Die Suche nach Eindeutigkeit

Fundamentalismus im Christentum

Christliche Fundamentals

Der Begriff „Fundamentalismus“ hat seine Wurzeln im amerikanischen Protestantismus am Anfang des 20. Jahrhunderts. Es war eine Zeit, in der die USA von verschiedenen gesellschaftlichen Umbrüchen geprägt war. Immer neue Auswanderungswellen brachten verschärfte soziale Probleme mit sich. Das Ideal der Gründerväter, in Amerika ein neues, gottgefälliges Land zu bauen, schien immer unerfüllbarer. Dazu kamen Umwandlungen im geistigen Bereich durch neue wissenschaftliche Theorien und Weltbilder, die traditionelle als biblisch begründet empfundene Sichtweisen in Frage stellten, allen voran die Evolutionstheorie von Darwin und Haeckel. Dagegen formierte sich Widerstand. Zum Namensgeber wurde eine Schriftenreihe „The Fundamentals. A Testimony of the Truth“, die 1909 bis 1915 erschien und fünf grundsätzliche Aussagen formulierte, die gegen den Zeitgeist und liberale Strömungen in der Theologie festgehalten werden sollen. Diese Fundamentals sind:

  • Irrtumslosigkeit der Bibel.
  • Gottheit Jesu Christi und die Jungfrauengeburt
  • Sühnetod Jesu
  • Leibliche Auferstehung
  • Wiederkunft Christi.

In diesem Sinn ist Fundamentalismus eine Strömung, die zurück zu den Fundamenten des eigenen Glaubens finden und diese auch gegen andere gesellschaftliche Trends festhalten will.

„Fundamentalistisch“ im Alltag

Diese „Fundamentals“ werden jedoch nicht nur von Fundamentalisten geglaubt - im Gegenteil: wesentliche dieser Aussagen gehören durchaus zum Bekenntnis der evangelischen Kirche. Zur Charakterisierung eines religiösen Fundamentalismus muss noch etwas anderes hinzutreten, was weniger mit bestimmten inhaltlichen Aussagen zusammenhängt, sondern vielmehr eine bestimmte Art und Weise des Umgangs mit Alltagsfragen betrifft. Was dies ist, hat Hansjörg Hemminger treffend charakterisiert:1 Für religiöse Antworten auf Grundfragen des Lebens gilt, dass sie immer als absolute Wahrheiten erlebt werden, weil sie existenzielle Fragen betreffen. Woran glaube ich? Worauf gründe ich mein Leben? Zwar kann man anderen andere Entscheidungen zugestehen, aber nicht für sich selbst als ebenfalls gültig anerkennen. Diese Überzeugungen sind immer fundamental. Grundlegend anders verhält sich dies in Fragen des Alltags, der Ethik, der Politik und der Wissenschaften. Sie sind in der Regel nicht mit der gleichen absoluten Sicherheit zu beantworten, wie die religiösen Grundsatzentscheidungen. Sie sind oft mehrdeutig und situationsabhängig, es gibt nicht immer ein klares Richtig oder Falsch, sondern nur das kleinere oder größere Übel zu wählen. Fundamentalistisch nennt man eine Haltung, die die Sicherheit und Eindeutigkeit der religiösen Grundsatzfragen auch auf den Bereich der Alltagsfragen ausdehnen möchte.

In diesem Sinn ist Fundamentalismus immer reduktionistisch: aus der Fülle der Möglichkeiten wird nur eine einzige als möglich und richtig angesehen.

... typisch fundamentalistisch

Es gibt eine Reihe von Themen, die im christlichen Fundamentalismus immer wieder eine wichtige Rolle spielen und die nicht selten Konflitke mit der Umwelt provozieren. Die fünf wichtigsten sollen kurz vorgestellt werden.

