Germanische Neue Medizin

Ryke Geerd Hamers „5 Biologische Naturgesetze“ zwischen Pseudomedizin und Antisemitismus

Krankheiten überfallen Menschen manchmal, ohne dass ein äußerer Grund erkennbar wäre. Der gebrochene Knochen beim Sturz vom Fahrrad hat eine klar erkennbare Ursache. Aber der Darmkrebs? Die Neurodermitis?

Insbesondere chronische Leiden und lebensbedrohliche Erkrankungen wie Krebs führen uns immer noch vor Augen, dass auch die moderne Medizin Grenzen hat. Trotz gewaltiger Erfolge – es ist nicht alles schnell heilbar. Manchmal wissen Ärzte auch nicht woher und wohin. Wäre es da nicht schön, wenn man eine universelle Erklärung für alle Krankheiten hätte? Ein generelles Prinzip, das alles erklärt, das die Rätsel und Ungewissheiten hinwegfegt und auch noch einen Weg zur Besserung weist? Insbesondere bei schweren und manchmal unheilbaren Krankheiten wie Krebs?

Genau das und nicht weniger beansprucht die „Germanische Neue Medizin“ zu liefern. Freilich hat solches auch einen Preis. In diesem Fall müssen die Anhänger außer mit Geld für die Heilpraktiker für ihre Vision noch dreifach mehr bezahlen:

1. mit der Abkehr von dem Großteil der modernen Medizin, die nur noch polemisch als unverständige „Schulmedizin“ wahrgenommen wird, während man selbst sich mit universellem Überwissen ausgestattet sieht,

2. mit vielen Schmerzen, die zu ertragen die Methode fordert, weil Krankheiten zu „Sinnvollen Biologischen Sonderprogrammen“ als Teil einer angeblich bereits begonnenen Heilung umdefiniert werden,

3. mit gesellschaftlichen Verwerfungen, weil die eigene Sonderstellung mit Verschwörungsideologien erklärt wird, die in den offenen Antisemitismus kippen.

Die Anfänge

Gründer der zunächst nur als „Neue Medizin“ titulierten Behandlungstheorie war der damalige Krankenhausarzt Dr. med. mag. theol. Ryke Geerd Hamer (1935–2017). Er hatte sowohl Medizin als auch evangelische Theologie studiert und arbeitete als Internist.

Ausgangspunkt für die Entwicklung der Theorie war der tragische Tod seines Sohnes Dirk Hamer 1978, der an den Folgen einer Schussverletzung starb. Als danach bei Ryke Geerd Hamer selbst Krebs diagnostiziert wurde, entwickelte dieser die Hypothese, seine Krebserkrankung sei durch dieses traumatische Ereignis ausgelöst worden. Ab Anfang der 1980-er Jahre baute er diese Idee zur „Neuen Medizin“ aus mit der Behauptung, grundlegende Naturgesetze sämtlicher Krankheiten entdeckt zu haben. Seine Methode betrachtete er als vollständigen Ersatz der etablierten Medizin.

1986 wurde ihm wegen unterlassener ärztlicher Hilfeleistung die Approbation entzogen. Weil sich der zu diffuse Begriff „Neue Medizin“ markenrechtlich nicht schützen ließ, erfolgte 2003 die Umbenennung in „Germanische Neue Medizin“ (GNM). Alternativ verwendete Hamer auch „Germanische Heilkunde“. Darin wird ein völkisch-rassistischer Anteil sichtbar, der auch Hamers Denken zunehmend bestimmt hat. Heute ist auf diversen Webseiten von Hamer-Anhängern von den „5 Biologischen Naturgesetzen“ (5BN) die Rede, um die rechtlich geschützten Begriffe „Germanische Neue Medizin“ und „Germanische Heilkunde“ zu vermeiden. Sachlich geht es aber um das gleiche System.

