Wanderer

Evangelikales Action-Coaching

„Der 4te Musketier“ zwischen Sport, Spiritualität und Sponsoring

Coaching ist ziemlich im Trend. Das eigene „volle Potenzial entdecken“, Schwachstellen überwinden, das Leben optimieren – mit diesen Versprechungen sind zahlreiche Anbieter auf dem Psycho- und Coachingmarkt unterwegs. In deren Managerschulungen sind sie schon seit Jahrzehnten geliebt und gefürchtet – nun gibt es sie auch im christlich-evangelikalen Kontext: Outdoor-Abenteuer, die an die physischen Grenzen führen und dabei Teamgeist und Charakter schulen sollen. Zu diesen Veranstaltungen gibt es bei den sogenannten Charakterwochenenden, die von der Organisation „Der 4te Musketier“ angeboten werden, allerdings auch eine Reihe Unterschiede. So geht es hier eher nicht darum, ein bestehendes Team zusammenzuschweißen, sondern um die individuelle Persönlichkeitsentwicklung bunt zusammengewürfelter Teilnehmer (1). Das Angebot richtet sich explizit und ausschließlich an Männer (2). Diese sollen dort erklärtermaßen ihre Männlichkeit neu entdecken. Das ist ein zweiter Unterschied zu den Manager-Teamcamps. Der dritte wesentliche Unterschied besteht in dem geistlichen Anspruch: Der Trip ist stark in einen geistlichen Rahmen eingebettet und soll auch ausdrücklich die Beziehung zu Gott beeinflussen. Die physischen und psychischen Grenzerfahrungen werden eingebettet in Predigten und Ansprachen, Aufgaben und Stillephasen, die zum Nachdenken über Gottes Plan für das eigene Leben anregen sollen.

Dass die Organisation „Der 4te Musketier“ hier besprochen wird, hat seinen Grund schlicht darin, dass Beratungsstellen für Weltanschauungsfragen in verschiedenen Landeskirchen um eine Einschätzung gebeten wurden – sowohl von begeisterten Fans der Organisation wie auch von Pfarrämtern, bei denen solch begeisterte Anhänger vorstellig wurden, um für die Organisation zu werben.

Sportmission & Kommunikation

Gegründet wurde die Bewegung „Der 4te Musketier“ von zwei niederländischen freikirchlichen Pastoren, die zuvor schon die Organisation „Athletes in Action“ gegründet haben bzw. ihr vorstehen und insofern bereits Erfahrungen mit Evangelisation durch Sport mitbringen. Henk Stoorvogel (40) studierte angewandte Kommunikationswissenschaften an der Universität Twente und absolvierte noch ein HBO-Studium (die niederländische Form der Fachhochschule) in Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Heverlee, Löwen. Im Internet präsentiert er sich als Coach für Sprecher (3). Außerdem ist er Prediger bei der Vrije Evangelisatie Zwolle. Auch sein Kollege Theo van den Heuvel (39) hat seinen beruflichen Hintergrund primär in den Kommunikationswissenschaften und ein berufsbegleitendes Theologiestudium absolviert. Seit 2011 ist er bei der Stadstkerk in Groningen angestellt, sei 2013 als Pastor. Seine Ehefrau ist als Psychologin tätig.(4)

Charakterwochenenden

Zentrales Angebot von „Der 4te Musketier“ sind zweimal jährlich, jeweils im Frühjahr und im Herbst, durchgeführte „Charakterwochenenden“. Was dort im Detail passiert ist geheim. Die damit verbundene Unsicherheit und der Kontrollverlust sind wesentlicher Bestandteil des „Abenteuers“ und des therapeutischen Konzepts der Unternehmung. Aus den Angaben der Internetseite, Erfahrungsberichten und dem Buch der beiden Begründer lassen sich dann doch einige Informationen zusammentragen. Gleichwohl bleibt ein Rest an Unsicherheit über die Details bestehen.

Beworben wird das Charakterwochenende als „ultimativer Charaktertest“ und als „tiefe, reinigende Erfahrung – mit anderen Männern und mit Gott“. Es sei eine „lebensbereichernde Erfahrung“, die Herzen reinigt, Beziehungen herstellt, Freundschaften festigt.

