Warum können suspekte Therapien scheinbar wirken?

Beobachtungen von Roland Ziegler

Subtile Krankheitsverläufe können intelligente Leute (sowohl Patient als auch Therapeut) denken lassen, dass ein suspektes Verfahren erstaunlicherweise doch wirkt. Dieser doppelte Placeboeffekt ist in der Medizin bekannt. Er gilt gleichermaßen für die volkstümliche Medizin, aber auch für alternative und esoterische Ansätze. Viele dubiose Methoden sind deshalb noch auf dem Markt der komplementären Eitelkeiten vertreten, weil es den Befürwortern gelingt, den Spruch „Ich versuchte es, mir ging es besser, also muss es wirksam sein“ in scheinbare Wirklichkeit umzusetzen. Bei genauer Betrachtung der Umstände bleibt jedoch nicht mehr viel von solchen Ansätzen übrig. Wieso 
nicht? 

 

1. Weil die Erkrankung ihren natürlichen Verlauf genommen hat! 

Viele Erkrankungen sind zeitlich begrenzt. Sind Erkrankungen nicht chronischer Natur oder enden sie nicht tödlich, dann sind die körpereigenen Reparaturmechanismen in der Lage, die gesundheitliche Ausgangslage wieder herzustellen. Deshalb ist es in der Forschung ja so wichtig, bei Vergleichen zwischen alternativen Ansätzen mit Placebotherapien darzulegen, ob das suspekte Verfahren wirklich in der Lage ist, mehr Patienten zu heilen, als dies im Rahmen der Eigenheilungstendenzen der Fall ist. Nur dann hat es eine Berechtigung. 

2. Weil einige Erkrankungen einen zyklischen Verlauf haben!

Nicht nur der Schnupfen kommt mehrmals jährlich, sondern auch ernsthafte Erkrankungen wie Arthritis, Gicht, Multiple Sclerose, Allergien, Neurodermitis oder gastrointestinale Erkrankungen sind mal mehr oder mal weniger stark ausgeprägt. Normalerweise suchen Patienten dann verstärkt nach endgültiger Heilung, wenn sie sich gerade auf dem Weg in ein symptomfreies Intervall befinden. Gerade dann aber haben suspekte Verfahren die Möglichkeit, über ein paar Zyklen hinweg dem Patienten das Geld aus der Tasche zu ziehen, bevor dieser frustriert das Weite sucht. 

3. Weil die zugrundeliegende ärztliche Diagnose falsch war! 

Nicht jede ärztliche Diagnose ist korrekt, denn kein Arzt ist unfehlbar. Diese Lücke gibt Anwendern von Alterna- 
tivtherapien die Möglichkeit, eine in Wahrheit gar nicht existierende Erkrankung „zu heilen“.

4. Weil eine zeitweise Verbesserung der Stimmung keine Heilung bedeutet! 

Manche Patienten verwechseln bereits die Verbesserung ihres subjektiven Erkrankungsempfindens mit einer Linderung der Erkrankung oder sogar einer Heilung. Das ist ein Trugschluss. Ein Patient mit röntgenologisch nachweisbaren Rückenmarksveränderungen muss keinerlei Schmerzen haben, ist aber durchaus ernsthaft krank. Auch ein Tumorpatient, dessen Tumor nicht vollständig herausoperiert werden konnte, fühlt sich einige Tage nach dem Eingriff in der Regel besser – nur geheilt ist er nicht, denn die Erkrankung schreitet weiter fort. 

5. Weil eine unkritische Grundeinstellung die Wahrnehmung verzerrt! 

Manche Anwender alternativer Verfahren sind tiefgehend davon überzeugt, das richtige Verfahren anzuwenden. Sie haben erhebliche Gefühle und Einstellungen von dem Verfahren abhängig gemacht und haben einen Teil ihrer Persönlichkeit in diesen Bereich investiert. Sie werden nicht ohne weiteres bereit sein, gegenläufige Meinungen zu akzeptieren oder auch nur zu tolerieren. Schließlich wird von den Kritikern nicht nur das Verfahren, sondern eigentlich ihre Persönlichkeit in Frage gestellt. Manche Befürworter werden auf Kritik sogar mit einer stärkeren Hinwendung zu diesen Verfahren reagieren, wenn sie sich psychologisch zu stark gefährdet sehen. Diese Patienten oder Anwender sind die dankbarste Klientel der Anwender suspekter Verfahren. Sie haben sich nicht nur aus gesundheitlichen, sondern aus inneren Motiven heraus den Verfahren verschrieben. Sie sind diejenigen Patienten, die am wirkungsvollsten und am unkritischsten diese Verfahren durch Mund–zu–Mund–Propaganda weiterverbreiten helfen.