Im Konflikt mit Behörden

Immer wieder stand Hamer vor Gericht. 1992 wurde er in Köln zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, nachdem wegen einer Fehlbehandlung einem jungen Mann ein Bein amputiert werden musste. 1997 wurde Hamer wegen unerlaubter Ausübung des Heilberufes zu 19 Monaten Haft verurteilt, von denen er 12 verbüßte. In Österreich wurde er des Totschlags in mindestens 50 Fällen verdächtigt und ein Haftbefehl ausgestellt. In Frankreich wurde Hamer 2000 wegen Betrugs und Beihilfe zur illegalen Ausübung des Arztberufes zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.1 Seit seiner vorzeitigen Haftentlassung 2006 hat er sich in Norwegen aufgehalten. Hamers Habilitationsschrift über seine Theorie wurde von der Universität Tübingen abgelehnt – mehrfach klagte Hamer erfolglos dagegen.

Populär wurde er 1995 durch den Fall von Olivia Pilhar. Bei dem sechsjährigen Mädchen wurde ein Nierentumor festgestellt, aber unter Hamers Einfluss verweigerten die Eltern eine Behandlung. Als die Behörden daraufhin den Eltern vorübergehend das Sorgerecht entzogen, flohen diese mit dem Kind ins Ausland. Sieben Wochen waren sie unterwegs: Österreich über Deutschland und die Schweiz bis ins spanische Malaga zu Hamer – begleitet von Medien, die Bilder der todkranken Olivia um die Welt schickten und Hamer immer wieder Gelegenheit zu Interviews gaben. Zurück in Österreich wurde das Kind dann doch noch behandelt – gegen den Willen der Eltern mit Operation und Chemotherapie. Die Behandlung wirkte. Olivia ist geheilt. Als Jugendliche ist sogar eine Karriere als Model im Gespräch.2 Überzeugt sind die Eltern aber nicht. Wider alle Vernunft meinen sie, die Krankheit sei schon von selbst auf dem Rückzug gewesen und Olivia sei durch die Ärzte nur vergiftet worden. Vater Helmut Pilhar wurde zu einem der engagiertesten Anhänger von Hamer.3 Auf seiner Webseite publizierte er massenhaft Material zur GNM, auch viele Schrei­ben von Hamer an diverse Personen. Diese Texte geben einen deutlichen Einblick in die wüste Polemik, mit der Hamer gegen alle austeilte, die seine Thesen nicht akzeptierten.4

Die „5 biologischen Naturgesetze“

Worum geht es? Hamer entwickelte seine besonderen Auffassungen zunächst auf Krebserkrankungen bezogen, erweiterte dies dann später auf andere Erkrankungen und auf die gesamte Medizin. Das Ergebnis bezeichnete er als „5 Biologische Naturgesetze“. Die Unstimmigkeiten beginnen schon damit, dass diese weder als Gesetze formuliert, noch überhaupt fünf sind.

1. Das Eiserne Gesetz des Krebses:

Hamer meinte, jede Krankheit beginne mit einem unerwarteten hochakuten biologischen Konfliktschock. Diesen nannte er (nach seinem verstorbenen Sohn) „Dirk-Hamer-Syndrom“. Der Konflikt bedrohe ein biologisches Grundbedürfnis. Er betreffe zugleich drei Ebenen: das jeweilige Organ, aber auch das Gehirn und die Psyche. Die Spuren des Schock­erlebnisses könne man angeblich mit einer Computertomografie im Gehirn erkennen – den sogenannten „Hamerschen Herd“. Jeder Konflikttyp starte sein eigenes spezifisches „biologisches Sonderprogramm“ als Reaktion.