In der Praxis ist es ein 72-Stunden Outdoor-Trip, bei dem bis zu 300 Teilnehmer in Teams von 8-10 Männern mit ihrem Übernachtungsgepäck (15 kg) viele Kilometer durch möglichst entlegene Natur wandern und „den Kampf aufnehmen mit den Elementen, mit dir selbst und mit Gott“.(5) Durch körperliche Erfahrungen sollen geistliche Lektionen durchlebt und verinnerlicht werden. Streckenverlauf und was der Tag bringen wird sind nur den Teamleitern bekannt. Es ist also eine Wanderung ins Ungewisse. Dazu kommen an verschiedenen Stellen Andachten und Bibelarbeiten sowie persönliche Aufgaben, über die auf dem folgenden Wegabschnitt nachgedacht oder mit einem Partner gesprochen werden kann. Dafür soll eine Bibel immer am Mann getragen werden. Uhren und Handys sind hingegen abzugeben bzw. kommen in ein Notfallpaket. Außenkommunikation ist an diesem Wochenende nicht gewünscht.

Unterwegs mit David & Jonathan

In dem Buch „Der 4te Musketier“ werden zahlreiche biblische Erzählungen aufgegriffen und einer psychologisierenden Interpretation zugeführt. So wird z.B. bei David ein Vaterkonflikt herausgearbeitet, da er als jüngster Sohn bei Samuels Besuch nicht mit vorgestellt wurde. Dies wird dann zunächst auf eine allgemeinere Ebene gehoben („Viele Männer spüren einen Riss in ihrem Leben. Er wurde ihnen zugefügt durch den eigenen Vater.“) und als Frage personalisiert („Wie lautet deine Geschichte? Wir alle haben eine Geschichte.“ […] „Wir sind eine Geschichte. Wir tragen unsere Geschichte mit uns herum wie eine Schnecke ihr Haus.“ […] „Wie gehst du mit einem solchen Riss in deiner Geschichte um?“) (6)

Elternkonflikte werden auch bei Jesus ausgemacht, wenn er als 12jähriger in den Tempel ausbüxt und bei der Hochzeit zu Kana sich von seiner Mutter emanzipiert. Im Kapitel zur Freundschaft geht es um Jonatan, Entschlossenheit und Mut werden anhand von den Kämpfen im Richterbuch nahegebracht (Gideon), Perfektion mit Nimrod, Hingabe mit den Jüngern Jesu. Auch an anderen Beispielgeschichten ist in dem Buch kein Mangel. Immer geht es dann aber um die persönliche Ebene des Teilnehmers und wie diese herausgeschälten Prinzipien in dessen Leben Anwendung finden können.

Steine und Flüsse

Einige Berichte von Charakterwochenendteilnehmern im Buch werfen Schlaglichter auf die dort verwendeten Methoden und Dynamiken. Im Kap. 7 „Gewaltig werden“ geht es darum, dass es Gottes Plan sei, „dich zu einem Musketier auszubilden – zu einem Elitesoldaten des Königs, der aus der Dienstbarkeit heraus gibt, Verantwortung übernimmt und sich aufopfert.“ Drei Negativ-Typen von Christen werden charakterisiert, die nicht über die Phase ihrer Bekehrung hinauswachsen seien und „geistliches Jo-Jo“ darstellen (von Jesus weg - zu ihm hin - von ihm weg…). Dem Goldfisch-Typ fehle es an Radikalität, er schwimmt die gewohnten Runden im Glas. Andere „bleiben in der ersten Phase der Radikalität stecken“, sie werden Banksitzer, die Predigten hören, aber nicht umsetzen. Die „ewigen Talente“ scheuen die Verbindlichkeit. Demgegenüber wird gefragt: „Gibt es noch Musketiere? Gott sucht Männer, die alles für ihn geben wollen. […] Findet Gott genügend solcher Männer? Männer, die ein Musketier sein wollen?“ […] „Die Frage, die daher an dich geht, lautet: Hast du das Herz? Hast du das Herz, zu dienen, zu geben, Verantwortung zu übernehmen und dich selbst aufzuopfern? Für Gott, den König?“ Auf diese Suggestivfragen folgen drastische Beispielgeschichten von Menschen, die im Missionsfeld oder im Bürgerkrieg in Ruanda in aufopfernder Weise bis zu ihrem Tod für ihre Mission eingestanden sind. Die Predigt über die Notwendigkeit von Opferbereitschaft führt zu der Frage: „Welchen Stein darf Gott auf dein Herz legen“? Dazu soll dann jeder Teilnehmer einen Stein suchen, der die Last symbolisiert, die Gott ihm mitgeben darf. Mit diesem Stein bekletterten sie dann einen steilen Berg. „Männer fanden an diesem Berg ihren Auftrag, ihre Bestimmung, ihre Vision.“ Einer entschloss sich, ein Pflegekind aufzunehmen, ein anderer, seine Bequemlichkeit aufzugeben usw.

