine Loslösung des Geistes von der Welt (und damit auch vom Körper) durch Beherrschung von Körper und Atem. Im ausgehenden 19. Jahrhundert kam es aber weltweit zu einem neuen Interesse an Körperkultur. Eine Rolle dabei spielte der schwedische Gymnastik-Lehrer Pehr Henrik Ling (1776-1839). 1813 hatte er in Stockholm das gymnastische Zentralinstitut gegründet, von dem aus seine Ideen weltweit verbreitet wurden. Seine Methoden wurden in weiten Teilen des britischen Empire in Schulen, beim Militär und in medizinischen Einrichtungen eingeführt. So wurde später seine Gymnastik auch im kolonialen Indien in das Training der indischen Armee integriert. 1896 wurden in Athen die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit eröffnet. Wenige Jahre zuvor fand die erste moderne Bodybuilder-Show statt. Der seinerzeit weltberühmte Bodybuilder Eugen Sandow (1867–1925) hatte 1905 einen bedeutenden Auftritt in Indien. Sandow propagierte systematisches Krafttraining, tägliche Gesundheitsübungen, Körperkontrolle, Symmetrie und Haltung sowie den muskulösen Körper als Ausdruck von Gesundheit und Charakter. Seine Bücher, Trainingsprogramme und das Verständnis von Muskelentwicklung beeinflussten wiederum Turnlehrer in der Young Man’s Christian Associacion (YMCA, deutsch: CVJM), die in den 1860er und 1870er-Jahren umfangreiche Sportprogramme in ihren Einrichtungen anbot und der in Indien sehr präsent war. Der YMCA-Funktionär Harry Crowe Buck (1884-1943) prägte die Entwicklung des Sportunterrichts in Indien entscheidend und gründete 1920 das „YMCA College of Physical Education“ in Madras (heute Chennai). Diese neue Körperkultur-Bewegung verband sich in Indien mit antikolonialem Widerstand und Unabhängigkeitsbestrebungen. In der Folge wurden die Körperübungen des Hatha-Yoga aufgenommen, mit Elementen aus der Gymnastik Lings kombiniert. Mit dem neuen Kontext bekamen sie auch einen neuen Sinn: Sie dienten nun nicht mehr in erster Linie spirituellen Zwecken, sondern der Gesundheit und Körperertüchtigung. Auch wenn die Yoga-Übungen vielfach noch auf die klassischen Asanas bezogen werden, sind sie doch durch die Neudeutung im Kontext westlicher Gymnastik- und Fitnesstraditionen tatsächlich zu Gymnastikübungen geworden. Das moderne Yoga ist somit ein komplexes Produkt gegenseitiger interkultureller Beeinflussungen zwischen Europa, Amerika und Indien.1

d) Christliches Yoga

Relativ neu im Spektrum der Angebote ist dezidiert „christliches Yoga“. Es ist dadurch charakterisiert, Körperübungen aus der Yoga-Tradition mit christlichen Glaubensinhalten und Traditionselementen zu verbinden und zu praktizieren. Wesentlich dabei ist, dass die hinduistisch-religiösen Komponenten des Yoga-Begriffes nicht ignoriert oder verschleiert werden, sondern eine bewusste Trennung und Sortierung vorgenommen wird. Lediglich die körperlichen Übungen der Yoga-Tradition werden beibehalten. Diese werden aber verbunden mit inhaltlichen Elementen aus der christlichen Tradition – Bibeltexten, christlichen Gebeten etc. und auf diese Weise in einen christlichen Rahmen eingebettet. Das ist etwa so, wie in ein früheres Senfglas auch selbst gemachte Marmelade eingefüllt werden kann. Das Glas muss nicht weggeworfen werden, nur weil früher mal was anderes drin war. Es behält seine Funktion (hier: die gymnastischen Übungen), aber der transportierte Inhalt ist ein anderer (hier: nicht mehr hinduistische, sondern christliche Religion und ihre Überzeugungen).

Yoga für Christen?

Die christliche Beurteilung fällt je nach Angebot und Kontext unterschiedlich aus.

  1. Gesundheitsorientiertes Yoga, das ohne spirituellen Überbau als Gymnastik praktiziert wird, um durch körperliche Übungen gesundheitliche Verbesserungen zu erreichen, erscheint aus christlicher Sicht als unbedenklich.

