Schwester Hatune mit Mikrofon und Beamer

Verfolgte Christen - was hilft ihnen?

Die zwiespältige Mission der Schwester Hatune Dogan

Hatune Dogan ist eine energische Frau. Als syrisch-orthodoxe Ordensschwester ist sie weltweit unterwegs, um den „ärmsten der Armen“, wie sie ihre Zielgruppe oft nennt, Hilfe zu organisieren. Der besondere Fokus in der Vorstellung ihrer Arbeit liegt dabei auf verfolgten Christen.

Sie ist 1970 in der Türkei geboren. Der Völkermord an den Armeniern ist dort auch bei den aramäisch sprechenden Christen nicht vergessen. Sie zeigt Bilder von 1915 und berichtet von Drangsalierungen und Schikanen, die ihre Familienmitglieder in der Schule und in der türkischen Armee zu erleiden haben. 1985 floh die Familie nach Deutschland. Mit 18 Jahren trat sie in ein syrisch-orthodoxes Kloster in Holland ein. Ein Aufenthalt in Indien konfrontierte sie mit zuvor nicht gekanntem Elend und erweckt ihre Mission, den Armen zu helfen. Mit dem Beginn des syrischen Bürgerkrieges verschob sich ihr Schwerpunkt auf Unterstützung für die verfolgten Christen in den Flüchtlingslagern des vorderen Orient.

Im Rahmen eines Gemeindeabends im Juni 2017 in Bautzen stellte sie das weltweite Engagement der von ihr gegründeten Hatune-Stiftung vor, in der nach ihren Aussagen 5000 Helfer auf ehrenamtlicher Basis engagiert sind. Weil es dadurch fast keine Personal- und Verwaltungskosten gäbe, kämen die Spenden voll bei den Bedürftigen an. Dies ist ein von ihr mehrfach vorgebrachtes Werbeargument. Nachdem sie ihre schwere Kindheit geschildert hatte, zeigte sie eine Reihe Fotos aus verschiedenen Weltgegenden mit armen oder kranken Menschen in ärmlichen Behausungen und Fotos von ihr selbst neben Hilfsgütern oder bei deren Verteilung. Konkrete Angaben darüber, wie die Arbeit der Stiftung funktioniert, wie die nötige Professionalität bei lauter Ehrenamtlichen sichergestellt wird, wie die jeweils Bedürftigen ermittelt werden, an welchen Orten mit welchen Kooperationspartnern zusammengearbeitet wird, waren kaum zu hören. Es blieb bei der Darstellung der Not und der Bitte (finanziell) zu helfen. Dazwischen wechselten immer wieder Bilder und kurze Videos, die das Leid der verfolgten Christen illustrieren sollen: Opfer eines Anschlages auf eine koptische Kirche, zusammengekauerte Frauen, die das Trauma einer Vergewaltigung verarbeiten müssen, Kinder, die bedroht werden. Dass es sich bei dem letztgenannten Video um einen Youtube-Clip handelt, der eigentlich einen Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten zeigt, ist noch das kleinste Problem an diesem Abend.

Islamhass

Auf die Frage, ob sie auch Muslime getroffen habe, die die Not der Menschen sehen und mit denen sie zusammenarbeitet, antwortete sie: Nein, Muslime dürfen keinen Christen helfen.

Sätze, die wie dieser ein radikal ins Negative verzerrtes Bild des Islam zeichnen, sind leider bei ihr kein Ausrutscher, sondern gehören zum Programm. Nun kann man Hatune Dogan zugestehen, dass die als Kind erfahrene kollektive Unterdrückungssituation in der Türkei und jetzt die Erfahrung der Traumata der von ihr unterstützen vertriebenen Christen in den Lagern nicht den besten Nährboden für ein freundlich-entspanntes Verhältnis zu Muslimen abgibt. Dennoch: Türkischen Nationalismus oder den Terror militanter islamistisch-dschihadistischer Gruppen als Wesenkern des Islam insgesamt darzustellen, ist sachlich falsch. Das müsste auch sie eigentlich wissen. Es tut den Millionen Muslimen weltweit, die friedlich mit ihren Nachbarn leben und sich gegegen diesen Missbrauch ihrer Religion zur Wehr setzen, großes Unrecht an. Bei aller begründeter Kritik an bestimmten Zuständen in islamischen Ländern, an mangelnder Religionsfreiheit und an der häufigen Unterdrückung von Frauen - in solcher Weise zum Hass auf eine andere Religion anzustacheln, passt nicht zum Ornat einer christlichen Ordensschwester, die sich gern als neue Mutter Theresa bezeichnen lässt.