Eine andere Naturerfahrung bietet das „Ringen mit Gott“ am Beispiel Jakobs. Praktisch bedeutet dies, dass in einem Fluss im hüft- bis brusthohen Wasser gegen die Strömung angelaufen werden soll. „Schau mal, wie weit du kommst“.

Weitere Themen des Buches – und damit vermutlich auch der Charakterwochenenden – behandeln u.a. das Verhältnis zu den Ehefrauen anhand Eph. 5,21-33, den Kampf gegen materielle und sexuelle Versuchungen, die befreiende Kraft von Vergebung. Beim Abschnitt über den Umgang mit Geld geht es ausschließlich um die Bereitschaft zu Spenden.

Wer das Charakterwochenende absolviert hat, erhält ein rotes T-Shirt mit einer großen 4 und kann sich als Musketier bezeichnen. Wie den Texten zu entnehmen ist, gibt es einige Männer, die mehrfach an den Charakterwochenenden teilnehmen. Dazwischen gibt es Treffen der dort entstandenen Teams. Dabei wird empfohlen, das Buch durchzuarbeiten. Material zur Unterstützung mit konkreten Fragen für die Gruppenarbeiten steht dazu auf der Webseite von „Der 4te Musketier“.

Muskathlon

Neben den Charakterwochenenden ist das zweite große regelmäßige Event der Organisation der sogenannte „Muskathlon“. Dabei handelt es sich um eine besondere Form des Spendenlaufes. Vorwiegend in Ländern, in denen Armut herrscht, wird ein Sportevent organisiert. Daran können Männer und Frauen teilnehmen, die dort entweder einen halben (21) oder ganzen Marathon (42km) laufen oder 63km wandern oder 500 bzw. 120km Fahrrad fahren. Aber es gibt noch eine Besonderheit: Jeder Teilnehmende ist gehalten, im Vorfeld ggf. mit einem Spenderkreis ein Startgeld von 10 000 Euro zu sammeln, das (je nach Sponsoringpartner und Wahl der Teilnehmenden) an eine der folgenden Organisationen gespendet wird: Open Doors (Hilfswerk für verfolgte Christen), Compassion (Kinderhilfswerk, das direkte Patenschaften für Kinder in Ländern Afrikas, Lateinamerikas und Asiens vermittelt) oder International Justice Mission (organisiert Rechtsbeistand gegen Menschenrechtsverletzungen in Schwellenländern). Bei den bisher 31 organisierten Muskathlons wurden insgesamt über 16 Mio. Euro Spendengelder für diese Organisationen gesammelt.

Würdigung

Das Anliegen von „Der 4te Musketier“ ist zunächst grundsätzlich positiv zu bewerten. Es geht darum, Männer in ihrem Glauben und ihrer Gottesbeziehung neu zu begeistern, dies dann für die Gemeinde und die Gemeinschaft in der Familie fruchtbar zu machen, aber auch die weltweite Gerechtigkeit mit in den Blick zu nehmen. Insofern steht die 4 auf den T-Shirts auch für diese 4 Begriffe: Gott - Gemeinde - Gemeinschaft - Gerechtigkeit. Das Angebot richtet sich an Menschen, die bereits Christen sind, aber zu engagierterer Teilnahme motiviert werden sollen. Es ist also eine die moderne Erlebnisgesellschaft angepasste Zeltmission im Zweimannzelt. Die Methodik greift einen gegenwärtig beliebten Mix aus Spiritualität, Körperkult (Sport) und Theologie auf, der sich z.B. auch beim Yoga bestens verkauft. Demgegenüber bleibt es aber nicht im Ego stecken, sondern zählt den Einsatz für weltweite Gerechtigkeit zu den Grundprinzipien.

