Tibetischer Gott Yama

Schatten der Erleuchtung

Machtmissbrauch in buddhistischen Gruppen

Der Buddhismus hat weithin ein sehr positives Image. Sanft, friedlich, undogmatisch, individuell, spirituell - die Liste der Zuschreibungen ließe sich noch beträchtlich verlängern. Während der Islam auch aufgrund der aktuellen Konflikte und des Terrors als gewalttätig und unduldsam wahrgenommen wird, scheint der Buddhismus so etwas wie das alternativreligiöse Gegenprogramm zu sein. Dass solche pauschalen Zuschreibungen nicht stimmen, weiß jede Person, die sich näher mit den einzelnen Religionen befasst. Auch unter gläubigen Muslimen findet man sehr friedfertige, tolerante und spirituelle Menschen, auch bei Buddhisten Gewalt und Machtmissbrauch.

Ein Grund dafür ist natürlich, dass die Menschen im Grunde dieselben sind – egal, in welcher Kultur sie aufgewachsen sind und welcher Religion sie anhängen. Das innere Ringen zwischen selbstsüchtigem Begehren und sozialem Mitfühlen steckt in jeder menschlichen Biografie – mit wechselndem Ausgang. Insofern geht es in diesem Beitrag nicht darum, mit dem Finger auf eine andere Religion zu zeigen, um diese insgesamt zu diskreditieren, sondern lediglich darum, etwas Realismus in die weit verbreitete idealistische Verklärung zu bringen.

Der Fall Sogyal Rinpoche (Rigpa)

Rigpa ist eine weltweit verbreitete buddhistische Organisation mit tibetischem Hintergrund (www.rigpa.org). In Deutschland existieren Zentren in 18 Städten. Darüber hinaus ist die Organisation im Bereich des „Spiritual Care“ aktiv, also jenem Bereich, der Sensibilität für Spiritualität im Gesundheits- und Sozialwesen stärken möchte. Gründer und Identifikationsfigur des Rigpa-Netzwerkes ist Sogyal Rinpoche. 1948 in Tibet als Sogyal Lakar geboren, soll er schon als Kind in einem Kloster die Ausbildung zum Lama erhalten haben, weil man in ihm eine Reinkarnation des berühmten Lehrers Tertön Sogyal Lerab Lingpa (1856–1926) zu erblicken glaubte. Später studierte er in England vergleichende Religionswissenschaft. Seit den 1970er Jahren bemühte er sich, über die von ihm gegründeten Rigpa-Zentren den Buddhismus tibetischer Prägung im Westen zu verbreiten. Ein Bestseller mit mehreren Millionen verkauften Exemplaren in mittlerweilen 30 Sprachen wurde „Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben“, das 1992 erschien und in dem er Lehren des Tibetischen Totenbuches neu akzentuierte. Zentrum des Rigpa-Netzwerkes ist das Meditationszentrum Lerab Ling in Montpellier (Südfrankreich).

Missbrauchsvorwürfe

Berichte über sexualisierte Gewalt durch Sogyal Rinpoche kursieren schon seit etlichen Jahren. Bereits 1994 gab es ein diesbezügliches Gerichtsverfahren in den USA, welches aber mit einem Vergleich und einer Geldzahlung in unbekannter Höhe endete. Den Ruf des geachteten Lehrers erschüttern konnten diese Klagen nicht, die in der Regel als unbewiesene Behauptungen zurückgewiesen wurden.

