Gesicht mit Mundschutz und Aluhhut

Die Corona-Verschwörung

Wie „Alternativmedien“ die Krise anheizen

Ein neues Virus hat die Welt aus ihrem Tritt gebracht. Flugzeuge bleiben am Boden. Der Tourismus ist tot. Feste sind abgesagt, Gottesdienste virtualisiert, Geschäfte geschlossen, Kinder zu Hause und Ausgangsbeschränkungen in Kraft. In italienischen und spanischen Kliniken herrscht der Ausnahmezustand. In Bergamo wurden die Leichen mit Militärkolonnen abtransportiert. In den USA werden Massengräber ausgehoben, weil die Friedhöfe die Toten nicht fassen können.

 

Verschwörungsideologie

Während all dies geschieht, geistern Meldungen durch das Internet und werden über E-Mail, Blog-Posts, Video-Portale und soziale Medien verbreitet, die all die offiziellen Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung und zur Eindämmung der Pandemie in Zweifel ziehen. Nun kann man über diverse Elemente der konkreten Ausgestaltung der Schutzmaßnahmen und des Lock-Down mit Recht diskutieren. Hier geht es aber um mehr und etwas anderes. Faktisch geschieht dort eine grundlegende Delegitimation des institutionellen Handelns im Kontext verschwörungsideologischer Sichtweisen.

 

Alternativmedien

Eine maßgebliche Rolle nehmen dabei sogenannte „Alternativmedien“ ein. In den letzten Jahren haben diese immer mehr Einfluss auf die Meinungsbildung bestimmter Bevölkerungskreise gewonnen.

Deren wichtigste Gemeinsamkeit besteht darin, dass sie sich selbst als Gegensatz zu den von ihnen so bezeichneten „Mainstream-Medien“ verstehen, denen pauschal unterstellt wird, nur gefilterte, „systemkonforme“ Berichterstattung zu betreiben und andere Nachrichten zu unterdrücken. Dazu kommt, dass sich viele der „Alternativmedien“ von den gängigen Standards journalistischer Wahrheitsprüfung verabschiedet haben und relativ hemmungslos Spekulationen, Gerüchte, Halbwahrheiten und hochgradig tendenziöse Berichte verbreiten. Entsprechend beliebt sind sie bei Populisten, Impfgegnern und Esoterikern, Mobilfunkkritikern und Klimawandelleugnern, Konspirologen und politischen Lobbyisten. In inhaltlicher Ausrichtung, Medienarten und -qualität, Berichtshäufigkeit und Reichweite gibt es große Unterschiede. Etliche haben eine Tendenz zu rechtspopulistischer Argumentation (Geflüchtete als „Invasoren“), aber es gibt auch einige mit eher linker oder explizit marxistischer Grundausrichtung, die gegen die Vorherrschaft des Kapitals und dessen Kriege anschreiben. Deutlich ist aber bei den meisten ein populistischer Kampf gegen „die Eliten“ und die Verbreitung von Verschwörungsideologien. Das kann im Einzelfall zu verblüffenden Querverbindungen durch die politischen Lager führen und eine Einordnung schwierig machen. Durch heftiges gegenseitiges Zitieren und Verweisen entsteht eine eigene Beglaubigungshierarchie, die den Blick darauf verstellt, wo sonderbare Außenseiterpositionen vertreten werden.

 

Begriffsklärungen

1. Verschwörung ist eine geheime Absprache von Menschen mit dem Ziel, Macht zu erlangen.

2. Verschwörungstheorie ist der Verdacht, dass ein Ereignis mit einer Verschwörung zusammenhängt. Dieser Verdacht kann wahr oder falsch sein und muss folglich überprüft werden.

3. Verschwörungsideologie meint das Festhalten an einer Verschwörungstheorie, obwohl diese nach vernünftigem Dafürhalten als widerlegt gelten muss.

