Rom im Abendlicht

Christentum in Rom

Ökumene im Zentrum des Katholizismus

Rom ist so etwas wie das Herz der römisch-katholischen Kirche. Das steckt schon in ihrem Namen. Was das aber praktisch bedeutet, lässt sich am besten vor Ort erfahren. Dies zu ermöglichen war das Ziel eines Kurses, der vom Centro Melantone in Rom in Zusammenarbeit mit dem Konfessionskundlichen Institut des Evangelischen Bundes im Juli 2017 organisiert wurde.

Weltkirche

Die römisch-katholische Kirche ist weltweit verbreitet und zugleich in vielen Bereichen zentralistisch strukturiert. Seit Bischof Leo von Rom im 5. Jahrhundert nicht nur den Ehrenvorrang, sondern auch Jurisdiktionsgewalt über andere Bischöfe beanspruchte, wurde im Laufe der Zeit das Papstamt zur zentralen Steuerungsinstanz der katholischen Weltkirche. Das bedeutet, dass in Rom viele Fäden zusammenlaufen. Fast alles, was es irgendwo in den Weiten der katholischen Welt gibt, das gibt es im Kleinen auch in Rom.

Vatikan und Heiliger Stuhl

Der Papst residiert nicht in Rom. Auch einen Petersdom gibt es in Rom nicht. Beide befinden sich nämlich im Vatikan. Der Vatikanstaat ist ein eigenes Territorium, das zwar ringsum von Italien umschlossen ist, aber nicht zu Italien gehört. Italienische Gesetze gelten dort nicht, weder die Polizei noch die Carabinieri haben dort Zugriff. In früheren Zeiten war das Territorium des Kirchenstaates viel größer und umfasste vor 1870 weite Teile des heutigen Italien. Seit 1929 ist er mit 0,44 Quadratkilometern nur noch ein Mini-Staat. Allerdings haben etliche im römischen Stadtgebiet verstreute vatikanische Einrichtungen auch diesen extraterritorialen Status, worauf jeweils ein Schild am Eingang hinweist.

Mit dem Vatikan verbunden ist der Heilige Stuhl. Der Begriff markiert eine Einrichtung, die vom Sitz des römischen Bischofs abgeleitet ist und heute ein eigenes Völkerrechtssubjekt darstellt. Der Heilige Stuhl unterhält also diplomatische Kontakte zu anderen Staaten. Zum Heiligen Stuhl gehören 1. der Staat und das Territorium des Vatikans (und wird darum oft Synonym verwendet), 2. der jeweils amtierende Papst als Person und 3. die Kurie als Verwaltungsbehörde.

Die Kurie

Der Begriff Curia entstammt - wie vieles in Rom - der Antike und bezeichnete das Gebäude der Senatsversammlung und städtischen Verwaltung, also das Rathaus. Die Kurie ist in verschiedene sogenannte Dikasterien (oberste Verwaltungsbehörden) unterteilt. Dazu gehören Sekretariate, Kongregationen, päpstliche Räte und weitere Einrichtungen. Von politischer Bedeutung ist das Staatssekretariat. Das 2014 von Papst Franziskus neu eingerichtete Wirtschaftssekretariat kümmert sich um die Finanzaufsicht. Zum 2015 geschaffenen Kommunikationssekretariat gehören jetzt alle Medienunternehmungen des Heiligen Stuhles: Radio Vatican, L’ Osservatore Romano und andere.

Die Kongregationen werden jeweils von einem Präfekten im Kardinalsrang geleitet, dem ein bis zwei Sekretäre (in der Regel im Bischofsrang) zur Seite stehen. Von großer Bedeutung ist die Kongregation für die Glaubenslehre. Weitere Kongregationen existieren für die orientalischen Kirchen, für Gottesdienst und Sakramente, für Selig- und Heiligsprechungsprozesse, für Evangelisation und Mission, für den Klerus, für die Orden und für die Bischöfe. Neben den Kongregationen gehören zur Kurie noch mehrere Gerichtshöfe sowie Päpstliche Räte.

In der Glaubenskongregation

Was diesen Kurs von touristischen Besuchen in Rom unterschied, waren die verschiedenen Gespräche mit Mitarbeitern der Kurie, die durch die persönlichen Kontakte von Martin Bräuer vom Konfessionskundlichen Institut ermöglicht wurden. Die erste dieser Begegnungen war mit Pfr. Bauer von der Glaubenskongregation.

Diese Behörde hat als Nachfolgeorganisation der Inquisition nicht den allerbesten Ruf. Fehlentwicklungen in der Vergangenheit, zu denen z.B. auch die Akzeptanz der Folter als Instrument der Wahrheitsfindung zählten, wurden von Pfr. Bauer offen benannt. Allerdings sind Struktur und Arbeitsweise der 50 Mitarbeiter heute anders.