  • Biblizismus - Irrtumslosigkeit der Schrift: Christliche Fundamentalisten sind tendenziell dem menschlichen Verstand gegenüber kritisch eingestellt. Darum soll er aus der Bibelinterpretation weitgehend herausgehalten werden. Möglich erscheint dies nur, wenn die Bibel vom ersten bis zum letzten Buchstaben als unmittelbar göttlich diktiertes Wort geglaubt wird, das in sich völlig irrtumsfrei ist. Denn wenn man zulassen müsste, dass der menschliche Verstand zwischen falschen und richtigen Aussagen der Bibel unterscheiden darf, erschiene dies vielen als ein Dammbruch, der jegliche Gewissheit hinwegspülen würde.
  • Kreationismus - Schöpfung der Welt in sieben Tagen: Zum Prüfstein der Bibeltreue wird der (erste) Schöpfungsbericht hochstilisiert und insbesondere gegen die Evolutionstheorie in Stellung gebracht. Mit z.T. erstaunlichen Anstrengungen wird versucht, wissenschaftliche Gegenbeweise zur Evolutionstheorie zu finden und das Siebentagewerk als historische Beschreibung zu untermauern.
  • Dispensationalismus - Heilsgeschichte in der Weltgeschichte: Vor allem in Amerika ist die von John Nelson Darby entwickelte Geschichtsschau des Dispensationalismus prägend geworden. Dabei wird die Weltgeschichte in eine Abfolge verschiedener Heilsbünde (Dispensations) aufgeteilt, die Gott mit den Menschen schliesst. Das Besondere an der gegenwärtigen Heilsordnung des Heiligen Geistes (= der Kirche) ist, dass sie in die Heilsordnung des Judentums eingefügt wurde. Letztere ist damit nicht aufgehoben, sondern nur ausgesetzt. Dadurch gelten alle endzeitlichen Verheißungen und apokalyptischen Erwartungen weiter und die Geschichte ercheint als ein kosmischer Kampfplatz. Nicht soziologische, ethnische oder wirtschaftliche Interessen und Konflikte sind demzufolge für die Kriege verantwortlich, sondern Gottes Plan sieht in der Endzeit solche Auseinandersetzungen vor.
  • Perfektionismus - Moral als Glaubenszeugnis: Weder die Intensität noch die Aufrichtigkeit eines persönlichen Glaubens lässt sich von außen beurteilen. Darum ist auch in christlichen Gemeinschaften oft die Versuchung groß, die Glaubensstärke an der Einhaltung äußerer Regeln ablesen zu wollen. Kombiniert mit der Tendenz, komplizierte politische oder ethische Fragen auf schlichte ja/nein-Entscheidungen zu reduzieren ergibt dies eine Frömmigkeit, die Gott zum inneren Polizisten degradiert und kleinbürgerliche Enge mit Gottesfürchtigkeit verwechselt.
  • Separatismus - Trennung von der Welt: Fundamentalismus neigt zum Schwarz-Weiss-Denken. Aus der Sicht fundamentalistischer Gruppen reduziert sich die Vielfalt der Gruppen, Parteien, Meinungen und Richtungen in der Welt auf zwei Bereiche: diejenigen, die auf dem Fundament sind (= die eigene Gemeinschaft) und diejenigen, die nicht auf dem Fundament sind (das sind alle anderen). Durch Abgrenzung, Trennug und Rückzug aus der verkommenen Welt versucht man dann eine kleine Schar der Getreuen zusammenzuhalten. Dass ein solcher Rückzug leicht sektiererischen Charakter annimmt, zeigt die Geschichte immer wieder.

Altes Europa und neue Welt

Zwar haben viele christlich-fundamentalistische Strömungen ihre Wurzeln in Europa, aber dennoch dort nie großen gesellschaftlichen Einfluss erfahren. In der Politik spielen sie faktisch keine Rolle, wie die Wahlerfahrungen der „Partei Bibeltreuer Christen“ oder der „Christlichen Mitte“ eindrücklich belegen. Darum haben fundamentalistische Überzeugungen hier vor allem in separatistischen Gruppierungen ihre Ausprägung erfahren.

Ganz anders ist die Situation in den USA gelagert. Dort bilden konservative Auffassungen an der Grenze zum Fundamentalismus eine starke gesellschaftliche Kraft, die über politische Mehrheiten auch an der Weltpolitik beteiligt ist.

Eine besondere Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass sich in den USA im Verlauf der ersten Weltkrieges christlich-fundamentalistische Auffassungen in einer einzigartigen Weise mit politisch rechts stehenden Positionen verbunden haben. An die Stelle eines christlich motivierten Pazifismus ist ein radikaler Patriotismus getreten. So sind amerikanische christliche Fundamentalisten in ihren politischen Anschauungen meistens für die Todesstrafe, gegen ökologische Auflagen, für den Irak-Krieg, gegen die Gleichberechtigung der Frauen und für amerikanische Rüstungsprojekte. Aus dieser Richtung kann man mitunter Aussagen vernehmen, Gott habe eine besondere Sendung für Amerika an die Welt. Amerikas Politik als Erlösung für die geknechtete Welt - das sind Phantasien, die das amerikanische Selbstbewusstsein zu streicheln vermögen - biblisch legitimiert sind sie aber nicht.

Ursachen und Lösungen

Das Problem des Fundamentalismus hängt maßgeblich mit der Komplziertheit der modernen pluralen Welt zusammen. Inmitten des Abbruchs von traditionellen Bindungen und Gewissheiten suchen Fundamentalisten Halt in der Reduktion der Komplexität. Die Sehnsucht nach Einfachheit und Klarheit, nach Sicherheit in den eigenen Entscheidungen ist für die Vorliebe nach einfachen Antworten verantwortlich. Zu einfache Antworten sind aber leider oft falsche Antworten.

Was kann man gegen die fundamentalistische Verkürzung des Lebens unternehmen? Die wichtigste Voraussetzung ist, zunächst die eigenen religiösen Fundamente ernst zu nehmen. Wer die Grundlagen seines Glaubens nicht mehr ernst nimmt, muss sich nicht wundern, wenn Fundamentalisten auf dieses Defizit aufmerksam machen.

Daneben gilt es, den Drang nach Ausgrenzung und Identitätsbestimmung durch Abgrenzung entgegenzuwirken. Christlicher Glaube verträgt lebendige Vielfalt. Für diese muss immer wieder geworben werden. Gewiss - das Leben ist einfacher und bequemer, wenn alle genauso denken wie ich - aber es ist auch viel ärmer.

 

Dr. Harald Lamprecht

ist Beauftragter für Weltanschauungs- und Sektenfragen der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens und Geschäftsführer des Evangelischen Bundes Sachsen.

Artikel-URL: https://www.confessio.de/artikel/183

Dieser Beitrag ist erschienen in Confessio 5/2004 ab Seite 08