Die Unterscheidung von 2. und 3. kann nicht absolut, sondern nur als Wahrscheinlichkeitsaussage vorgenommen werden, weil sich die Nichtexistenz einer Sache (also auch einer Verschwörung) grundsätzlich nicht „beweisen“ lässt.

 

Argumentationsmuster

Im Blick auf die Corona-Krise sind grundsätzlich zwei gegensätzliche Tendenzen auszumachen. Der Umschlag von der einen zur anderen Argumentationslinie kann auch ganz plötzlich und unvermittelt in dem gleichen Beitrag kommen:

  1. Panikmache: Die erste Linie, die häufiger am Anfang der Krise zu finden war, kritisiert die Maßnahmen der Regierung als völlig unzureichend. Es wird dramatisiert, dass das neue Virus viel gefährlicher sei, als in den Medien berichtet würde. Die Regierung wolle das bewusst verschleiern, um keine Panik zu erzeugen. Aber wenn sich das Virus erst einmal aufgrund der Untätigkeit der Regierung ausbreitet, dann werde binnen kurzem nicht nur das Gesundheitssystem, sondern die ganze öffentliche Ordnung zusammenbrechen und mit ihr die Versorgung. Direktes Ergebnis solcher angsterzeugender Stimmungsmache in sozialen Medien sind Hamsterkäufe von Lebensmitteln (und Klopapier), die über eine „normale“ Quarantäne-Bevorratung hinausgehen. Mehrmonatiges autonomes Überleben aus dem eigenen Keller ist dabei das Ziel. Weil den Hamstern natürlich unterschwellig bewusst ist, dass ihr Verhalten unsozial ist, fürchten sie ihre Nachbarn und die bürgerkriegsähnlichen Zustände, von denen in diesen Kreisen ohnehin fabuliert wird. Entsprechend steigt auch das Bemühen um den Erwerb von Waffen, um das eigene Hamsterlager gegen den erwarteten Zugriff anderer Bedürftiger verteidigen zu können. So wurde aus den USA im März eine Verzehnfachung der privaten Waffenkäufe berichtet.
     
  2. Leugnung: Dem entgegengesetzt ist die andere Argumentationslinie. Diese leugnet die Existenz bzw. die Gefährlichkeit des neuen Coranavirus und unterstellt eine gigantische globale Täuschung der Bevölkerung. Das bei den meisten Menschen fehlende Bauchgefühl für die Dynamik exponentiellen Wachstums ermöglicht, dass die milden Verläufe bei dem größeren Teil der Infizierten und die – in Deutschland – noch nicht überfüllten Ambulanzen als Beleg für die Behauptung genommen werden, Covid19 sei eigentlich nicht gefährlicher als Influenza. An dieser sterben ja auch jährlich Tausende, ohne dass es darüber einen Medienaufschrei oder geschlossene Betriebe gäbe. Es ist zu beobachten, dass diese zweite Argumentationslinie die Oberhand gewinnt, je mehr die gesellschaftlichen Maßnahmen zur Kontaktbeschränkung als unangenehm empfunden werden. Das schließt nicht aus, dass auch die erste Linie der Panikmache immer mal wieder hindurchbricht – nun aber mit leicht modifizierter Begründung: Ursache des erwarteten Endes der öffentlichen Ordnung und Versorgungssicherheit ist nun nicht mehr das Virus selbst, sondern der Zusammenbruch der Wirtschaft. Dem entsprechend werden all diese Maßnahmen als vollkommen überzogene und ungerechtfertigte Einschränkungen der Freiheitsrechte der Bürger angeprangert. Die Regierungen würden die Angst vor dem Virus benutzen, um ohnehin geplante Entmündigungen der Bürger voranzutreiben.

Gemeinsam ist all diesen Spekulationen das Misstrauen und die Ablehnung der jeweils aktuellen Maßnahmen der Regierungen. Dabei ist offensichtlich egal was sie tun. Immer werden diesen bösartige geheime Absichten zum Schaden der Bevölkerung unterstellt.

