Marwa und die Muslimbrüder

Zu Besuch im Marwa-Elsherbiny-Kultur- und Bildungszentrum Dresden e.V.

Derzeit gibt es drei mit eigenen Räumlichkeiten ausgestattete Moscheegemeinden in Dresden. Von diesen weist die jüngste das dynamischste Wachstum auf. Gehörten bei der Ausgründung aus dem Islamischen Zentrum im Jahr 2009 ca. 150 Personen dazu, so wird das auch unter dem Namen Al-Mostafa-Moschee geführte Zentrum inzwischen zum Freitagsgebet von 700-1000 Muslimen besucht, so dass nach Angaben des Vereins bis zu 3500 Muslime mit ihm in Verbindung stehen sollen. Der Zulauf liegt nun weniger an einem besonderen Profil der Gemeinde, sondern schlicht an ihrer geografischen Lage in der Innenstadt von Dresden.

Unmittelbar vor der schon länger geplanten Gründung des Zentrums wurde am 01.07.2009 im Amtsgericht in Dresden die junge Ägypterin Marwa Elsherbiny von einem fanatischen Ausländerhasser erstochen. Zu ihrem Gedenken übernahm der Verein ihren Namen. Ein zuvor von den Dresdner Stadtwerken genutztes Gebäude wurde für 99 Jahre in Erbpacht übernommen und dient fortan als Versammlungsraum und soziales Zentrum für Muslime aus Ägypten und anderen arabischsprachigen Ländern. Die AG Religiöse Gemeinschaften des Evangelischen Bundes Sachsen hat es im März 2017 besucht. Unser Gesprächspartner war Dr. Muhammed Ronald Wellenreuther, der seit zehn Jahren in Dresden lebt und vor 20 Jahren zum Islam konvertiert ist.

Gebetsraum und Zirkuszelt

Das Zentrum beherbergt einen großen Gebetsraum für die Männer, einen kleineren für die Frauen sowie getrennte Waschräume, ferner ein Translation Room genanntes Zimmer, in dem die in der Regel arabisch gehaltene Freitagspredigt simultan ins Deutsche und Englische übersetzt wird. Im Untergeschoss gibt es weitere Räume, in denen auch gegessen werden kann. Der Zustrom von Geflüchteten hat die Zahl der Teilnehmer am Freitagsgebet um 40% erhöht und damit die schon zuvor bestehenden Platzprobleme verschärft. Zur Entlastung wurden im Außenbereich mehrere alte Zirkuszelte aufgestellt, die ebenfalls mit für das gemeinsame Gebet genutzt werden und in die eine Lautsprecherübertragung besteht. Die Besucher kommen aus ca. 30 verschiedenen Nationen. Das bewirkt, wie Dr. Wellenreuther nicht ohne Stolz berichtete, dass nationale Schwerpunkte, wie sie z.B. in den türkischen Gemeinden üblich sind, sich hier erübrigen. Die Sozialstruktur ist sehr heterogen. Von Geflüchteten über Studenten bis zu Akademikern ist alles vertreten.

Verein und Moschee

Rechtlich bildet das Zentrum einen eingetragenen Verein. Dieser hat nicht allein religiöse Funktionen. Insofern spiegelt sich auch hier ein Bild, was sich auch in anderen Bundesländern zeigt: Von den etwa 4,5 Millionen Muslimen, die derzeit in Deutschland leben, haben rund 40% die deutsche Staatsbürgerschaft. Die meisten Muslime sind aber nicht in irgendwelchen verbindlichen religiösen Strukturen organisiert. Zwar gibt es Vereine, die für den Betrieb der Moscheen sorgen, die neben der religiösen Funktion als Gebetsstätte auch stark als Sozialraum fungieren. Diese Vereine haben aber formal gesehen nur wenig mehr als die juristisch notwendigen Mitglieder. Die meisten Besucher kommen einfach in die Moschee zum Beten, nehmen an den Festen teil, spenden ihre religiösen Abgaben, besuchen Koranunterricht oder Sprachkurse je nach Angebot, ohne aber in irgendeiner formalen Mitgliedschaftsbindung zu stehen oder auf Listen namentlich erfasst zu sein. Wie viele solcher Moscheevereine ist auch das Marwazentrum nicht in einem der Dachverbände Mitglied. Daher repräsentieren die Spitzenverbände wie z.B. der Zentralrat der Muslime genau genommen nur eine vergleichsweise kleine Zahl (ca. 10%) der Muslime, die im Lande wohnen und auch eine Moschee besuchen. Daraus resultieren erhebliche Probleme in der politischen Vertretung, wie sie z.B. für eine Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts notwendig wäre. In wieweit die Verbände überhaupt als Religionsgemeinschaften im Sinne des Grundgesetzes angesehen werden können, wird auch auf Bundesebene kontrovers diskutiert. Eingewendet wird, dass sie eher als Einrichtungen mit vorwiegend nationaler, politischer oder kultureller Traditions- und Beziehungspflege angesehen werden müssen, bei denen Religion zwar auch vorhanden ist, aber keine zentrale Aufgabe darstellt.

