Kampftiere gegen wahnhafte Eliten

Ivo Sasek schult Kämpfer für den apokalyptischen Krieg

„Organische Christus-Generation“ (OCG), „Klagemauer-TV“ (kla.tv), „Stimme & Gegenstimme“ (S&G), „Anti-Zensur-Koalition“ (AZK) – die diversen Organisationen um den Schweizer Prediger Ivo Sasek sind unübersichtlich und vielfältig geworden. 

In den letzten Jahrzehnten hat sich sein Familienunternehmen von einer ehemals christlich-fundamentalistischen Gruppe zu einer treibenden Kraft in der Verbreitung von Verschwörungsideologien entwickelt. Ivo Sasek ist heute Führer einer Organisation, die mit erheblicher Hingabe, Spendenbereitschaft und hohem Organisationsgrad erstaunen kann. Sie hat ihre Ausrichtung immer mehr von einer religiösen zu einer politischen Zielsetzung verschoben. Das ist brisant, denn der religiöse Führungsanspruch wird auf die politischen Ziele übertragen. Solches hat sich in der Geschichte stets als hoch gefährliche Mischung herausgestellt.

Außenseiter-Elite

Ivo Sasek hat schon immer in seiner Organisation Menschen versammelt, die sich in einer Außenseiterposition zur Mehrheitsgesellschaft befunden haben. Dieses ausgegrenzte elitäre Bewusstsein gehört zu dem grundlegenden Lebensgefühl der meisten seiner Anhänger. Für die Kernklientel ist dies ursprünglich (und bis heute) religiös bestimmt und durch den Gegensatz zu anderen christlichen Kirchen und Gemeinden gekennzeichnet. Ivo Sasek hatte gepredigt, dass wahre Christusnachfolge sich in einem sündlosen Leben zeige und alle anderen Kirchen und Freikirchen nur zu lasch und zu faul seien, diese Konsequenzen zu ergreifen. So bilde die OCG einen erneuerten Organismus aus Zellen (=Familien), in denen diese Prinzipien gelebt und jede Sünde ausgetilgt würde. Seine Erziehungsratschläge, zu denen die körperliche Züchtigung von Kindern elementar dazu gehört, hatten auf die oft kinderreichen Familien durchaus Anziehungskraft. Allerdings haben sie oft einen hohen Preis dafür bezahlt: Ihre weitgehende gesellschaftliche Isolation. Aus vielen Freikirchen wurden OCG-Anhänger ausgeschlossen, weil sie permanent die Gemeinde gespalten haben. Gute Freunde außerhalb der engen OCG-Gemeinschaft sind selten. Das hat seine Ursache darin, dass – typisch für sektenhafte Gemeinschaften – ein Gegensatz aufgemacht wird: „drinnen“ – in der geretteten Gemeinschaft, und „draußen“ – in der bösen gefallenen Welt. Da ist es logisch, dass freundschaftliche nicht-missionarische Kontakte zur bösen Welt argwöhnisch beäugt werden. Auch umgekehrt ist es selten, dass Personen außerhalb der OCG die Geduld aufbringen, mit solcherart fanatisierten Menschen dauerhaft freundschaftliche Kontakte zu pflegen, wenn es nicht anderswo eine verbindende Ebene gibt. 

Diese andere Ebene hat sich nun im Rahmen der veränderten Ausrichtung zu Verschwörungsideologien ergeben. Im Bereich der Kirchen und Freikirchen sind inzwischen die Fronten weitgehend geklärt. Darum konnte die OCG in ihrem ursprünglichen Kernbereich des charismatisch beeinflussten christlichen Pietismus kaum noch Wirkung entfalten. 

Das satanische Komplott

Im Jahr 2001 war Ivo Sasek wegen des (aus seinen Schriften begründeten) Vorwurfs, seine Kinder zu schlagen, kurze Zeit in Untersuchungshaft. Dies war für ihn offenbar ein extrem einschneidendes Erlebnis, das sein Vertrauen in die gesellschaftlichen Strukturen zerstört hat. Auch Jahrzehnte später verweist er in Predigten immer mal wieder darauf. Jegliche Kritik an seinem Werk und seinem überzogenen Führungsanspruch, die Flops seiner langatmigen Filme im Kino, die negative Presse – alles interpretiert er fortan als ein Komplott aus Staat, Kirche und Medien, die sich untereinander verschworen hätten, um sein Werk zu zerstören. Da dieses Werk aus seiner Sicht ein Werk Gottes ist, müssen diejenigen, die sich so gegen Gott stellen, offenbar satanisch gelenkt und gesteuert sein. 

