Ein Papst großer Hoffnungen und Widersprüche

Presseerklärung des Konfessionskundlichen Instituts des Evangelischen Bundes in Bensheim zum Tod von Papst Johannes Paul II.
Aus evangelischer Sicht verliert die Welt mit Johannes Paul II. einen Zeugen des Evangeliums, der die Würde des in Christus erlösten Menschen unerschrocken zur Geltung brachte. Er mahnte die Christen leidenschaftlich zur Einheit, suchte das Gespräch mit den Religionen und begegnete der Welt als ein solidarischer Zeitgenosse. Zugleich hielt er kompromisslos am katholischen Wahrheitsanspruch fest, der innerkirchlich keine Abweichungen duldete und auch im Dialog keine Modifikation der eigenen Voraussetzungen zuließ.

Ökumenische Leidenschaft ohne konkrete Schritte

Zu den eindrücklichen Gesten Johannes Pauls II. gehören das Schuldbekenntnis der katholischen Kirche für das von ihren Gliedern verursachte Leid, die Vergebungsbitten, die er auf seinen Reisen vortrug, seine Predigt in einer evangelischen Kirche, sein Besuche der Synagoge in Rom, das Friedensgebet der Religionen in Assisi. Trotzdem fällt die ökumenische Bilanz seines Pontifikats ernüchternd aus. Die römischen Lehramtsdokumente weisen keinen Ausweg aus dem Dilemma zwischen ökumenischer Öffnung und konfessionellem Anspruch. Die Einladung zu einem „brüderlichen, geduldigen Dialog“ über die Ausübung des Papstamtes stand unter der Bedingung, dass die „Vollmacht und Autorität, ohne die dieses Amt illusorisch wäre“, nicht geleugnet werden dürfe. Nach der von Johannes Paul II. vorangetriebenen „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ bekräftigte „Dominus Iesus“ die alten Urteile über die reformatorischen Kirchen, die in der Eucharistie-Enzyklika als „noch immer voll zutreffend“ bezeichnet werden. So bleibt als ökumenisches Vermächtnis Johannes Pauls II. die leidenschaftliche Suche nach Einheit und der Ruf zu einem Ökumenismus der Bekehrung, ohne dass sich andere Wege als eine Rückkehr der Getrennten abzeichneten.

Verstärkter römischer Zentralismus

Johannes Paul II. hat sein Amt mit der Überzeugung ausgeübt, dass der Universalität der Kirche Jesu Christi am besten durch starke jurisdiktionelle und lehrmäßige Bindung an die römische Autorität gedient sei. Der Aufbruch des Zweiten Vatikanischen Konzils wurde in engere Bahnen gelenkt und an das Erste Vatikanum zurückgebunden. Mit der Einführung des Weltkatechismus gelang ein Projekt, mit dem Pius X. noch am Widerstand der Bischöfe gescheitert war. Glaubenseid und Treueeid machen selbst umstrittene Lehren für Amtsträger und Theologen verpflichtend. Die Pastoralbesuche Johannes Pauls II. stärkten die Ortskirchen und banden sie zugleich fester an das römische Zentrum. Die Bischofskonferenzen erfuhren kirchenrechtlich eine Erweiterung ihrer Kompetenzen und mussten sich zugleich gravierende Eingriffe gefallen lassen. Durch diese - nicht zuletzt der charismatischen Ausstrahlung Johannes Pauls II. zu verdankende - Papstzentrierung der römisch-katholischen Kirche und ihren theologischen Anspruch ist der Weg der Ökumene nicht leichter geworden.

Umstrittene ethische Positionen

Unter Johannes Paul II. fand die römisch-katholische Kirche endgültig aus der Defensive und begriff sich als Avantgarde eines in Christus begründeten Humanismus. Die Jahre unter NS-Diktatur und Kommunismus hatten Karol Wojtyla skeptisch gemacht gegen das Autonomiekonzept der Moderne, das die Freiheit nicht an die Wahrheit und an Gott binde. Zugleich galt ihm der Glaube als entschiedenster Anwalt der ‚richtigen‘ Vernunft, die sich nach dem Wahren und Guten ausstreckt. In seinem Einsatz für den Frieden und seinem Eintreten gegen ungerechte Strukturen wurde Johannes Paul II. von der Öffentlichkeit weithin eine christliche Sprecherrolle zuerkannt. Seine bio- und sexualethischen Positionen stärkten sein Ansehen bei konservativen Christen, rissen jedoch auch innerkirchliche Gräben auf.

Johannes Paul II. hat der Welt ein neues Gesicht des Papsttums gezeigt. Die römisch-katholische Kirche hat einen ihrer bedeutendsten Päpste verloren, die Christenheit trauert um einen Zeugen des Evangeliums, die Welt ist ärmer geworden ohne die Stimme dieses großen Zeitgenossen.

Walter Schöpsdau
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Dieser Beitrag ist erschienen in Confessio 2/2005 ab Seite 16