Beim Marwazentrum steht die bedeutende Rolle der Religionspflege nicht in Frage. Gleichwohl zeigen sich auch hier in Bezeichnungen und Personen unterschiedliche Aspekte: Der rührige und seit der Gründung aktive Vereinsvorsitzende Dr. Elgazar ist kein muslimischer Theologe, sondern von Hause aus Physiker. Für die religiösen Anliegen gibt es seit ca. 2 Jahren mit Sheikh Abdelrahman Mohamed Youssef einen hauptberuflich angestellten Imam, der eine religiöse Ausbildung an der Al-Azar-Universität in Kairo genossen hat. Der Verein hingegen nennt sich „Kultur und Bildungszentrum“ - was nun nicht primär auf eine Religionsgemeinschaft schließen lässt. Innerhalb seiner Arbeit betreibt er die Al-Mostafa-Moschee in denselben Räumen für die im engeren Sinn religiösen Anliegen.

Pflicht- und Bittgebete

Unter den fünf religiösen Hauptpflichten der Muslime ragt das Pflichtgebet in verschiedener Hinsicht heraus. Einerseits ist das tägliche Gebet die im Koran am häufigsten erwähnte Pflicht, folglich mit einer hohen religiösen Bedeutung und Verbindlichkeit versehen. Andererseits ist sie mit einem erheblichen Aufwand an Zeit und Selbststrukturierung zu verrichten – und als aufwändigste faktisch wiederum die am wenigsten befolgte der Glaubenspflichten, wie eine türkische Studie ergeben haben soll. Die Gebetszeiten (morgens, mittags, nachmittags, abends, nachts) richten sich streng nach dem Sonnenlauf und wechseln somit in Abhängigkeit von Monat und Ort, weshalb monatlich von Dr. Wellenreuther zusammengestellte Tabellen die aktuellen Gebetszeiten für Dresden ausweisen.

Vor dem Pflichtgebet stehen die rituellen Waschungen. Das Gebet selbst besteht aus einer festgelegten Abfolge von Körperhaltungen (Stehen, Beugen, Niederwerfen, Sitzen), zu denen bestimmte arabische Texte gesprochen werden, und die je nach Gebetszeit zwei bis viermal wiederholt werden.

Das Freitagsgebet ist für Muslime wichtiger als die wöchentlichen Gebetszeiten. Darum ist die Moschee freitags wesentlich voller als an den anderen Wochentagen. Es beginnt im Winter um 13:00 Uhr, im Sommer 14:00 Uhr und enthält eine ca. halbstündige Predigt, welche die Muslime an ihre religiösen Grundlagen erinnern und deren Verhalten daran auszurichten helfen soll. Das eigentliche Gebet ist freitags kürzer als sonst, dafür gibt es im Anschluss noch eine Sprechstunde des Imams mit seelsorglichem Charakter.

Mit dem Begriff „Gebet“ ist im islamischen Kontext zumeist und zu allererst dieses ritualisierte Pflichtgebet (arab: Salat) gemeint. Es wird immer in arabischer Sprache gesprochen. Daneben gibt es auch noch Bittgebete (Dua), die in der jeweiligen Sprache des Beters formuliert werden.

Einen lautsprecherverstärkten Gebetsruf außerhalb des Gebäudes gibt es im Marwazentrum nicht. Dr. Wellenreuther bezeichnete ihn als nicht erforderlich, da fast jeder sein Smartphone in der Tasche habe und darauf die Adhan-App die Gebetszeiten signalisieren könne.

Liberalkonservativ

Im Blick auf den Koran sind zwei verschiedene Arten des Gebrauchs zu unterscheiden: Auf der einen Seite steht die rituelle Verwendung im Rahmen der Gebete. Koran bedeutet übersetzt eigentlich Rezitation. Das kunstvolle melodiös gesungene Vortragen des Korans ist darum auch eine religiöse Übung, bei der die Schönheit der altarabischen Dichtung zum Ausdruck kommen kann.

