Glaube und Gesundheit
Menschen sind psychosoziale Wesen. Neben den rein körperlichen Funktionen spielen Glaubensüberzeugungen eine mitunter entscheidende Rolle in Heilungsprozessen. Was ist Gesundheit? Woher kommt Krankheit? Eine Folge meiner Lebensweise? Ein Anschlag des Teufels? Eine Strafe Gottes? Glaube kann in Krankheit und Leid eine große Ressource sein. Zugleich führen die Erfolge der Medizin auch zu starken Erwartungen. Wie gehen wir mit den Grenzen der Medizin um? Mit diesen Fragen befasste sich das 6. Ökumenische Pastoralkolleg des Evangelischen Bundes Sachsen in Kooperation mit dem Bistum Dresden-Meißen.
Salotugenese
Prof. Dr. Christoph Jacobs ist Priester, klinischer Psychologe und Lehrstuhlinhaber für Pastoralpsychologie und Pastoralsoziologie in Paderborn. Er beschäftigt sich mit der Frage, wie Menschen „heil“ werden. Was bedeutet ein „gelingendes Leben“? Beim Pastoralkolleg wies er darauf hin, dass die Perspektive bei „Gesundheit“ oft auf das rein Körperliche verkürzt wird. Aber daneben spielen seelische, soziale, organisationale wie ökonomische Fragen ebenso eine Rolle. Während die „Pathogenese“ die Entstehung von Krankheiten untersucht, fragt die „Salotugenese“ nach den Bedingungen für Gesundheit. Das ist nicht dasselbe. Aus christlicher Sicht schließt sie die Hinwendung zur Transzendenz mit ein.
Gesundheitserreger
Während die Pathogenese eine Expertenwissenschaft ist, geht es bei der Salotugenese vor allem um eine individuelle Kompetenz: Was macht MICH gesund? Was sind meine „Gesundheitserreger“ (leiblich, seelisch, geistig, sozial, systemisch, spirituell)? Die Resilienzforschung untersucht, warum manche Menschen auch extrem schwierige äußere Bedingungen gut und gesund überstehen. Entscheidend ist dabei weniger das absolute Maß an Stress, sondern das individuelle Verhältnis von Stress und passenden Ressourcen zu dessen Verarbeitung. Menschen, die liebevolle Bezugspersonen haben, selbst Verantwortung übernehme und soziale Kompetenz entwickeln, kommen besser auch mit widrigen Umständen klar.
Fürsorge als Ressource
Nicht zu unterschätzen ist die Kraft, die aus einer sinnvollen Tätigkeit für andere fließt. Es braucht eine Balance von Fürsorge und Selbstsorge. Religiöser Glaube kann mit bestimmten Glaubenssätzen als Stressor wirken – aber (mit anderen Glaubenssätzen) auch eine wertvolle Ressource sein. Lebensqualität entsteht, wenn (und solange) die Ressourcen dauerhaft größer sind als die Belastungen. Glaube wirkt nicht magisch, aber er ist eine der zentralsten Ressourcen für Glaubende. Prof. Jacobs unterschied dabei 5 Ebenen: 1. Die Glaubensgemeinschaft kann gutes Verhalten befördern, 2. sie kann positive soziale Beziehungen vermitteln, 3. eine kognitiv-emotionale Stimmigkeit der Welt ermöglichen, 4. Methoden zur Bewältigung von Belastungen bereitstellen (Psalmen beten, Gottvertrauen) und 5. das Selbstwertgefühl verbessern (ich bin von Gott geliebt).
Körpertheologie
In Bochum lehrt an der Theologischen Fakultät im Fach Neues Testament Prof. Dr. Peter Wick. Er hat sich intensiv mit biblischer Anthropologie befasst und dabei erkannt, dass „das Fleisch“, die Körperlichkeit und Materialität – einschließlich seiner Hinfälligkeit – im Alten Testament die Grundlage jeglicher Auffassung vom Menschen darstellt. Darauf baut auch das Neue Testament auf. Im Grunde ist auch im entstehenden Christentum die Denktradition positiv zum Körper eingestellt: Der Körper ist Grundlage des Heils. Auch das griechische Denken war selbst nicht körperfeindlich – wohl aber der Neuplatonismus. Für Platon war der Körper nur das Gefängnis der Seele. Erlösung bedeutete die Befreiung aus diesem Gefängnis. Diese Auffassungen haben die weitere Christentumsgeschichte mehr geprägt, als es die biblischen Schriften eigentlich erlauben. In der Reformation hat besonders der reformierte Flügel der Leiblichkeit einen weiteren Bedeutungsverlust zugefügt (Keine Realpräsenz im Abendmahl, nur Erinnerung und Gedächtnis). Weiter ging es in Pietismus und Aufklärung mit der Aufwertung des Innerlichen (Herz, Verstand) zulasten der Leiblichkeit.
Übersetzungen tilgen Leiblichkeit
Eindrücklich ist, wie in Bibelübersetzungen der Leib immer mehr verschwindet. Heißt es in Lukas 11,27 bei Luther noch: „Selig ist der [Mutter-]Leib, der dich getragen hat, und die Brüste, an denen du gesogen hast.“ so wird daraus in „Hoffnung für Alle“: „Wie glücklich kann sich die Frau schätzen, die dich geboren und gestillt hat. “ Der ganze Leib ist zugunsten des Resultats verschwunden. In der „Gute Nachricht“-Übersetzung ist dann auch noch das Stillen weg: „Die Frau darf sich freuen, die dich geboren und aufgezogen hat.“ In ähnlicher Weise verschwinden permanent Körperteile in den Übersetzungen. Aus der Ermahnung von Röm 12.1, „dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei“ (Lut 2017) wird „Stellt euer ganzes Leben Gott zur Verfügung!“ (GNB).
Schöpfung ist leiblich
Demgegenüber gilt es, sich bewusst zu machen, dass der Körper für die Bibel zentral ist. Schon bei der Schöpfung in Gen. 1,26 wird der Mensch zum Bild Gottes geschaffen. „Bild“ bedeutet „Standbild, Götterbild“ – es ist aus Materie geformt und stellt die Gottheit körperhaft dar. Die Menschen sind die körperliche Repräsentation Gottes auf der Erde. Die ganze Schöpfung ist körperlich, sie besteht aus „Bodies“. Demgegenüber ist der Schöpfer der große No-Body.
Körper ist immer ein abgegrenzter Raum – also definitionsmäßig mit Grenzen verbunden. Ein Mensch ist getrennt von einem Baum, einem Tier, einem anderen Menschen. Die Haut als größtes Organ ist ein Abgrenzungsorgan. Wahrnehmung des Körpers ist somit immer die Wahrnehmung der Trennung. Aber nur so können wir in Beziehungen treten. Beziehungen brauchen zunächst Distanzierung. Wo alles miteinander verschmolzen ist, gibt es keine Beziehung. Menschen sind durch ihre Körper aber voneinander getrennt. Insofern ist es sinnvoll, danach zu fragen, wie diese Grenzen überschritten werden können. Die christliche Mystik ist Begegnungsmystik – keine Verschmelzungsmystik. Das unterscheidet sie von der Esoterik, in der alles verschmilzt und ineinander aufgeht. Körpertheologie verlangt nach Respekt: vor den eigenen Grenzen und denen der anderen. Nur in solcher Haltung lassen sich diese Grenzen auch überbrücken, meinte Peter Wick.
Harald Lamprecht
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