Woher?

Unabhängig von diesen beiden Argumentationslinien sind Spekulationen über den Ursprung von Covid19. Viren kommen bei Tieren massenweise vor und mutieren ständig, um in dem Hase-und-Igel-Rennen mit dem Immunsystem ihrer Träger neue Angriffspunkte zur Vermehrung zu finden. Entsprechend viele Sub-Typen gibt es von jeder Virusart. Im Durchschnitt aller 10 Jahre entsteht dabei eine Form, die vom Tier auf den Menschen übergeht. Weil diese Form für das menschliche Immunsystem „neu“ ist, kennt es darauf noch keine erprobte Immunantwort. Folglich können sich diese Viren stark vermehren und heftige Krankheitsverläufe hervorrufen. Beispiele dafür waren die „spanische Grippe“ (Influenza A/H1N1, 1918-1920), die sogenannte „Schweinegrippe“ (Influenza A/H1N1, Pandemie 2009/10), vereinzelt bei der „Vogelgrippe“ (Influenza A-H5N1) oder SARS (Corona, Pandemie 2002/2003).

Diese naturwissenschaftlichen Erklärungen sind für die Anhänger von Verschwörungsideologien unbefriedigend. Sie suchen stattdessen nach menschlichen Urhebern und einem absichtsvollen Plan hinter dem Geschehen. In diesen Kontext gehören die Spekulationen, Covid19 könnte aus einem virologischen Labor in Wuhan ausgebrochen sein. Die milderen Varianten unterstellen Schlamperei, die extremeren eine gezielte Absicht.

Verbreitet wird diese These seit Januar u.a. von der Epoch Times, einem Magazin, das der Falun-Gong-Bewegung nahesteht und der chinesischen Regierung jedes Verbrechen zutraut. Diese wiederum beruft sich auf einen Artikel aus der Washington Times. Jene sollte nicht mit der Washington Post verwechselt werden, die eine auflagenstarke und absolut renommierte Zeitung darstellt. Das kann von der Washington Times nicht gesagt werden, die zum Firmengeflecht des Gründers der Vereinigungskirche, Sun Myung Moon gehört. In dem Artikel der Washington Times vom 26.01.2020 wird ein ehemaliger israelischer Geheimdienstoffizier zitiert, der seine Vermutung äußert, dass in dem Hochsicherheitslabor in Wuhan an biologischen Kampfstoffen geforscht werde. Einen Zusammenhang mit Covid19 stellt dieser Kronzeuge selbst aber als bloße Spekulation dar. Die Behauptung, das Virus sei im Labor als Teil des Biowaffenprogrammes gezüchtet, wird nur in der Überschrift der Zeitung aufgestellt. Eine „Editors Notice“ vom März rudert zurück und verweist auf aktuelle wissenschaftliche Forschungen, die das bestreiten. So kommt das renommierte Magazin „Nature“ nach einer Analyse des Genoms des Virus zu dem Schluss, dies sei „not a laboratory construct or a purposefully manipulated virus“. Aber es hilft nichts – die These ist in der Welt und wird nun auch von Präsident Trump auf Fox News wieder aufgewärmt, wenn es ihm in seine politische Strategie passt.

Warum?

Es stellt sich natürlich die Frage, was Menschen motiviert, den etablierten Deutungen seriöser Wissenschaft und offizieller Medien zu misstrauen und stattdessen den Regierenden und vielen anderen die mutwillige Beteiligung an furchtbaren Verbrechen zu unterstellen. Dafür sind eine Reihe psychologischer Mechanismen verantwortlich.

  1. Übersichtlichkeit: Ein Grundzug aller Verschwörungsideologien ist, dass sie die Menschheit in drei Gruppen einteilen: a) die Verschwörer, die im Verborgenen agieren und alle Fäden in der Hand halten, b) die Masse des Volkes, die getäuscht und dumm gehalten wird und c) die „Truther“, die die Wahrheit hinter der Fassade und die Machenschaften der Verschwörer erkannt zu haben meinen. Dies sortiert die ansonsten unübersichtliche Welt.
     
