Zirkusteufel

Anton Szandor LaVey und seine Church of Satan

Zur Walpurgisnacht 1966 gründete Anton Szandor LaVey in Kalifornien die „Church of Satan“ – trotz mancher Wirren eine der bekanntesten satanischen Organisationen der Gegenwart.

LaVeyJahrmarkt und Okkultzirkel

LaVey erlebte als jugendlicher den Zweiten Weltkrieg mit seinen Grausamkeiten. Nach seinem vorzeitigen Abgang von der Mittelschule war er Zirkusdompteur und Musiker. Er dressierte Raubkatzen und orgelte auf dem Jahrmarkt, vereinzelt auch in Kirchen. Nach seiner Hochzeit wurde er Polizeifotograf in San Francisco und musste zahllose Opfer von Gewaltverbrechen fotografieren. „Ich fragte mich: Wo ist Gott? Ich begann, die frömmlerische Haltung der Menschen gegenüber der Gewalt zu verachten, die immer wieder sagten: Es ist Gottes Wille.“(1)

In seiner Freizeit studierte er eifrig okkulte Themen, beschäftigte sich mit Werwölfen, Vampiren, Geistererscheinungen und magischen Zeremonien. Bald sammelte er um sich einen Club von Okkultismusfreunden, mit dem schwarze Rituale praktiziert wurden. Als LaVey sich den Kopf kahlrasierte, entstand aus diesem Kreis die Church of Satan – die Kirche Satans.

Satanismus telegen

„Das neue Aussehen des Meisters entsprach angeblich altem satanistischen Brauch. In jedem Fall aber entsprach mit seinem kahlen Kopf und seinen dunkeln ,Schlitzaugen‘ und seinem Bärtchen ganz dem Bild, das man sich von einem Teufelsknecht macht. Als Kleidung bevorzugte er demonstrativ den schwarzen Kragen mit weissem Rand des katholischen Priesters. Vom Fuß bis zum Hals wirkte er wie ein Priester, darüber wie der Teufel. Genau auf diese Mischung hatte er es abgesehen. Bewusst nannte er seine neue Organisation ,Kirche‘. Das bringt in den USA nicht nur steuerliche Vorteile. Er gewann damit auch soziale Privilegien. Als Kirche konnte die Fangemeinde von LaVey mit ihren Ritualen christliche Zeremonien ersetzen. […] Manche dieser Riten, öffentlich gefeiert, erregten gewaltiges Aufsehen in der nationalen und internationalen Presse. Eine Aufnahme aus einem Hochzeitsritual zeigte eine nackte Frau, halb bedeckt mit einem Leopardenfell, die LaVey während des Rituals als Altar diente. Das Bild wurde in vielen Zeitschriften publiziert und machte die Kirche Satans zum Presseereignis. LaVey genoss seine Berühmtheit. Der Presse und dem Wunsch der geängstigen Massen zuliebe stürzte er sich ab und zu bei Ritualen in eine ausgesprochene Teufelskluft und setzte sich Masken und Hörner auf. Dies tat er, der nicht an das personifizierte Böse glaubte, weil ,Menschen Rituale mit Symbolen … brauchen‘ (a.a.O. S. 15). Durch seine Freude am schwarzen Ritual und satanischer Symbolik wurde LaVey auch zum Berater für Filmemacher mit quasiokkulten Ambitionen. In manchen Filmen, die den Teufel beschworen oder okkulte Riten einschlossen, war LaVey miteinbezogen. l969 spielte LaVey im Film des von Aleister Crowley inspirierten Kenneth Anger ,Invokation of My Demon Brother‘ den Teufel. In der Satanskirche wurde der Satanismus telegen. Film und Leben reichten sich die Hände.“(2)

Wirkungen

Sein Hauptwerk, die „Satanische Bibel“ ist zu einem Bestseller geworden und hat – oft allein schon aufgrund des Titels – einen großen Einfluss auf die satanisch interessierte Jugend.

1957 spaltete sich unter Michael A. Aquino der „Temple of Seth“ von der Satanskirche ab. Im Unterschied zu LaVey glaubt Aquino an die personale Existenz Satans, nannte ihn aber Seth. Andere Ableger sind der „Black Order of the Trapezoid“ und der „Schwatze Orden von Lucifer“, die LaVeys Satanismus im deutschsprachigen Bereich verbreiten wollen.

Harald Lamprecht, 9/2001

1) LaVey: Die Satanische Bibel, 16.

2) G. Schmid: Die Satanskirche. Ihre Wurzeln, ihr Erfolg, ihre Tragik (www.relinfo.ch/satanismus/cos.html)


Die neun satanischen Grundsätze von A. S. LaVey

  1. Satan bedeutet Sinnesfreude anstatt Abstinenz!
  2. Satan bedeutet Lebenskraft anstatt Hirngespinste!
  3. Satan bedeutet unverfälschte Weisheit anstatt heuchlerischen Selbstbetrug!
  4. Satan bedeutet Güte gegenüber denjenigen, die sie verdienen, anstatt Verschwendung von Liebe an Undankbare!
  5. Satan bedeutet Rache anstatt Hinhalten der anderen Wange!
  6. Satan bedeutet Verantwortung für die Verantwortungsbewussten anstatt Fürsorge für psychische Vampire!
  7. Satan bedeutet, dass der Mensch lediglich ein Tier unter anderen Tieren ist, manchmal besser, häufig jedoch schlechter als die Vierbeiner, da er aufgrund seiner „göttlichen geistigen und intellektuellen Entwicklung“ zum bösartigsten aller Tiere geworden ist.
  8. Satan bedeutet alle sogenannten Sünden, denn sie alle führen zu psychischer, geistiger oder emotionaler Erfüllung!
  9. Satan ist der beste Freund, den die Kirche jemals gehabt hat, denn er hat sie die ganzen Jahre über am Leben erhalten!
Dr. Harald Lamprecht

ist Beauftragter für Weltanschauungs- und Sektenfragen der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens und Geschäftsführer des Evangelischen Bundes Sachsen.

Artikel-URL: https://www.confessio.de/artikel/102

Dieser Beitrag ist erschienen in Confessio Themenheft 01 ab Seite 24