Auf der anderen Seite steht die Deutung und Auslegung des Koran als Wegweiser für ein muslimisches Leben. Dafür braucht es eine gute Kenntnis nicht nur des Koran selbst, sondern auch der ihn begleitenden umfangreichen islamischen Überlieferung. Solches Wissen haben religiöse Experten, die Gelehrten des Islam, die sich in Koran und Sunna auskennen und auf dieser Grundlage Antworten auf die Fragen des Lebens zu geben versuchen.

Dr. Wellenreuther bezeichnete sich als einen Schüler von Mouhanad Khorchide, der in Münster auf dem islamisch-theologischen Lehrstuhl der Universität aktiv ist. Dessen Buch „Islam ist Barmherzigkeit“ markiert Grundzüge einer neuen europäischen Islaminterpretation, die von außen oft mit den Attributen „liberal“ oder „aufgeklärt“ versehen wird und sich dezidiert in Abgrenzung zu einer wahabitisch-fundamentalistischen Islamdeutung befindet.

Wie viele Freunde Prof. Khorchide sonst noch im Marwazentrum hat, haben wir nicht gefragt, aber auch Dr. Wellenreuther weist darauf hin, dass die religiöse Grundprägung des Marwazentrums natürlich konservativ sei. Es geht darum, einen Rahmen für eine an den traditionellen islamischen Formen orientierte Glaubenspraxis zu bieten, und dazu gehört eben auch das rechtzeitige Aufstehen zum Morgengebet vor Sonnenaufgang, denn „Beten ist besser als Schlaf“. Dass dies trotz eigener Begeisterung für seine 17jährige Tochter derzeit nicht attraktiv erscheint und sie daher selten in der Moschee zu sehen ist, gehört auch zu den Erfahrungen des Lebens. Aber seine religiöse Praxis entscheidet jeder selbst, meint Dr. Wellenreuther.

Expansion

Der Zustrom von Geflüchteten hat nicht nur das Marwazentrum in Dresden an Kapazitätsgrenzen geführt. Auch in vielen sächsischen Kleinstädten und in den ländlichen Regionen sind Muslime untergebracht, die derzeit kaum Möglichkeiten haben, ihre Gebetspflichten zu erfüllen. Dem abzuhelfen hat sich die „Sächsische Begegnungsstätte gemeinnützige Unternehmensgesellschaft (SBS gUG)“ (www.sbs-net.de) vorgenommen und unterstützt an vielen Orten Muslime bei der Anmietung oder dem Erwerb eigener Gebetsräume. Als geschäftsführender Gesellschafter fungiert Dr. Saad Elgazar vom Marwazentrum. Mit gesammelten Spendengeldern wurden inzwischen Immobilien in Riesa, Meißen, Görlitz und Zittau gemietet, in Pirna wurde ein Objekt gekauft, langfristige Pachtverträge bestehen in Dresden und Leipzig. In Verhandlung sind weitere Filialen in Bautzen, Senftenberg und Luckenwalde. Mit weiteren gemieteten Immobilien in Brandenburg, Rastatt und Bruchsal sind die sächsischen Grenzen bereits deutlich überschritten. Auf Rückfrage hin wird beteuert, dass kein Geld ausländischer Institutionen in diese Erwerbungen geflossen sei. Zudem gebe es auch nur eine Anschubfinanzierung bzw. die Bereitstellung der grundlegenden Infrastruktur in Form des Gebäudes/Gebetsraumes, während die Muslime vor Ort jeweils die laufenden Kosten aufbringen müssten.

Moschee als Begegnungszentrum

Auffällig ist, dass auch hier die Bezeichnung zwischen „Moschee“ und „Begegnungszentrum“ schillert. Hört man die Schilderung von Anlass und Zweck der Unternehmungen, so geht es ganz klar um die Schaffung von Gebetsräumen, also eine Moscheegründung. Dies ist ein durchaus verständliches und legitimes Anliegen und sollte im Rahmen der in Deutschland geltenden Religionsfreiheit kein ernsthaftes Problem darstellen. Entsprechend sind die Lokalitäten auch in der überregionalen Datenbank zur Moscheesuche mit ihren jeweiligen arabischen Namen verzeichnet.