  2. Aufwertung: Mit der vermeintlichen Entdeckung einer solchen Verschwörung ist eine unglaubliche Aufwertung der eigenen Person verbunden, denn plötzlich ist man aus der Masse der dummen Schlafschafe (b) herauskatapultiert und zur intellektuellen Elite der Menschheit aufgestiegen. Dazu braucht es kein mühevolles akademisches Studium, sondern lediglich den Zweifel an der offiziellen Version.
     
  3. Kontingenzbewältigung: Menschen haben immer Probleme, Dinge zu akzeptieren, die ohne erkennbaren Grund einfach so geschehen („Kontingenz“). Das gilt für Naturkatastrophen wie für persönliche Schicksalsschläge – im Guten wie im Bösen. Wir wollen wissen, warum etwas geschieht. Alle Religionen leisten Hilfen zu dieser Kontingenzbewältigung – das ist eine ihrer wesentlichen Funktionen.
    Für den Verschwörungsgläubigen ist es aber noch einfacher. Er muss nicht auf den Jüngsten Tag warten, wenn er Gott seine Fragen stellen kann. Für ihn ist jetzt schon klar: Das, was geschieht, passiert, weil die Verschwörer es so wollen. Damit sind Zufälle, Pannen, Unfälle und alles nicht Fassbare beseitigt. Das bringt eine enorme Entlastung.
     
  4. Benennt Schuldige: Warum geht es den Bösen so gut und mir so schlecht? Verschwörungsideologien bieten eine wunderbare Erklärung für alle Widrigkeiten des Lebens. Es liegt nie an mir, sondern die Verschwörer versuchen, mir das Leben schwer zu machen, weil ich ihnen auf die Schliche gekommen bin…
     
  5. Zeigt Handlungsfähigkeit: Wenn es eine solche kleine Gruppe gibt, die alles im Griff hat, dann folgt daraus, dass unsere Welt also nicht von Schicksal, Zufall, Chaos oder unsteuerbar komplexen Systemen bestimmt wird. Wenn man also weiß, was die Verschwörer wollen, kann man den Lauf der Dinge vorhersehen. Die Welt ist also grundsätzlich steuerbar. Die Verschwörer beweisen es ja mit ihrem Tun. Jetzt kommt es nur noch darauf an, selbst das Ruder zu übernehmen.
     
  6. Aktiviert Handlungsmöglichkeiten: Gegen Naturkatastrophen und Terroranschläge oder heimtückische Krankheiten fühlt man sich ohnmächtig. Aber was, wenn der Tsunami gar keine Naturkatastrophe war, wenn die angeblichen Terroranschläge „bestellt“ und lediglich von Schauspielern inszeniert wurden, wenn die Pandemie nur ein Medienhype ist? Dann verwandelt sich die Ohnmacht in Handlungsmöglichkeiten. Nun kann man versuchen, die Schuldigen zu identifizieren und sie vielleicht sogar besiegen! Die Gegner sind zwar mächtig und gefährlich. Aber der Truther weiß das Recht und die Wahrheit auf seiner Seite. Er fühlt sich im Krieg, wie ein Partisan im Widerstand. Ständig ist er auf der Suche nach weiteren Verbündeten, die bereit sind, die rote Pille (wie im Film „Matrix“) zu schlucken, um der ungeschminkten Realität ins Auge zu blicken und den Kampf für die Freiheit von der Illusionswelt zu wagen.

 

Gefahren

Verschwörungsideologien sind gefährlich. Ihre Anhänger sind keine harmlosen Spinner –  selbst wenn im Einzelfall der Eindruck bestehen mag – denn sie zerstören die Grundlagen des Zusammenlebens.