Holocaustleugner und Scientologen

Diese neuere Konfliktlinie einer Gegnerschaft zum Staat und seinen Institutionen veränderte die OCG nachhaltig, denn sie brachte Ivo Sasek in Kontakt zu anderen gesellschaftlichen Außenseitern: Verschwörungsideologen, Holocaustleugner, Impfgegner, Scientologen, Antisemiten. Hier geschah etwas Entscheidendes: Eigentlich gibt es in der Bibel und in der christlichen Ethik genügend klare Hinweise, sich von Lüge, haltlosen Verdächtigungen, medizinischen Quacksalbern, Betrügern und Menschen, die systematischen Massenmord verharmlosen, fernzuhalten. Für Ivo Sasek wirkte aber in dieser Situation die empfundene Resonanz aus der gleichen Gegnerschaft zur etablierten Gesellschaft stärker. So konnte er – der mal Sündlosigkeit als Ziel gepredigt hatte – ohne jede Distanzierung oder Missbilligung all diese Leute zu seinen Anti-Zensur-Konferenzen einladen, die ab 2007 organisiert wurden, und ihnen dort ein Podium zur Verbreitung ihrer Ideen liefern.

Ein letzter Rest Unbehagen, sich mit diesen gemein zu machen, drückt sich noch in etwas hilflosen Neutralitätsklauseln aus. Man wolle ja lediglich völlig wertungsfrei unterdrückten Stimmen Gehör verschaffen und identifiziere sich nicht damit. Den Wahrheitsgehalt müsse jeder Zuhörer bzw. Leser selbst prüfen. Es ist eine absurde Idee, man könne sich mit solch einem Vorspruch aus der Verantwortung für Auswahl und Präsentation der Referenten und Themen stehlen. Faktisch ist diese überhaupt nicht ausgewogen, sondern auf ihre Weise höchst einseitig. Dass diese Stimmen in den sonstigen Medien kaum vorkommen, weil deren Wahrheitsgehalt extrem lückenhaft ist, scheint ihm nicht in den Sinn zu kommen. Die Idee vom satanischen Komplott ist zu dominant. Was die Satanisten unterdrücken, dass müsse doch gut und wertvoll sein – so die verdrehte Logik dahinter.

„Heilige“ und „Gerechte“

In diesem Zusammenhang wurden immer mehr Personen angesprochen und in die neuen Arbeitszweige integriert, die nicht aus einer christlichen Sozialisation stammen, sondern im Rahmen von Verschwörungserzählungen, rechtsextremer Überzeugungen, medizinischer Spezialauffassungen etc. zu Außenseitern der Gesellschaft wurden. Im OCG-internen Sprachgebrauch sind das die „Gerechten“, weil sie sich – so die Denkweise – für eine gerechtere Welt einsetzen, die nicht mehr von korrupten machtbewussten miteinander verschworenen Eliten beherrscht wird. Der alte Kern der (ehemals) christlichen OCG-Anhänger sind demgegenüber die „Heiligen“. In der kommenden neuen Welt, deren Anbruch die OCG aktiv herbeiführen möchte, sollen diese dann mit und unter Christus herrschen. Entscheidend dafür ist ein theologischer Paradigmenwechsel, der im Jahr 2013 vorgenommen wurde. Er betrifft die Lehre von der Wiederkunft Christi. Nach klassischer christlicher Auffassung ist dies ein zukünftiges Geschehen, mit dem das Ende der irdischen Zeiten und Herrschaften und das göttliche Gericht verbunden ist. Für Sasek und seine Anhänger ist das aber kein zukünftiges Ereignis mehr, sondern nun wird gelehrt: Christus kommt in seinen Heiligen und Gerechten. 