Bedenken

Das Angebot vermischt Abenteuerurlaub, psychotherapeutische Selbsthilfegruppe und theologische Weiterbildung. Für jede dieser Komponenten für sich genommen sind die Vorab-Informationen kaum ausreichend, um eine Teilnahme seriös verantworten zu können.

a) Beim Reiseunternehmen würde man zwar selten so die Katze im Sack kaufen, aber darum geht es ja auch nicht in erster Linie und man bucht hier bewusst das Abenteuer.

b) Problematischer sind die laienpsychologischen Elemente. Erklärtes Ziel ist es, an einem Wochenende eine Neuorientierung in der bisherigen Lebensordnung und im Wertegefüge auszulösen, die eine nachhaltige Veränderung bewirkt. So etwas passiert nicht einfach so. Das braucht eine Erschütterung des Bisherigen. Das wird erreicht unter Abschottung von der Außenwelt durch bewusstes Erzeugen körperlicher und psychischer Grenzerfahrungen in Kombination emotionaler Ansprache, religiösen Erwartungshaltungen und gruppendynamischen Prozessen. Dieses Setting enthält von der Methodik her starkes psychomanipulatives Potenzial. Wie und wozu solches genutzt wird, hängt von den handelnden Personen ab. Ob die Teilnehmer sich dessen bewusst sind, ist ebenso unklar, wie die therapeutische Ausbildung der gruppenbegleitenden Trainer. Können sie auch im Krisenfall auffangen, was sie gegebenenfalls auslösen? Möchte jeder, der sich auf Abenteuersuche begibt, einen (ggf. suggerierten) Vaterkonflikt bearbeiten?

c) Theologisch sieht es ähnlich aus: Was wird den Menschen in ihren einsamen 10er-gruppen in karger Landschaft vermittelt? Was sind die Inhalte der Bibelarbeiten und Ansprachen? Das Buch „Der 4te Musketier“ gibt einen Eindruck von dem, was die Gründer in den Niederlanden damit verbunden haben. Das ist im wesentlichen landeskirchlich akzeptable evangelikale Mainstream-Theologie. Nicht gerade historisch-kritisch, aber ohne bedeutende fundamentalistische Engführungen. Wie das freilich die diversen freikirchlichen Mitarbeiter in Deutschland und der Schweiz umsetzen oder mit ihren persönlichen Überzeugungen füllen, ist nicht bekannt. Welche Anteile gewinnen z.B. manche problematische Aspekte evangelikal geprägter Theologie? Wie wahrscheinlich ist es, dass bestimmte Schwierigkeiten im Leben auf das Wirken dämonischer Einflüsse zurückgeführt werden? Das ist vorab schwer einzuschätzen und Teilnehmer werden angehalten, keine Details zu berichten.

Die Bewegung ist grundlegend auf polarisierende Rollenbilder zwischen Männern und Frauen ausgerichtet. Das steht in Spannung zu allen Ansätzen, die demgegenüber die Vielfalt der göttlichen Begabungen betonen, die sich nicht immer in starre Klischees traditioneller Rollenbilder einfügen.

Der 4te Musketier bietet einen christlichen Selbstfindungstrip, der die Komfortzone des Wohnzimmersessels verlässt, um in der Ausnahmesituation Gotteserfahrungen und Gemeinschaftserleben zu provozieren. Wer sich darauf einlässt, sollte zu den Veranstaltern großes Vertrauen aufbringen.

 

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Anmerkungen

1) Es ist möglich, ein Team anzumelden, aber das Programm ist nicht speziell darauf ausgerichtet.

2) Für Frauen wird auf auf das „Life Challenger Weekend“ von Arise verwiesen, das aber ein modifiziertes Konzept verfolgt und weniger auf mentale und körperliche Herausforderung ausgerichtet ist.

3) https://www.henkstoorvogel.nl

4) https://www.destadskerk.nl/voorgangers/

5) https://der4temusketier.de/charakterwochenende/anmelden/61-deutschland-2019

6) Stoorvogel, Henk; Heuvel, Theo. „Der vierte Musketier.“, Kap. 1

 

Dr. Harald Lamprecht

ist Beauftragter für Weltanschauungs- und Sektenfragen der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens und Geschäftsführer des Evangelischen Bundes Sachsen.

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Dieser Beitrag ist erschienen in Confessio 3/2019 ab Seite 16