Das änderte sich erst mit dem Erscheinen eines offenen Briefes von acht gegenwärtigen und ehemaligen Schülerinnen und Schülern vom 14. Juli 2017. Das gemeinsame Auftreten von solchen langjährigen und z.T. hochrangigen Mitgliedern der Rigpa-Organisation konnte nicht mehr ignoriert werden. Sie warfen ihrem Lehrer Sogyal Rinpoche routinemäßige sexuelle Übergriffe vor, massive körperliche Gewalt sowie einen verschwenderischen Lebensstil, der auch von Spendengeldern finanziert wurde. Die Süddeutsche Zeitung berichtete am 11. August in einem umfangreichen Artikel von den Vorwürfen.1 Damit war der Skandal auch außerhalb der tibetisch-buddhistischen Kreise publik geworden. An diesem Tag erklärte Sogyal Rinpoche in einem Brief an die Mönchsgemeinschaft seinen Rücktritt als spiritueller Leiter von Rigpa. Einen Tag zuvor hatte die Rigpa-Organisation eine Pressemitteilung veröffentlicht, in der die Vorstände und Management-Teams die Einleitung von drei Schritten ankündigten:

  1. Eine unabhängige Ermittlung durch einen neutralen Dritten bezüglich der Anschuldigungen,
  2. die Einrichtung eines Verhaltenskodex und Beschwerdeverfahrens für Rigpa,
  3. die Einrichtung eines neuen spirituellen Beratergremiums zur Leitung von Rigpa.

Der Fall Genpo Döring

Der Zen-Priester Genpo Döring war Vizepräsident des buddhistischen Weltverbandes, 23 Jahre Mitglied im Rat der Deutschen Buddhistischen Union (DBU), drei Jahre stellvertretender Vorsitzender und seit 2008 Ehrenrat der DBU – mithin Inhaber höchster buddhistischer Leitungsämter in Deutschland. Am 11. Juli 2017 wurde er wegen Kindesmissbrauch zu einer Haftstrafe von sieben Jahren und neun Monaten verurteilt. Es wurde ihm nachgewiesen, dass er sieben Jungen im Alter von 4 bis 13 Jahren sexuell missbraucht hatte. Mittlerweile hat er ein umfassendes Geständnis abgelegt und für seine Taten um Entschuldigung gebeten.

Der Rat der DBU hat in einer Stellungnahme vom 25. Juli 2017 sein Mitgefühl mit den Opfern zum Ausdruck gebracht und beschreibt die Betroffenheit „in einem Menschen, den man viele Jahre gut zu kennen glaubt, den man wertschätzt und dem man vertraut, jemanden erkennen zu müssen, der ein Doppelleben geführt hat und Minderjährige, die sich ihm anvertrauten oder anvertraut wurden, Leiden zugefügt hat“.2

Legitimationskrise

Die Fälle von Sogyal Rinpoche und Genpo Döring beleuchten nicht nur, dass Machtmissbrauch und Verbrechen auch im buddhistischen Kontext geschehen können. Ihre besondere Problematik liegt darin, dass es hochrangige Leiter waren, die diese Verbrechen begangen haben. Das zieht ein Glaubwürdigkeitsproblem für die buddistische Lehre nach sich.

Gewiss – es hat auch Missbrauchsfälle bei Priestern gegeben, die später Bischof oder gar Kardinal wurden, ohne sich zu offenbaren. Auch im Christentum gibt es Vorgaben und Erwartungen an die Lebensführung der Repräsentanten im geistlichen Amt. Das Bemühen um ethisches Verhalten ist beiden Religionen eingestiftet. Die Möglichkeit zu und der Umgang mit Verfehlungen werden aber unterschiedlich gesehen.

Die christliche Lehre behauptet nicht, dass der Glaube bessere Menschen erzeuge, sondern rechnet mit der bleibenden Sündhaftigkeit des Menschen. Ein Dienstrang begründet keine höhere moralische Qualifikation. Auch ein Bischof oder Papst bleibt vor Gott als Sünder auf Vergebung angewiesen. Selbst Jesus hat keinen Vorsprung im Paradies vor dem glaubenden Verbrecher am Kreuz neben ihm (Lk 23,43). Lediglich kleine perfektionistisch orientierte Splittergruppen im Christentum lehren, dass ein wahrer Christ sündlos leben könne und müsse.