Die Doktrinäre Sektion ist für die Lehrbildung innerhalb der römisch-katholischen Kirche verantwortlich. Wo z. B. Theologieprofessoren (wie Hans Küng oder Eugen Drewermann) oder Ordensleute (wie Willigis Jäger) aus römischer Sicht von der katholischen Lehre abweichen, wird mit ihnen das Gespräch gesucht. Die Ehesektion hat nur einen Mitarbeiter und befasst sich mit den speziellen Fällen „in favorum fidei“ nach 1. Kor 7,15, wenn in einer Ehe nur ein Partner Christ wird und daraus Probleme resultieren. Weltweit betrifft das ca. 700 Fälle jährlich. Alle anderen Ehefälle werden an der päpstlichen Rota entschieden. Die Disziplinarsektion schließlich befasst sich mit Verstößen von kirchlichen Mitarbeitern. Kern der Arbeit bildet gegenwärtig die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle. In Rom werden derzeit ca. 700 Fälle pro Jahr gemeldet, wobei der größte Teil davon Altfälle sind, die schon lange zurück liegen, aber (erst) jetzt im Kontext der neuen Aufmerksamkeit auf das Thema aufgedeckt und bearbeitet werden. Etwa 80% der Disziplinarfälle betreffen momentan Missbrauchsfragen, berichtete Pfr. Bauer. Für einigen Wirbel sorgte die überraschende Nichtverlängerung von Kardinal Müller als Präfekt der Glaubenskongregation. Dessen bisheriger Stellvertreter Erzbischof Luis Ladaria übernimmt nun die Nachfolge in diesem wichtigsten Amt nach dem Papst.

Gregoriana und die Jesuiten

In Rom gibt es zahlreiche Universitäten, weil auch die verschiedenen Orden ihre Ausbildungsstätten am Heiligen Stuhl angesiedelt haben. Die Päpstliche Universität Gregoriana wird von den Jesuiten getragen.

P. Prof. Dr. Felix Körner S.J. erläuterte dort das Herz der ignatianischen Spiritualität. Dieses besteht darin, eine methodische Unterstützung dabei anzubieten, die jeweils eigene Weise entdecken zu können, um ein Freund von Jesus zu sein. Das Exerzizienbuch von Ignatius ist nicht wie ein Roman zu lesen, sondern eher ein Kochbuch: es nützt nur, wenn man es tut. Das Jesuitische Grundgebet te magis novisse (ich möchte dich besser kennenlernen) te magis amare (ich möchte dich mehr lieben) et magis te sequi (und dir mehr nachfolgen) enthält dreimal die Steigerung „mehr“. Dies erkennt an, was schon da ist, aber betont die individuellen Entwicklungsmöglichkeiten. Auf „mehr“ ist auch die Weltsicht des Ignatius ausgerichtet: Die spanischen Kolonien und die anstehende Weltmission weiteten seinen Horizont weit über Europa hinaus. Ignatius und die Jesuiten stehen zur Reformation in einem eigentümlichen Wechselverhältnis. Einerseits waren sie ein zentraler Träger der Gegenreformation. In der großen Jesuitenkirche in Rom (Sant’ Ignatio) tritt Ignatius mit Füßen auf die Schriften der Reformation. In der Kirche „Il Gesu“, die als Mutter aller Jesuitenkirchen gilt, ist beim Ignatiusaltar ein Engel, der aus einem Buch die Seiten ausreißt und das Buch darunter ist mit „MART. LVTHER“ beschriftet. Das ist eine drastische antiprotestantische Symbolsprache. Andererseits hat der Jesuitenorden stark zur katholischen Reform beigetragen. Sein Bildungsprogramm ähnelt dem der lutherischen Reformation, die lutherische Arbeitsethik findet auch bei Ignatius eine Entsprechung u.v.a.m.

Unser Gesprächspartner ist Islam-Experte. Seine Erfahrungen im interreligiösen Dialog will er auch für die Ökumene fruchtbar machen. Bereits weithin etabliert sind die Begegnung „face to face“ im Dialog und die gemeinsame Arbeit „side by side“ in Projekten (z.B. Flüchtlingsbetreuung). Dazu sollte aber auch im ökumenischen Gespräch eine dritte Dimension treten („back to back“), in der die eigene Theologie die Fragen und Erfahrungen aus der Begegnung mit anderen aufnimmt und verarbeitet.

Interessant war auch, wie an der Jesuitenhochschule der gegenwärtige Papst - immerhin der allererste Jesuit in dieser Position - verstanden wird. In dessen Ansprachen und Texten ist häufig von der „Dynamik der Unterscheidung“ die Rede. Dies meint nicht die dogmatisch fein ziselierte distinctio, sondern die discretio im Sinne von Röm. 12: „damit ihr prüfen könnt, was der Wille Gottes ist“. Der Papst ermutigt also (mit Ignatius) immer wieder, selbst herauszufinden, was in der jeweiligen Lebenssituation der Wille Gottes ist. Dazu gehört auch der Mut, etwas Neues zu entdecken, das noch in keinem kirchlichen Gesetzbuch beschrieben ist. Das ist eine befreiende, aber in katholischen Kreisen ungewohnte Herausforderung für die Gläubigen.