Hinduistisch-religiös geprägtes „traditionelles“ Yoga vertritt andere weltanschauliche Konzepte und steht daher in einer grundlegenden Spannung zum Christentum.2 Das gilt auch für die Yoga-Angebote diverser missionierender Guru-Gruppen.

  1. Der Übergang von 1. zu 2. ist mitunter fließend. Wie stark auch bei einem primär gesundheitsorientierten Yoga unterschwellig hinduistisch-weltanschauliche Prägungen insbesondere aus einer monistischen Weltsicht der Advaita-Vedanta-Philosophie mit einfließen, ist je nach Lehrperson der Yogaübungen unterschiedlich. Deshalb ist eine Aufmerksamkeit für diese möglichen Verbindungen und ggf. eine eigenständige Grenzziehung unverzichtbar.3
  2. Christliches Yoga ist eine Möglichkeit, die körperbezogenen Elemente der aktuell populären Yogaangebote für den christlichen Glauben fruchtbar zu machen. Es kann auch Menschen, die traditionellen Formen der christlichen Glaubensverkündigung entfremdet sind, einen neuen Zugang dazu ermöglichen, denn es nimmt Aspekte der Körperlichkeit stärker auf als andere Formen traditioneller christlicher Spiritualität. Dabei hilft auch ein genauerer Blick auf die eigenen Grundlagen: Die biblischen Texte zeigen deutlich mehr Bezüge zum Körper und Körperlichkeit, als dies unter neuplatonischem Einfluss in der späteren christlichen Tradition bewahrt wurde. Yoga christlich gelesen kann daher ein Weg sein, auch verschüttete christliche Bezüge auf Umwegen wieder neu zu entdecken und zu erschließen.

Wichtig dabei ist, dass der inhaltliche Wechsel zwischen hinduistischen und christlichen Konzepten auch tatsächlich und bewusst vorgenommen wird. Es gibt immer wieder Yoga-Angebote, die versuchen, mehr oder weniger hinduistisch-spirituell geprägtes Yoga lediglich in einem christlichen Bereich anzubieten. Solches „Yoga für Christen“ ist kein „christliches Yoga“ in diesem Sinn. Das wäre im Bild gesprochen die Marmelade direkt auf den Senf streichen – da kommt nichts Gutes dabei heraus.

Zur Unterscheidung können folgende Fragen hilfreich sein:

  • Für christliches Verständnis ist die Unterscheidung zwischen Gott als dem Schöpfer und der Welt als Schöpfung Gottes grundlegend. Lassen sich die Übungen und Meditationen in diesem Verständnis eines Gegenübers zum dreieinigen Gott praktizieren oder sind sie von einer hinduistisch-monistischen Philosophie mit Gleichsetzung und „Vergöttlichung“ des Geschöpflichen durchzogen?
  • Nach biblischem Zeugnis ist der Mensch mit seinem Körper wesenhaft verbunden. Dienen die Übungen dem Körper als „Tempel des Heiligen Geistes“ oder liegt ihr Ziel in der Befreiung des Geistes aus einem irdischen Gefängnis?

Das Anliegen hinter christlichem Yoga ist nicht, indische Konzepte in einem christlichen Kontext zu beheimaten, sondern andersherum: dem christlichen Glauben neue Ausdrucksmöglichkeiten zu erschließen. Es geht darum, christlichen Glauben und christliche Spiritualität sinnlich und körperlich erfahrbar zu machen. Dazu können auch Elemente aus anderen Kulturen in den Dienst genommen werden – so wie das in der Geschichte des Christentums immer wieder erfolgreich praktiziert wurde.

Harald Lamprecht

1 Mehr dazu: Claudia Jahnel: Zwischen spiritueller Versenkung und muskulärem Christsein. Yoga als Produkt interkultureller Aushandlungen, in: Andreas Hahn (Hg.): Yoga und christlicher Glaube, EZW-Texte 270, 40–57.

2 Vgl. https://www.confessio.de/artikel/1336

3 Mehr dazu: https://www.confessio.de/artikel/1225


 

Dr. Harald Lamprecht

ist Beauftragter für Weltanschauungs- und Sektenfragen der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens und Geschäftsführer des Evangelischen Bundes Sachsen.

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Dieser Beitrag ist erschienen in Confessio 1/2026 ab Seite 6