Das Ziel

Die Mission, mit der sich Ivo Sasek betraut sieht, ist folglich nichts Geringeres, als die Herrschaft Gottes auf dieser Erde zu errichten – und natürlich auch stellvertretend auszuüben. Der theologische Herrschaftsanspruch Christi über die Welt wird hier umgemünzt in einen politischen Weltherrschaftsanspruch für die OCG und ihre Anhänger. Alle Strukturen in der OCG und den angegliederten Organisationen AZK, S&G und bei Kla.tv dienen letztlich diesem Ziel, einen solchen Herrschaftsapparat zu errichten und die globale Verschwörungserzählung ist das Mittel, jegliche bisherigen Machtstrukturen zu delegitimieren. Außerdem lassen sich damit deutlich besser immer neue Mitstreiter rekrutieren als aus dem doch sehr begrenzten Pool christlicher Fundamentalisten.

Demokratie?

Ivo Saseks Herrschaftssystem hat mit Demokratie und demokratischen Werten nichts gemein. Es ist faktisch eine Diktatur und er der Diktator. Die Organisationsstruktur der Werke ist auf Hierarchie und Kontrolle ausgerichtet. Diverse Grafiken in internen Schulungsmaterialien zeigen die jeweilige Entwicklungs- bzw. Befehlspyramide. Da ist klar: Die „Heiligen“ der OCG stehen an der Spitze, zu der sich die „Gerechten“ durch eifrige Arbeit und Einordnung in die „Bemessung“ hocharbeiten können. „Bemessung“ ist dabei ein Kernbegriff der OCG und meint eine Praxis, in der jedes Mitglied sich regelmäßig in Gruppensitzungen von seinen geistlichen Führen „bemessen“ lassen muss, in wieweit die „Organismusfähigkeit“ gegeben ist. Dieses Herrschafts- und Unterdrückungsinstrument wird als eine Art geistliche Psychotherapie stilisiert, damit die Beherrschten sich freiwillig dreinfügen, um an ihrer Verbesserung zu arbeiten.

Mit der Welt im Krieg

In der Rhetorik der OCG wurde verbal massiv aufgerüstet. Sasek wähnt sich mit der Welt im Krieg. „Da draußen tobt ein Krieg!“ So feuerte er in einer Rede bei einem S&G-Kongress in der Messehalle von Villingen-Schwenningen die Anwesenden an. „Ich glaube, was es braucht, das Eine, was es da draußen braucht, das sind Kampftiere … Menschen, die du zu Löwennaturen machst. Krieger braucht es da draußen, weil ein Kampf tobt. Wir haben vom Allfronten-Krieg geredet. Es braucht Haudegen da draußen, Menschen die draufhauen, es braucht Draufgänger um es so zu sagen, wild entschlossene Menschen, …. Weil: Es herrscht Krieg. Verstehst, es tobt ein Krieg da draußen!“ 

Dafür möchte Sasek keine zartfühlenden Diplomaten, keine behutsamen Menschen, keine „Weicheier“ und „Angsthasen“, sondern „fanatische Menschen“, „Haudegen“, „einfältige Schwerter die da durchgehen und von der einen Sache überzeugt sind.“

Handexpress und Faxkommunikation

Die „eine Sache“, von der da die Rede ist, meint die Verteilung von „Stimme und Gegenstimme“ (S&G). Dieses ab 2016 wöchentlich erscheinende Blatt hat die 2009-2016 unregelmäßig publizierte Anti-Zensur-Zeitung abgelöst. Äußerlich handelt es sich um ein beidseitig bedrucktes A4-Blatt. Die kurzen Artikel bedienen wechselnde Themen wie Polemik gegen „Merkels Flüchtlingspolitik“ und „Ausländerschwemme“, „Genderwahnsinn“, „Frühsexualisierung“, „Impfzwang“, die Pharma-Industrie, 5G und Elektrosmog, Finanzsystem, Klimawandelleugnung, Familienbild, Putin und die Ukraine, Nato und die Kriege, drohende Bargeldabschaffung, angebliche Satanskulte, Abtreibungen, 9/11, Medienkritik und anderes. Die Inhalte der Artikel stammen entweder aus Saseks Veranstaltungen oder aus diversen Quellen, wobei andere sog. „Alternativmedien“ den größten Anteil ausmachen. Auch AfD-Pressemitteilungen befinden sich darunter (keine von anderen Parteien), was angesichts der inhaltlichen Nähe in der Behandlung der Themen nicht verwundert. Der im Titel formulierte Anspruch, Stimme UND Gegenstimme zu präsentieren, wird in keiner Weise eingelöst – es sind nahezu ausschließlich Gegenstimmen versammelt. 