Gesetz und Leben

Der päpstliche Rat für die Gesetzestexte ist eine Behörde, die der Kurie helfen soll, die kirchlichen Gesetze richtig anzuwenden. Diese Einrichtung versteht sich als Hüter der inneren Logik und Stimmigkeit katholischer Verlautbarungen und Handlungen. Deutlich wird dies besonders im Eheverständnis. Im Blick auf das brennende Thema der Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Eucharistie favorisierte Pater Prof. Dr. Graulich (S.D.B.) die Annullierung der ersten Ehe erwirken zu lassen und bot juristische Lösungen dafür an. Die damit verbundene Entfernung der innerkirchlichen von der gelebten Wirklichkeit wird offenbar als weniger problematisch empfunden, als ein Bruch des kirchlichen Dogmas von der Unauflöslichkeit einer sakramentalen Eheschließung. Beim gegenwärtigen Papst scheinen die Prioritäten da anders sortiert, wenn er diese Fragen in den Bereich der Gewissensentscheidung überweist.

Horizonterweiterungen

Weitere Begegnungen und Gespräche erfolgten mit Mons. Dr. Türk vom päpstlichen Rat für die Einheit der Christen, Gudrun Sailer von Radio Vatican, Prof. Eric Noffke von der Waldenser­fakultät und Pfr. Dr. Jens-Martin Kruse von der Ev.-Luth. Gemeinde in Rom. Dazu kamen Seminareinheiten, der Besuch einer Papstmesse am Feiertag von Peter und Paul sowie von Studienleiter Pfr. Tobias Küenzlen hervorragend geführte Besichtigungen bedeutender römischer Kirchen. Mit ihren Standorten, der architektonischen Gestaltung, der Innenausstattung in Figuren, Fresken und Mosaiken stellen sie steinerne Zeugnisse kirchengeschichtlicher Etappen dar: die Kirche St. Paul vor den Mauern das Konzil von Nizäa, die Kirche Santa Maria Maggiore das Konzil von Ephesus 431, dazu kommen Lateranbasilika und Petrusdom, die Jesuitenkirchen und die bildgewordene Konstantinische Schenkung in hervorragend erhaltenen Fresken von 1246 in dem versteckten Kloster Quattro Coronati.

Ökumenische Impulse

Wie bei jeder guten Fortbildung steigerten die Tage in Rom nicht nur das Wissen um Zusammenhänge und Details, sondern warfen neue Fragen auf. Der Blick auf die Katholische Kirche ist bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern differenzierter geworden. Manche Blauäugigkeiten wichen einer Ernüchterung, manche gewohnten Sichtweisen wurden hinterfragt. Die ständige Präsenz eines buchstäblich in Stein gemeißelten jahrhundertelangen weltweiten römischen Herrschaftsanspruches bleibt nicht ohne Konsequenzen auf das Denken und Fühlen innerhalb der Kurie. Zugleich ließen sich selbst inmitten des Machtzentrums der katholischen Kirche erstaunlich offene und ermutigende Positionsäußerungen vernehmen, die im Zusammenhang mit dem gegenwärtigen Pontifikat stehen.

Welche Konsequenzen das für die Ökumene hat, gab Stoff für kontroverse Diskussionen. Franziskus ist kein deutscher akademischer Theologe wie sein Vorgänger. Seine ökumenischen Impulse kommen weniger auf der Ebene wohlformulierter Texte daher. In seinen Schreiben thematisiert er ökumenische Fragen selten direkt. Aber er agiert auf eigene Weise. Mit seinem Stil eines „Ich komm’ dann mal vorbei“ ignoriert er manche Protokolle und historische Unmöglichkeiten. Damit erreicht er Erstaunliches. 2014 feierte er in Jerusalem einen ökumenischen Gottesdienst mit Vertretern der Orthodoxie, besuchte eine Pfingstgemeinde bei Neapel, war im Juni 2015 in der Waldenserkirche in Turin, im November 2015 in der ev.-luth. Christuskirche in Rom und schenkte der Gemeinde einen Abendmahlskelch. Im Februar 2016 traf er den russisch-orthodoxen Patriarchen in Kuba und als bisheriger Höhepunkt kann seine Beteiligung an der Feier des Reformationsgedenkens beim 70. Jahrestag des Lutherischen Weltbundes am 31.10.2016 in Lund gelten, das in der katholischen Welt viel größere Wellen geschlagen hat, als evangelischerseits bislang erkannt wurde. Das Ökumenemodell von Papst Franziskus ist nicht mehr die Sammlung konzentrischer Kreise, sondern ein zusammengesetzter Polyeder – ein dreidimensionaler Körper, in dem jeder Teil seine Eigenart bewahrt, aber auf seine Weise zu der gemeinsamen Form beiträgt (vgl. Evangelii Gaudium 236). Dies ermutigt dazu, die Einheit weniger in äußerer Gleichförmigkeit als vielmehr im fruchtbaren Zusammenwirken der verschiedenen Teile des christlichen Körpers in der Welt zu suchen.

 

Dr. Harald Lamprecht

ist Beauftragter für Weltanschauungs- und Sektenfragen der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens und Geschäftsführer des Evangelischen Bundes Sachsen.

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