2. Das Gesetz vom zweiphasigen Verlauf:

Die durch ein Schockereignis ausgelösten Programme haben üblicherweise zwei Phasen. a) Die konfliktive („kalte“) Phase beginnt unmittelbar mit dem Ereignis. Der Organismus reagiere reflexhaft (ohne bewusste Überlegung) mit seinem Sonderprogramm. Oft führt dies zu gesteigerter Aktivität, Stress, Gedankenkreisen, Schlaflosigkeit. Hält dies länger an, treten auch Organveränderungen auf. Diese erste Phase kann auch relativ unbemerkt ablaufen. Löst sich der Konflikt, dann beginnt b) die („heiße“) Heilungsphase, die die gleiche Dauer und Intensität wie die erste Phase habe. Darin werden angeblich die in der ersten Phase entstandenen Veränderungen vom Körper wieder aufgeräumt. Dabei könnten Müdigkeit, Entzündungen, Schmerzen, Schwellungen und Fieber oder auch andere schwere Symptome auftreten. Diese würden von der normalen Medizin oft fälschlich als Krankheitssysmptome diagnostiziert. Dabei seien sie nach der Lehre der GNM gerade keine Zeichen von Krankheit, sondern werden als notwendige Zeichen einer schon beginnenden Heilung uminterpretiert. Folglich bräuchten diese in den meisten Fällen gar keine „Therapie“ mehr – im Gegenteil, solche könnte den angeblichen Heilungsprozess sogar stören.

3. Das ontogenetische System der Tumoren ordnet Organe verschiedenen Keimblättern zu und will daraus ableiten, welche Konflikte jeweils auftreten, welche Organreaktionen daraus entstehen und welche Mikroorganismen beteiligt seien. Selbst die Infobroschüre kapituliert: „Zugegeben, die Sache mit den verschiedenen Keimblättern ist vielleicht nicht gleich zu verstehen, aber das ist auch gar nicht notwendig. Dafür sind Bücher und Internetseiten da.“5

4. Das ontogenetische System der Mikroben betrachtet Bakterien, Pilze und andere Mikroorganismen nicht als Krankheitserreger, sondern ausschließlich als Helfer bei Heilungsprozessen. Infektionskrankheiten werden dadurch grundlegend anders interpretiert als in der wissenschaftlichen Medizin. So wird fälschlich behauptet: „Bis heute gibt es keinen direkten Nachweis für Viren als Krankheitserreger.“ (ebd. S. 15).

5. Quintessenz

Das 5. Gesetz ist eigentlich gar kein eigenes, sondern die Zusammenfassung des Systems: Alle biologischen Prozesse seien sinnvoll. Krankheiten seien keine Fehlfunktionen, sondern evolutionär sinnvolle Anpassungsprogramme. Angst und Panik seien die größten Hindernisse auf dem Weg zur Heilung.

Wissenschaftliche Kritik

Aus wissenschaftlicher Sicht beruht die Hamersche Theorie auf etlichen Annahmen, die als falsifiziert gelten. So gibt es keinerlei Nachweis darüber, dass Krebs durch Konflikte entstehen würde (während diverse andere krebserregende Substanzen durchaus immer wieder ermittelt werden). Mikroorganismen hingegen verursachen nachweislich Infektionskrankheiten. Die behaupteten Befunde im CT („Hamersche Herde“) entpuppten sich als technische Artefakte. Organerkrankungen folgen nicht dem behaupteten Konfliktschema.

Insgesamt gibt es keine Evidenz für seine Behauptungen, keine reproduzierbaren Studien, keine belastbaren klinischen Daten und überhaupt widersprechen seine zentralen Behauptungen grundlegenden Erkenntnissen in Onkologie, Neurologie, Infektologie, Genetik und Pathologie.

All das hinderte Hamer aber nicht, absolute Wahrheitsansprüche zu vertreten und die vollständige Erklärung aller Krankheiten zu behaupten. Dabei liegt der eigentliche Kern seines pseudomedizinischen Systems in der Umdeutung von Befunden in Kombination mit einem verschwörungsideologischen Weltbild, das gegen Kritik immunisiert.

Verschwörungstheorie, Antisemitismus und Reichsbürgerallüren

In dem Maß, wie Hamers wilde Theorien von der Fachwelt – aus nachvollziehbaren Gründen – nicht ernst genommen wurden, ist er selbst in ein verschwörungsideologisches Weltbild abgedriftet. Freimaurer und Juden hätten sich verschworen, die Menschheit zu quälen und zu vernichten. Darum würden sie die Verbreitung seiner Erkenntnisse verhindern, obwohl sie deren Wahrheit selbst erkannt hätten und sie heimlich für sich selbst praktizieren würden.