Der Buddhismus geht demgegenüber in viel stärkerem Maß davon aus, dass die Verwirklichung der Lehren des Buddha die Person auf ihrer Seinsstufe in eine neue Qualität hebt. Dies wird als langwieriger Stufenweg gelehrt, der sich über etliche Inkarnationen erstrecken kann. Das bedeutet aber, dass die Leiter und spirituellen Lehrer eben sehr weit oben auf diesem Stufenweg stehen und folglich auch eine neue Seinsqualität in sich tragen müssten. Wenn solche schwerwiegenden Verfehlungen auf dieser Ebene auftreten, ist das eine grundsätzliche Anfrage an das buddhistische Lehrsystem und seine Vorstellung von einem Stufenweg zur Buddhaschaft.

Vollkommene Überwindung?

Die Stellungnahme der DBU zum Fall Genpo Döring artikuliert einerseits die Betroffenheit, wenn sie fragt „wie so etwas möglich sein konnte“. „In der Lehre des Buddha hat ethisches Verhalten einen hohen Stellenwert, ist sie doch darauf gerichtet, selbstsüchtiges und schädigendes Verhalten aufzugeben und stattdessen ein heilsames Handeln zum Wohle aller Lebewesen zu entwickeln, so wie dies auch im Buddhistischen Bekenntnis der DBU zum Ausdruck kommt.“

Der Kern des Problems wird gleichwohl nicht erfasst, wenn es dann weiter heißt. „Wir erinnern uns daran, dass der Buddha die Verstrickung der Wesen in die drei Geistesgifte, Gier, Hass und Verblendung als Ursache für das Leiden in der Welt erkannt hat. Genpo Dörings Beispiel führt uns einprägsam vor Augen, dass wir als Menschen sowohl das Potential für unfassbare Verbrechen wie auch das Potential zur vollkommenen Überwindung all dieser unheilsamen Tendenzen und der Verwirklichung des vollkommenen Erwachens in uns tragen.“

Die beiden aktuellen Fälle zeigen doch eindrücklich, dass es mit der „vollkommenen Überwindung“ gerade nicht klappt – selbst bei denen, die es durch ihre reinkarnatorische Vorbereitung und Stellung in der buddhistischen Gemeinschaft dazu in der Lage sein sollten. Einen Beweis für dieses Potenzial würde man doch zuerst an der Spitze suchen, aber die ist nun in zwei Fällen gerade gescheitert. Es ist im Fall von Rigpa den Untergebenen, den Schülern, den spirituell Unvollkommeneren zu verdanken, dass dem Machtmissbrauch und der Gewalt ein Ende gesetzt wurde.

Strukturprobleme

Die Erfahrung zeigt immer wieder: Religionen haben viele Ansätze für Hilfen und Richtlinien, um das Böse im Menschen zu kanalisieren und einzudämmen, aber sie können es nicht beseitigen. Sie müssen deshalb selbst immer wieder daraufhin überprüft werden, ob ihre inneren Strukturen dazu geeignet sind, oder ob sie im Gegenteil selbst die Entfaltung von Machtmissbrauch befördern. Letzteres ist regelmäßig dann der Fall, wenn Menschen mit einer überhöhten geistlichen Autorität ausgestattet werden, die ihnen die eigene Verstrickung in Begierden und Sündhaftigkeit abspricht. Das gilt für den katholischen Priester oder den evangelischen Pfarrer ebenso wie für den pfingstlichen Gemeindeleiter oder den buddhistischen Tulku. Wo Kritik am geistlichen Leiter undenkbar ist, werden solche Fälle provoziert. Insbesondere das tibetische System trägt noch viele Elemente einer kritiklosen Guru-Verehrung in sich. Das traditionelle Verhältnis der buddhistischen Lehrer-Schüler-Beziehung ist sehr stark hierarchisch geprägt und verlangt eine völlige Unterordnung. Das ist der Grund, weshalb die begründeten Vorwürfe gegen Sogyal Rinpoche so lange ignoriert wurden.