  1. Verschwörungsmythen erzeugen Opfer. Die vermeintlichen Verschwörer sind Inbegriff des Bösen. Sie sind furchtbar gerissen, machtgierig und ohne Mitleid. Sie sind schuld an allem Elend der Welt, denn die Theorie besagt ja, dass sie alle Fäden in der Hand halten. Sie verfügen über unbegrenzte Macht und Mittel. Das bedeut, dass sie es ändern könnten, wenn sie denn nur wollten. Wer solch übermenschliche Fähigkeiten hat, verliert seine Menschlichkeit. Gegen den scheint dann auch jedes Mittel recht. Und so greifen Verschwörungsideologen immer öfter zur Gewalt, wie z. B. Anders Brevik in Norwegen oder die Attentäter von Christchurch und Halle, die vollgepumpt waren mit Verschwörungideologie. Letztlich hat der Holocaust auch die antisemitische Verschwörungsideologie zur Grundlage: Die Juden seien an allem Elend schuld und würden im Hintergrund die Fäden ziehen. Verschwörungsideen können kollektiv sehr mörderisch werden.
     
  2. Verschwörungsideologien zerstören Vertrauen. Sie leben vom Misstrauen in die etablierten Strukturen und Organisationen. Die Demokratie benötigt aber das Zutrauen in ihre Strukturen, denn diese haben elementare Rollen in der Begrenzung der Macht. Zur Demokratie gehören Gewaltenteilung und Minderheitenschutz, Presse- und Meinungsfreiheit. All dies dient dazu, die Herrschenden zu kontrollieren. Anhänger von Verschwörungsideologien meinen nun: „Das hat alles keinen Zweck, Polizei und Justiz und Medien stecken alle unter einer Decke und sind nur Marionetten der Verschwörer.“ Damit zerstören sie die Demokratie von innen, weil ihren Strukturen nicht mehr zugetraut wird, die Macht der Mächtigen zu kontrollieren – und folglich können diese dann tatsächlich ungestörter agieren und diese Institutionen weiter diskreditieren und wirkungslos stellen.
     
  3. Verschwörungsglaube verhindert angemessenes Verhalten. Das ist in der Corona-Krise deutlich geworden: Die Folge verschwörungsideologisch motivierter Fake-News sind einerseits panische Hamsterkäufe und andererseits Ablehnung und Missachtung der Regeln zur Kontaktreduzierung. Damit zerstören die Betreffenden nicht nur geordnete Warenkreisläufe, sondern gefährden aktiv Menschenleben. Eine Vertiefung in verschwörungsideologische Sichtweisen bringt auch Gefahren für die eigene psychische Gesundheit mit sich, wie der Fall der Anwältin Beate Bahner gezeigt hat.

 

Was hilft?

Wie lassen sich echte Verschwörungen von phantasierten unterscheiden? Es gab und gibt ja durchaus geheime Absprachen zur Erlangung von Macht, es gibt Lobbyarbeit und Geheimdiplomatie, es gibt Vertuschungsaktionen und Werbung. Wir werden ständig manipuliert. Was ist also Wahrheit? Drei Grundregeln können vielleicht etwas helfen, Licht ins Dunkel zu bringen.

1. Umfang prüfen: Es kann die Faustregel aufgestellt werden: Echte Verschwörungen sind immer klein. Das ist logisch, denn zu viele Mitwisser lassen jedes geheime Unternehmen eher früher als später auffliegen. Alle historisch bekannten Verschwörungen waren zeitlich, räumlich und personell begrenzt. Das ist der zentrale Unterschied zu den Thesen der scheinbar allmächtigen Illuminaten oder Reptiloiden. Alle Theorien, die eine zu große Zahl an beteiligten und eingeweihten geheimen Mitwirkenden erfordern, sind unglaubwürdig. Das gilt für Chemtrails wie für breit angelegte angebliche Sprengungen des WTC bei 9/11. Genauso absurd ist der Gedanke, diverse öffentliche Medienanstalten der Welt würden bewusst falsche Nachrichten von angeblichen Corona-Toten erfinden, um die Einschränkungsmaßnahmen zu rechtfertigen.