Dieses Blatt soll im sogenannten „Hand-Express“ über eine Kette von dafür angeworbenen Kurieren im Schneeballprinzip verteilt werden: Jeder Kurier wirbt drei weitere Kuriere usw. Der bewusste Verzicht auf Post und elektronische Kommunikation ist eine aktive Vorbereitung auf erwartete staatliche Zensurmaßnahmen. Aus dem gleichen Grund wird innerhalb der OCG auch bevorzugt per klassischem Fax kommuniziert – man fürchtet die elektronische Überwachung und ggf. auch Blockierung der E-Mail-Kommunikation. Ivo Sasek bezeichnete in der genannten Veranstaltung S&G als „das wichtigste Papier auf Erden“. Früher war das für ihn mal die Bibel. Aber das scheint lange her. 

Verderber der Welt

Das Weltbild, für das die anwesenden S&G-Kuriere ihre geworbenen Verteiler explizit „fanatisieren“ sollen ist schlicht und folgt dem verschwörungsideologischen Grundmuster. Sasek zur S&G-Konferenz: „Alles und Jedes entspringt einzig einer fanatisierten Vision. Die Vision ist aber nicht: Du brauchst Glauben. … Die Vision liegt in den einfachen 2 Punkten: Hier die ahnungslose Welt. Und da die skrupellose Meute, oder Elite – nenne sie, wie du willst – die diese ahnungslose Welt voll ausnutzt.“ Die Lösung sei die S&G als Aufklärungsblatt, das die Augen öffnen soll für den großen Betrug der Menschheit und die Erkennenden in die Bemessung der OCG bringt.

Offensichtlich kann diese schlichte Analyse die Probleme der Gegenwart kaum sachgerecht abbilden. Ihre radikale Schwarz/Weiß-Zeichnung dient dem erklärten Ziel, die ganze Wut der Menschen in missionarische Energie für die OCG umzuwandeln. 

Aber wer sind die „Verderber“, diese „skrupellose Meute“? Hier wird es höchst problematisch. Saseks Anhänger haben schon begonnen, im Rahmen eines sogenannten „Verursacher-Lexikon“ (V-Lex) umfangreiche Adressverzeichnisse anzulegen von Personen, die sich in irgendeiner Weise kritisch zur OCG und ihren Unternehmungen gestellt haben: Privatpersonen, Journalisten, Kirchenleute und zahlreiche Politiker. Der bayrische Rundfunk hat dies aufgedeckt. Auch die Privatadresse des Autors dieses Artikels befindet sich in der Sammlung. 

Satanische Eliten

Am Ostersonntag 2020 wurde auf Kla.tv ein Video mit dem Titel „Verdeckte Kriegsführung & teuflische Besessenheit“ publiziert.1 Der Film ist ein markantes Beispiel für die gefährliche Dynamik dieser Ansichten. Nach einem Bibelzitat mit Verweis auf die Exorzismen von Jesus wird behauptet: „Längst müssen aber auch Medizin, Psychologie, Wissenschaft, Bildung usw. kapitulierend zugeben, dass das unerklärlichste unter dem Himmel allein durch teuflische Besessenheit erklärbar wird.“ Im Weiteren unterstellt der Film eine globale Verschwörung satanisch besessener „wahnhafter Eliten“, die an den Regierungen seien und einen „hybriden“ Krieg gegen die gesamte Menschheit führen würden. „Sie meinen, vom satanischen Wahn getrieben, die ganze Welt unterwerfen und beherrschen zu müssen“. Da wird dann alles rein gepackt, was OCG-Leuten nicht gefällt: Abschaffung traditioneller Rollenbilder der Geschlechter, angeblicher Untergang „aller bestehenden Nationalstaaten“, Corona als hybride Kriegstaktik zur Vernichtung der gesamten Wirtschaft, Zusammenbruch der Bildungssysteme durch „unkontrollierte Migration“, Umweltschutz, Atomausstieg… Die Lösung dagegen, also der globale Exorzismus, sei der geeinte Wille der Völker, der automatisch entstehe, wenn „die gepeinigten Völker das diabolische Spiel durchschauen“ – weshalb „dieses Wissen“ (illustriert mit etlichen kla.tv-Screenshots) von jedem weiter verbreitet werden müsse. 