Aufklärungsarbeit der DBU

Vor diesem Hintergrund ist es positiv zu würdigen, dass die Deutsche Buddhistische Union gegenwärtig an einer Veränderung in diesem Bereich arbeitet. Sowohl im Internet als auch in der Zeitschrift „Buddhismus aktuell“ wurde aktiv und umfassend auch über die Vorwürfe gegen die buddhistischen Lehrer informiert. In der Stellungnahme des Rates der DBU zu den Vorwürfen gegen Sogyal Rinpoche heißt es: „Die Anschuldigungen gegen Sogyal Rinpoche und der dadurch ausgelöste Diskurs haben aber auch deutlich gemacht, dass es zahlreiche und ernst zu nehmende Missverständnisse bezüglich des Verhältnisses von buddhistischen Lehrern und Lehrerinnen zu ihren Schülerinnen und Schülern gibt.“ Es wird angekündigt, die Informationsarbeit in diesem Bereich zu verstärken. Die Orientierungshilfe „Heilsame und unheilsame Strukturen in Gruppen“, die 2007 von der DBU herausgegeben wurde, soll durch eine Informationsschrift ergänzt werden, „welche die Besonderheiten des Verhältnisses von buddhistischen Lehrern und Lehrerinnen zu ihren Schülerinnen und Schülern in den verschiedenen Traditionen darstellt und über bekannte Missverständnisse aufklärt.“3

Rolle der Schüler

Beachtenswert ist in diesem Kontext auch ein Beitrag zur „Selbstverantwortung auf dem buddhistischen Weg“ in der Zeitschrift Buddhismus-Aktuell.4 Er thematisiert nicht nur verbreitete Missstände („nicht hinterfragbare Hierarchien; die Verabsolutierung der eigenen Tradition; eine verdeckt gehaltene politische Agenda im Herkunftsland der Tradition oder ihren höheren Rängen… eine kindliche Überverehrung von Lehrerinnen und Lehrern; die unbekümmerte Missachtung demokratischer Standards…“). Der Wert dieses Artikels besteht darin, auch die Verantwortung der Schüler zu benennen, die mit ihrer Verehrungshaltung zu oft die Lehrer in eine solche Rolle drängen. „Selbstverantwortung der Lernenden“ beinhaltet folglich immer auch eine kritische Begleitung der Lehrenden.

Das gilt letztlich in jeder Religion.


1 Michaela Haas: Quelle der Qual. Sexueller Missbrauch, Prügel, Verschwendungssucht. Sogyal Rinpoche ist einer der erfolgreichsten buddhistischen Lehrer der westlichen Welt. Jetzt wird der Rinpoche von ehemaligen Schülern schwer belastet. Süddeutsche Zeitung, 11. August 2017, S. 3

2 Buddhismus aktuell 4/2017, 17

3 https://www.buddhismus-deutschland.de/stellungnahme-des-rates-der-dbu-zu-den-anschuldigungen-gegen-sogyal-rinpoche/

4 Susanne Billig, Erleuchtung garantiert?, Buddhismus Aktuell 4/2017, 34-37

Dr. Harald Lamprecht

ist Beauftragter für Weltanschauungs- und Sektenfragen der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens und Geschäftsführer des Evangelischen Bundes Sachsen.

Kommentare

Auch innerhalb der buddhistischen Schulen unterrichten Menschen und keine "Götter". Menschen sind fehlbar, sonst wären sie keine. Nach irdisch-menschlichen Maßstäben brechen auch Buddhisten hin und wieder allgemein vorgegebene Normen im respektvollen Umgang mit anderen Menschen. Das so erzeugte Leid fällt auf sie selbst zurück, egal, ob mit oder ohne öffentliche Kasteiung. Das sollten die nach "Strafe" Schreienden und Anprangernden stets beachten.

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