In der offiziellen Selbstdarstellung der SBS taucht das Wort Moschee jedoch nicht auf, sondern es gehe darum, „multikulturelle Begegnungsstätten unabhängig von Ethnie, Nationalität, Religion oder Sprache“ zu schaffen. Diese Selbstdarstellung ist etwas unglücklich gewählt, denn da passt ganz offensichtlich etwas nicht zusammen. Unabhängig von der Religion sind die entstehenden Moscheegemeinden nun gerade nicht – und was soll denn sonst das verbindende Element dieser Gründungen sein, wenn es weder Ethnie, Nationalität, Religion oder Sprache sein sollen? Faktisch ist das Gegenteil wahr: Geschaffen werden erklärtermaßen Begegnungszentren, in denen dezidiert Migranten angesprochen werden – also Menschen mit nicht-deutschem Hintergrund, die sich also gerade in Ethnie, Nationalität oder Sprache von der alteingesessenen deutschen Mehrheitsbevölkerung unterscheiden. Das verbindende Element ist ganz klar die Religion des Islam. Es geht nicht um die Sammlung polnischer Katholiken, vietnamesischer Buddhisten oder tamilischer Hindus, selbst wenn diese auch als Gäste willkommen sind.

Warum also diese Begriffsverwirrung? Verschiedene Gründe mögen dahinter stehen. Begegnungszentren heißen sie, weil sie die Begegnung und den Austausch stärken und fördern wollen. Das gilt einerseits mit den muslimischen Migranten aus verschiedenen Ländern untereinander. Andererseits geht es auch um Begegnungsmöglichkeiten mit der einheimischen Bevölkerung. Zudem wird betont, dass die religiös-islamische Traditionspflege lediglich ein Aspekt unter vielen weiteren sei. In einem Zeitungsartikel1 ist von einem Anteil von lediglich 10% die Rede. In wieweit das glaubhaft ist, kann dahingestellt bleiben. Fakt ist jedenfalls, dass auch diverse nicht-religiöse Angebote im Programm sind oder sein sollen wie Sprachkurse, Familienfeiern, Hilfen zur Integration, Beratungsangebote etc. Diese thematische Breite sollte wohl mit ausgedrückt werden, um auch für weniger stark religiös engagierte Muslime bedeutsam zu werden.

Daneben musste auch Dr. Elgazar z. B. in Pirna die Erfahrung machen, dass Teile der deutschen Bevölkerung auf eine geplante „Moschee“ unglaublich allergisch reagieren und erheblichen, z.T. unflätigen Gegenprotest in Gang setzen. Der Begriff der Moschee ruft sofort die Assoziationen von Minarett und lautsprecherverstärktem Gebetsruf auf und manche sehen sogleich die kulturelle Identität des Heimatlandes schwinden. Eine Begegnungsstätte mit angeschlossenem Gebetsraum, in der weder Minarett noch äußerer Gebetsruf beabsichtigt sind, bietet da zunächst weniger Konfliktfläche.

Muslimbrüder?

Spürbaren politischen Gegenwind erfuhren das Marwazentrum und die SBS, als Anfang Februar 2017 das sächsische Landesamt für Verfassungsschutz die starken Expansionsaktivitäten der SBS als versuchte Einflussnahme der islamistischen Muslimbruderschaft auf sächsische Flüchtlinge charakterisierte. Der Mangel an Gebetsstätten werde genutzt, um Strukturen aufzubauen, die dann später der Ausbreitung eines politischen Islam dienen könnten. Während im Westen Deutschlands verschiedene muslimische Verbände Angebote bereithielten, fehle dies im Osten. Dieses Vakuum nutze nun die Muslimbruderschaft, um eine Monopolstellung zu erreichen. Zwar habe dies nichts mit Salafismus oder islamistischem Terror zu tun und sei jenseits des Dschihadismus. Allerdings propagiere die Muslimbruderschaft die Scharia in Deutschland und dies laufe zentralen demokratischen Werten wie Religionsfreiheit oder Geschlechtergerechtigkeit zuwider – so die in zahlreichen Medien verbreitete Erklärung des Verfassungsschutzamtes.

Der Vorstand der SBS hatte daraufhin in einer Presseerklärung vom 04. 02. 2017 betont, sie vertreten einen „unpolitischen Islam, d.h. politisierte Inhalte aus den Herkunftsländern unserer Mitglieder bleiben außen vor.“ Zudem wurde erklärt, die „SBS und ihre Mitglieder bekennen sich zu demokratischen und rechtsstaatlichen Prinzipien und stehen loyal zur Bundesrepublik Deutschland.“ Dies werde auch bei den Integrationsseminaren sowie bei der Betreuung der Flüchtlinge so vermittelt.