Bei seinen heutigen Anhängern tritt an die Stelle des Antisemitismus die immer wieder beliebte Pharma-Verschwörung: „Damals schürte man Angst vor der Hölle. Heute erzählt man den Menschen das Märchen vom bösartigen Krebs, Metastasen und gefährlichen Viren. Die Absicht ist damals wie heute die gleiche: Die Menschen in Angst und Abhängigkeit zu bringen, um ihnen Geld aus der Tasche ziehen zu können. Damals machte man Menschen abhängig von der Kirche, heute abhängig von der Pharma-Medizin-Industrie.“6

Hamer selbst weitete seinen Anspruch auch politisch aus. 2006 schlug er sich selbst bei seinen Anhängern als „Präsidenten eines Rechtsstaates“ vor, der nach einer „freien Wahl“ zu schaffen sei, und in der die GNM eine zentrale Stellung hätte. Dazu veröffentlichte er 2009 einen Entwurf für eine „Verfassung für einen Staat Germanien“, die gleich mit völkischer Blut- und Boden-Ideologie beginnt: „Ein Volk steht, sofern es nicht durch gewaltsame religiös verbrämte Umerziehung oder Vermischung mit anderen Kulturen zur Bevölkerung degradiert wurde, auf dem Boden seiner eigenen unverfälschten Geschichte, naemlich die seiner eigenen Ahnen.“ Die GNM soll zur Staatsdoktrin erhoben werden, Parteien und politische Pluralität werden darin ausgeschlossen, die Unterordnung individueller Freiheitsrechte unter Kollektivinteressen gefordert und Kontrollmechanismen zur Begrenzung staatlicher Macht abgeschafft.

Ausblick

Hamer selbst starb 2017. Seine Ideen sind damit aber nicht verschwunden. Auch wenn es keine feste klar strukturierte Organisation gibt, verbreiten sich die Grundannahmen vor allem über den Seminarbetrieb bestimmter Heilpraktiker. Auf diese Weise ist ein Netz aus etlichen Anbietern der GNM entstanden. Entsprechende Landkarten verzeichnen auch in Sachsen mehrere Praxen, welche die „5 Biologischen Naturgesetze“ mit verbreiten. Viele von diesen betten dies in ein esoterisches Portfolio ein. Ist das Vertrauen in die wissenschaftliche Medizin einmal zerstört, vertragen sich offenbar auch die widersprüchlichsten Medizinkonzepte.

In der Staffel „Diagnose Tod“ des Podcasts „Seelenfänger“ des Bayrischen Rundfunks wurde die GNM ausführlich beleuchtet.7 Der Beitrag zeigt deutlich die Schattenseiten dieser Medizintheorie: Menschen sterben unter grausamen Qualen, weil sie versuchen, ihre Krankheiten durch Umdefinitionen verschwinden zu lassen, statt sie mit wirksamer Medizin zu behandeln.

Harald Lamprecht

1 https://www.ezw-berlin.de/publikationen/lexikon/germanische-neue-medizin/

2 Glücklich und gesund. Was wurde aus Olivia? Madonna 31.08.2009, https://www.oe24.at/madonna/life/was-wurde-aus-olivia/1201721

3 In der Sendung von ARD-Panorama „Das wirre Weltbild der Germanischen Neuen Medizin“ (14.04.2015) kommt auch ein Seminar mit Helmut Pilhar vor. https://www.ardmediathek.de

4 Die Domain wurde nach Helmut Pilhars Tod abgeschaltet, ist aber über web.archive.org noch zugänglich, z.B.: https://web.archive.org/web/20080529013254/

http://www.pilhar.com/Fragen/Hamer/Logen.htm

5 Daniel Stoica, 5BN-Kurzinfo, S. 12, https://5bn.at/wp-content/uploads/2023/11/5BN-Kurzinfo-1.pdf

6 5BN-Kurzinfo S. 17.

7 https://www.ardsounds.de/sendung/seelenfaenger/urn:ard:show:e9b4d80c46b94f77/

Dr. Harald Lamprecht

ist Beauftragter für Weltanschauungs- und Sektenfragen der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens und Geschäftsführer des Evangelischen Bundes Sachsen.

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Dieser Beitrag ist erschienen in Confessio 1/2026 ab Seite 16