Der Film ist inhaltlich krude und in weiten Teilen vollkommen absurd (Warum sollten z.B. „die Völker“ nur einen Willen haben? Jede Erfahrung lehrt das Gegenteil.) Seine Kernaussage ist aber hoch gefährlich für das Miteinander in einer pluralen Gesellschaft. Welche Fähigkeit zum Dialog und Diskurs entsteht, wenn ich mein Gegenüber in solcher Weise als „satanisch besessen“ charakterisiere? Welche Enthemmungen werden freigesetzt, wenn Personen mit anderen politischen Auffassungen derartig dämonisiert und entmenschlicht werden?

Drinnen und draußen

Das Bild vom ständigen Leben im Krieg mit der Außenwelt hat Rückwirkungen auf die Binnendynamik innerhalb der OCG. Nicht alle, die dort mal angefangen haben, sind dabei geblieben. Die Entmündigung, die Kontrollsysteme, der extreme Geltungsdrang von Ivo Sasek, der zunehmende Abschied von biblischen Bezügen, der ständige Leistungsdruck, die absurden Behauptungen – es gibt viele mögliche Gründe, der OCG den Rücken zu kehren. Allerdings sind die sozialen Opfer immer hoch, denn so ein Ausstieg geht vielleicht leise, aber nie sanft. Viele Familien innerhalb der OCG sind förmlich zerrissen. Das betrifft mittlerweile auch zwei erwachsene Sasek-Kinder. In einen Lehrbrief zum „Aussatzgesetz“ von 2019 gibt Ivo Sasek dennoch eine harte Linie zum Umgang mit Aussteigern vor. Anlass ist, dass „der Feind“ wieder zwei Kinder einer „vordersten Frontfamilie“ von uns abgerissen hätte. Die Ursache kann für Sasek nur in einem liegen: Weil die Eltern den Abfall des ersten Sohnes verharmlost und mit ihm „harmlose Gemeinschaft“ gepflegt hätten. „Der Feind weiss genau, dass er das Spiel gewinnt, wenn wir mit geistlichem Aussatz vermischt leben/bleiben – und dass er das Spiel verliert, wenn wir uns von allem scheiden, was sauerteigartig die Königsherrschaft Gottes unterwandert.“ Unsere „noch gesunden Früchte“ müssten „vor dem ansteckenden Kontakt durch ‚geistlich schimmlige Früchte‘“ bewahrt werden. Darum dürfe Kontakt allenfalls zu solchen Aussteigern aufrecht erhalten werden, die „in Demut und Gebrochenheit“ gegangen sind, die Trennungsschuld allein bei sich festmachen und keinerlei Kritik üben. „Jedes Glied ist notwendig in diesem geistlichen Krieg, in dem wir uns befinden. Diese sich bildenden Synergien des Organismus zu verlassen, ohne dass der heilige Geist es so verordnet hat, ist eine Sünde zum Tod, es ist die Sünde eines Deserteurs im Krieg – im himmlischen Krieg!“ Es ist jede Familie aufrichtig zu bedauern, die unter dem Druck steht, sich solch unmenschlichen Anweisungen zu fügen.