In der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage vom 09. 02. 2017 nach belastbaren Belegen für eine solche Verquickung mit den Muslimbrüdern wurde die sächsische Staatsregierung noch etwas konkreter. Demnach habe Dr. Elgazar „über einen längeren Zeitraum“ im Internet und in sozialen Netzwerken Beiträge veröffentlicht, in denen die Aktivitäten der Muslimbrüder dargestellt wurden und die als Bekenntnis dazu gewertet werden. Auch habe er Beiträge des bekannten Predigers Yusuf Al-Qaradawi, der als einer der „Chefideologen“ der Muslimbruderschaft charakterisiert wurde, weiter verbreitet. Beim Tag der offenen Moschee 2016 seien im Marwazentrum Publikationen eines salafistischen Autors ausgelegt worden und darüber hinaus hätten nahezu alle bisher bei der SBS aufgetretenen Redner, Referenten oder Gastimame direkte oder indirekte Bezüge zur Muslimbruderschaft aufgewiesen. Das Bekenntnis zu demokratischen und rechtsstaatlichen Prinzipien sei nicht glaubhaft und eine strategische Schutzbehauptung, erklärt Innenminister Markus Ulbig (Drucksache 6/8492).

Zwischen Ausgrenzung und Naivität

Was bedeutet diese Auseinandersetzung um die Beziehungen zur Muslimbruderschaft für den Umgang von Kirchgemeinden und interessierten Personen mit dem Marwazentrum und seinen Tochtergründungen der SBS? Kann man diese Moschee(n) mit Schulklassen besuchen, die beteiligten Personen in Dialoge einbeziehen etc.?

Ausgrenzung und Abschottung liegen als Reaktionsmuster nahe, denn islamistische Bestrebungen dürfen in der Tat keine Förderung erfahren. Allerdings würde eine radikale Ausgrenzung auf lange Sicht gerade das Gegenteil bewirken und letztlich den Scharfmachern in die Hände spielen. Diese könnten dann ganz ungestört von der angeblichen islamischen Überlegenheit über die Dekadenz des Westens faseln und ihre mit westlichen Werten kollidierende Islamvorstellung verbreiten.

Sinnvoller scheint darum eine andere Form des Umgangs: In freundlicher Begegnung aber ohne Naivität die öffentlich abgegebenen Bekenntnisse zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit ernstzunehmen und die dazu gehörenden Konsequenzen einzufordern. Das bedeutet: freundschaftliche Kontakte zu pflegen, in Gesprächen, Dialogen und Begegnungen für Werte wie Religionsfreiheit und die stärkere Gleichberechtigung der Geschlechter einzutreten. Das bedeutet auch: kritisch hinzuschauen, welche Bücher ausgelegt werden, welche Lehrer eingeladen werden, welche Inhalte tatsächlich gelehrt und vertreten werden und nötigenfalls auch mit Widerspruch dazu nicht hinter dem Berg zu halten. Auffällig an der Stellungnahme vom 4. 2. ist zum Beispiel, dass - außer in der Überschrift - die Muslimbrüder mit keinem Wort erwähnt werden. Es gibt also bislang keine direkte Distanzierung. Wenn die Verantwortlichen meinen, dass der Verfassungsschutz übertreibt und das Auftauchen eines Logos der Islamischen Gesellschaft Deutschland (IGD) überbewertet – was spräche dann dagegen, auch unter Namensnennung eine Distanzierung von den Muslimbrüdern zu formulieren, und diese so in der Moschee auszuhängen, dass auch die Besucher sie lesen können?

Es bleibt festzuhalten: Die meisten Besucher der Gebete sowohl in Dresden wie in den anderen Orten spüren von den vom Verfassungsschutz beschriebenen Verbindungen zur Muslimbruderschaft kaum etwas und sie haben daran auch kein Interesse. „Wir lassen uns nicht einfach manipulieren“ erklärte ein Muslim aus Riesa, der sich über den dortigen Gebetsraum freut, gegenüber der Sächsischen Zeitung (14. 02. 2017). Auch Dr. Wellenreuther wirkt in seiner Auffassung von einem weltoffenen Islam durchaus glaubwürdig. Er und etliche Muslime aus seinem Zentrum haben auch das „Dresdner Wort der Religionen“2 mit unterzeichnet. Aber er selbst weiß auch, dass in der Moschee nicht alle so denken wie er. Darum braucht es eine kontinuierliche gemeinsame Anstrengung, damit die in Sachsen angekommenen Muslime nicht islamistischen Strategen in die Hände fallen, sondern tatsächlich „internationale Gesinnung und Völkerverständigung“ lernen, wie es als Anliegen der SBS offiziell ausgegeben wird.

 



1    Pirnaer Zeitung, 3./4.9.2016


2    www.dresdner-wort.de

 

Dr. Harald Lamprecht

ist Beauftragter für Weltanschauungs- und Sektenfragen der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens und Geschäftsführer des Evangelischen Bundes Sachsen.

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Dieser Beitrag ist erschienen in Confessio 1/2017 ab Seite 08