In der New–Age–Szene ist es sehr beliebt, den Patienten mit dem „Placeboeffekt“ zu bluffen. Meist fallen die Therapeuten gleich mit darauf herein. Ihnen wird erzählt, dass es einen „Placebo–Effekt“ – also quasi die Heilung aus dem Nichts – gäbe, denn schließlich würden doch Kinder oder Tiere niemals einem Placeboeffekt unterliegen ... aber das ist falsch! Die Methode „Therapeutic Touch“ will Aura, Farbschwingungen und Chakras des feinstofflichen Körpers erfühlen und reinigen können.

Hier wird einfach der Begriff des Placebos solange verdreht, bis er in das mittelalterliche Gedankengebäude der New–Age–Therapien passt. Placebo bedeutet in der Medizin nichts anderes, als eine Scheinmedikation oder eine Scheintherapie zu verabreichen. Dies hat u. a. in klinischen Studien zum Ziel zu überprüfen, ob ein Pharmakon oder eine therapeutische Handlungsweise einen stärkeren Effekt auf den Patienten hat als lediglich die Vorspiegelung einer Behandlung.

Ein Beispiel: Hilft ein Kopfschmerzmittel bei 90% der Behandelten innerhalb von 2 Stunden, den subjektiv empfundenen Kopfschmerz zu lindern und passiert das gleiche bei gerade mal 20%, wenn lediglich eine Milchzuckertablette verabreicht wird, so bedeutet dies 

  • in der „Schulmedizin“ folgendes: 
    Das Kopfschmerzmittel wirkt offensichtlich weitaus besser als es die Vortäuschung einer therapeutischen Handlung tun kann.
     
  • in der „New–Age–Medizin“ folgendes: 
    Dies wäre der Beweis dafür, dass eine Milchzuckertablette in jedem fünften Fall wirksam sei. 

Dabei wird deutlich, dass die New–Age–Medizin schlichtweg Ursache und Wirkung verwechselt. Es wird nämlich einfach unterstellt, dass ohne jegliche Therapie auch keine Veränderung des Kopfschmerzes eingetreten wäre. Aber mal Hand auf’s Herz ... welcher normale Kopfschmerz hält denn bitte über Tage oder Wochen unverändert an, selbst wenn er nicht behandelt würde? 

Natürlich haben pharmakologisch wirksame Mittel auch eine Placebokomponente. Diese „Scheinwirkung“ hängt davon ab, welche Art von Symptom beeinflußt wird und ob es gelingt, den Patienten für eine kurze Zeit durch eine Scheinbehandlung von seiner Symptomwahrnehmung abzulenken. So hilft das berühmte „Bauchpinseln“ bei kindlichen Wachstums– oder Bauchschmerzen bekanntermaßen auch, um kleine Wehwehchen zu vertreiben. Aber niemand kann ernsthaft behaupten, dass die Demonstration von Mitgefühl gleich eine Heilung ist. Es lenkt von den Symptomen ein bisschen ab – mehr nicht. 

Eine wirksame Therapie hingegen – und mag sie noch so neu oder mutmaßlich „alternativ“ sein – wirkt immer besser als eine Placebobehandlung und sie wirkt vor allem auch dann, wenn man nicht an sie glaubt, wenn man nicht von den Krankheitssymptomen abgelenkt wird und auch dann, wenn man innerlich gegen diese Therapie eingestellt wäre. 

Dr. Harald Lamprecht

ist Beauftragter für Weltanschauungs- und Sektenfragen der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens und Geschäftsführer des Evangelischen Bundes Sachsen.

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