Gefahrenpotenzial

Bedenkenswert sind die langfristigen Wirkungen der Agitation der diversen OCG-Ableger für das Gemeinwesen. Ohne Frage radikalisiert und fanatisiert die Tätigkeit der OCG und insbesondere ihrer Zweige AZK, S&G und Kla.tv Teile der Bevölkerung gegen den Staat, seine Behörden und überhaupt Institutionen und Personen des öffentlichen Lebens. Diese werden als dämonisch besessen oder gar selbst als satanisch klassifiziert. Damit wird moralisch eine Rechtfertigung geliefert, möglicherweise auch gewaltsam gegen diese vorzugehen. Die Reichweite von Kla.tv ist in der Szene erheblich und übersteigt die frühere Zielgruppe freikirchlich-fundamentalistischer Strukturen weit. Nun besteht die Kernklientel der ehemals freikirchlichen OCG-Anhänger im Wesentlichen nicht aus Raufbolden und Draufgängern. Viele erwecken den Eindruck eher verschüchterter und zutiefst selbstunsicher Menschen, die eine kleine heile Welt suchen und sich dankbar einer autoritären Führung unterwerfen. Diese kommen mehrheitlich aus einem bildungsbürgerlichen christlichen Hintergrund und werden sich vermutlich kaum eine Waffe im Darknet besorgen, um eigenständig angebliche „Verursacher“ des Weltelends aus dem VLex aufzusuchen und abzuknallen. Im Blick auf diejenigen „Kampftiere“ und „einfältigen Schwerter“, die Sasek über die S&G-Aktivitäten gezielt aus dem Bereich der Verschwörungsideologen anwerben und erklärtermaßen fanatisieren will, ist das nicht mehr so sicher. Angesichts der Entwicklungen scheint es lediglich eine Frage der Zeit, bis Saseks Rhetorik in offene Gewalt mündet. S&G-Aktivitäten und rechtsextreme Gruppen gehen auf „Hygiene-Demos“ nahtlos ineinander über. Sie eint die Gegnerschaft zum Staat. Sasek bot Holocaustleugnerinnen bei der AZK seine Bühne und propagierte die „Protokolle der Weisen von Zion“ als historische Wahrheit.

Kampf gegen teuflische Menschen?

Zu den längerfristigen Folgen ist ein historischer Vergleich bedenkenswert:

In den 1480er Jahren zog Heinrich Kramer, genannt Institoris durch die Lande, um mit einer extrem verschwörungsideologischen Sicht Hexenprozesse anzuzetteln. Die waren damals noch nicht allgemein in Mode. Der Bischof von Innbruck warf diesen Eiferer aus seinem Bistum, der daraufhin sein Buch „Hexenhammer“ schrieb. Das darin verbreitete Denken wirkte und gärte ca. 100 Jahre. Es sickerte aus den Bildungsschichten ins einfache Volk. Dort ergoss sich dann daraus eine furchtbare Welle von Lynchjustitz in diversen Hexenprozessen. Der verklemmte Frauenfeind Kramer war daran nicht mehr selbst beteiligt. Seine Ideen hatten sich verselbständigt.

Die Reden in der OCG von gefährlichen teuflischen Verschwörern in der Endzeit sind dem Weltbild von Heinrich Kramer in vielem erschreckend ähnlich. Allerdings dauern solche Entwicklungen heute keine 100 Jahre mehr. Es könnten auch 10 reichen. Die Wirkung von Kla.tv ist in ihrer kontinuierlichen Delegitimation demokratischer Strukturen, in ihrer schwarz/weiß-Zeichnung der Welt und der ständigen Feindbildpflege erheblich und könnte an den Hexenhammer heranreichen. Am Ende gibt es zahlreiche unschuldige Opfer. Wenn die Ideologie verfestigt ist und der Mob tobt, lässt es sich mit polizeilichen Mitteln kaum mehr einfangen – damals wie heute (vgl. Heidenau im Sommer 2015). Sasek selbst spricht zwar (noch) davon, das Schwert im Mund und das Zepter in der Hand zu führen. Es ist aber zu befürchten, dass das nicht alle so genau hören und dann doch auch mal das Schwert in die Hand nehmen könnten, wenn die ganze Rhetorik dahin drängt. Es ist extrem gefährlich, wenn jemand mit solchem Geltungsdrang sich als Vollstrecker des göttlichen Willens auf der Erde versteht und dann noch über ein Heer aus willfährigen Anhängern verfügt.

Harald Lamprecht


1 https://www.kla.tv/16121

 

Dr. Harald Lamprecht

ist Beauftragter für Weltanschauungs- und Sektenfragen der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens und Geschäftsführer des Evangelischen Bundes Sachsen.

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Dieser Beitrag ist erschienen in Confessio 2/2020 ab Seite 06