Flüchtlinge als Wölfe?

Das von Hatune Dogan verbreitete Zerrbild des Islam ist offenbar nur ein Grund, weshalb sie in rechtspopulistischen Kreisen inzwischen oft eingeladen wird. Im Internet gibt es zahlreiche Berichte von ähnlichen Veranstaltungen. Mindestens ebenso bedeutsam wie ihre zur Schau gestellte Islamfeindschaft scheinen ihre nicht minder heftigen Ausfälle gegen die deutsche Flüchtlingspolitik.

Auch in Bautzen verkündete sie den von ihr im Internet vielfach zu lesenden Satz, in Deutschland hätte man die Wölfe aufgenommen und die Lämmer draußen gelassen. Sie erzählte von einem Flüchtling, der in Europa nur schnellen Sex gesucht hätte aber bei seiner Anhörung im Asylverfahren eine herzerweichende Geschichte präsentiert hätte, und meinte, 80% der Flüchtlinge in Deutschland seien solch „falsche Flüchtlinge“ die sie als „Wölfe“ bezeichnete.

Für die auch im Publikum sitzenden Geflüchteten aus Syrien und die ehrenamtlichen Betreuer in der Bautzener Flüchtlingsarbeit wasren solche unsachlichen Hetzreden schwer auszuhalten. Aber offenbar ist es Hatune Dogan gewohnt, dass ihr Publikum solche Ausfälligkeiten honoriert – zunächst mit Applaus, dann vielleicht auch mit Spenden für ihre Stiftung. Von 800 000 Euro jährlich ist die Rede, die sie auf diese Weise einsammelt.

Was hilft den Christen?

Wenn es wahr ist, was Hatune Dogan verspricht, dann können die von ihr vermittelten Sachspenden durchaus manches Leid vermindern. Ein unabhängiges DZI-Spendensiegel hat ihre Organisation nicht. Ihre Hetzreden gegen den Islam verbessern die Situation der Christen aber nicht - weder in Syrien, noch anderswo in der Welt.

Christen sollten Botschafter des Friedens sein. Frieden kann nur wachsen, wo Versöhnung geschieht. Wo Krieg und Leid die Herzen verhärtet haben, ist das ein schwerer Prozess. Aber nur, wo Menschen lernen, sich nicht als Feinde zu betrachten - egal ob aus Gründen der Nationalität oder der Religion oder was auch immer – nur dort können Gräben überwunden und Versöhnung gestiftet werden. Jesus fordert in der Bergpredigt dazu auf, sogar seine Feinde zu lieben. Das, was nach der Logik dieser Welt absurd erscheint, ist aber in der Praxis das einzige Mittel, dass die verhängnisvolle Spirale von Gewalt und Gegengewalt durchbrechen kann. Im Kampf gegen den dschihadistischen Terror sind alle gemäßigten Muslime unsere Partner und nicht unsere Feinde. Das erfordert keine blauäugige Naivität gegenüber dem Islam, wohl aber ein genaues Unterscheiden der verschiedenen Kräfte und Interessen und auch einen Blick auf die politischen Ursachen jenseits der Religion. Daran fehlte es an diesem Abend. Vor dem Bürgerkrieg war ein friedliches Zusammenleben zwischen Muslimen und Christen in Syrien weithin selbstverständlich. Dahin zurückzufinden wäre ein Ziel, das auf Dauer den Christen im Nahen Osten hilft. Die Samen dazu heißten Unterscheidung, Respekt und Verständnis, nicht pauschale Ablehnung und Hass.

Dr. Harald Lamprecht

ist Beauftragter für Weltanschauungs- und Sektenfragen der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens und Geschäftsführer des Evangelischen Bundes Sachsen.

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Dieser Beitrag ist erschienen in Confessio 2/2017 ab Seite 18