2. Zweifel begrenzen: Verschwörungstheorien beziehen ihre Macht daraus, dass wir etwas nicht wissen. Das hängt mit Logik und Wissenschaftstheorie zusammen: Es lässt sich niemals wissenschaftlich exakt beweisen, dass etwas nicht existiert. Man kann immer nur die Existenz einer Sache beweisen. So gibt es z. B. keinen wissenschaftlichen Beweis, dass es keine weißen geflügelten Einhörner gibt. Vielleicht sind die Tiere nur sehr selten und zudem unheimlich scheu und geschickt in der Tarnung. Genauso kann man niemals beweisen, dass eine Verschwörung nicht existiert. Man könnte sie höchstens aufdecken, wenn sie existiert. Weil nun nicht absolut sicher ausgeschlossen werden kann, dass vielleicht doch irgend etwas faul ist an der offiziellen Darstellung, gibt es schon ein Fünkchen Plausibilität auch für die abstruseste Theorie.

Was hilft? Raus aus der 100%-Falle. Es muss in der Regel keine schlichte Ja/Nein-Entscheidung getroffen werden. Selten ist etwas komplett richtig oder alles falsch. Besser ist es, mit Wahrscheinlichkeiten zu arbeiten. Wenn man nicht ganz sicher Nein sagen kann, heißt das nämlich noch lange nicht ja. Wenn eine Sache zu 90% unwahrscheinlich ist, können durchaus 10% Körnchen Wahrheit darin stecken. Dennoch sollte man dieser Theorie nicht weiter anhängen, sondern kann sie getrost als abwegig zur Seite legen.

3. Pakete zerlegen: Clevere Verschwörungsideologien mixen permanent Wahrheit und Phantasie, tatsächliche Probleme mit übertriebenen Aussagen. Auf diese Weise erzeugen sie mit gut belegten und beweisbaren wahren Anteilen die Suggestion, die ganze Theorie sei ebenso wahr. Dies gilt es zu zerlegen! Das bedeutet: Die Wahrscheinlichkeitspunkte müssen nicht dem Gesamtpaket, sondern den Komponenten gegeben werden.

Beispiel:

  • Dass es in Wuhan ein hochspezialisiertes Chemielabor gibt, ist wahr (100% Wahrscheinlichkeit).
  • Dort werden seit der letzten Epidemie tatsächlich SARS-Coronaviren erforscht (98%).
  • Dass dort auch an Biowaffen geforscht werden könnte, ist natürlich theoretisch möglich (60%).
  • Dass es faktisch auch geschieht, ist weit weniger sicher und bloße Spekulation (40%?).
  • Angesichts der inzwischen erforschten Struktur des Virus ist es unwahrscheinlich, dass es dort entstanden und entwischt ist (10%).
  • Dass es absichtlich produziert wurde, kann als Unsinn gelten (0,5%).

Die verbliebenen 0,5% sind eher der Wissenschaftstheorie geschuldet, aber allein sie befrieden das Bedürfnis nach einer geordneten Welt, in der alles seine Ursache hat und Schuldige für das eigene Leid benannt werden können. Darum werden diese gern zu 80% aufgeblasen.

Diese Zerlegearbeit kann (und sollte) mit jeder Verschwörungstheorie gemacht werden. Es wird fast immer auch 100%-Anteile geben. Aber beruht darauf wirklich die These? Oder bezieht sich diese auf eine 5%-Behauptung? Mit dem Wissen um die psychologische Attraktivität des Verschwörungsdenkens kann das zur Einordnung helfen.

 

Dr. Harald Lamprecht

ist Beauftragter für Weltanschauungs- und Sektenfragen der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens und Geschäftsführer des Evangelischen Bundes Sachsen.

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