Habemus Apostolum

Dr. Wilhelm Leber ist neuer Stammapostel der Neuapostolischen Kirche
Papstwechsel an allen Orten: nicht nur in Rom wechselte das Oberhaupt der Kirche, auch der (eher marginale) Gegenpapst der Palmarianisch-Katholischen Kirche Kirche wurde im südspanischen Palmar de Troya neu gewählt. Weit weniger marginal ist der Wechsel im Stammapostelamt der Neuapostolischen Kirche. Mit knapp 400 000 Mitgliedern zählt die NAK mit zu den größten Religionsgemeinschaften in Deutschland. Das Amt des Stammapostels ist in dieser Gemeinschaft mit höchster Autorität und Befugnis ausgestattet. Dies wurde auch wieder daran deutlich, dass an der Bestimmung des Nachfolgers des in Ruhestand tretenden Stammapostels Richard Fehr kein demokratisches Gremium mehr beteiligt war, sondern er allein vom Stammapostel ernannt wurde. Diese Praxis hatte Richard Fehr abweichend von früheren Gepflogenheiten eingeführt.

Der neue Stammapostel Dr. Wilhelm Leber war zuletzt Bezirksapostel von Norddeutschland und damit Leiter einer bedeutenden Gebietskirche der NAK.

In der neuapostolischen Zeitschrift „Glaubenskultur“ wurde schon vor seiner offiziellen Ernennung über ihn als Nachfolger spekuliert. „Bezirksapostel Wilhelm Leber gilt als der Wunsch-Stammapostel vieler Kirchenmitgliede

r in Deutschland. Er hat es in der Vergangenheit geschafft, in organisatorischen Dingen offen und modern zu wirken. Auf der anderen Seite bewahrt er klassisch-neuapostolische Positionen und spricht gerne von der Bedeutung des "neuapostolischen Profils", wozu auch ein Bekenntnis zur Exklusivität zählt. Sein Führungsstil wird als kollegial und vertrauensvoll beschrieben.“1

In diesem Zusammenhang wurde auch über seine Stellung zu bestimmten Fragen reflektiert, die für den weiteren Weg der NAK und die ökumenische Entwicklung bedeutsam sein können: „Seine Grundposition ist es, möglichst gute Kontakte zu anderen christlichen Gemeinschaften zu pflegen, ohne eigene Lehren zu relativieren. Er verwahrte sich beispielsweise dagegen, die Taufbestätigungshandlung so offen zu deuten, wie Volker Kühnle, der süddeutsche Apostel und Leiter der NAKI-Projektgruppe Ökumene, es tat. Dieser hatte in Gesprächen mit dem Arbeitskreis Christlicher Kirchen ein Verständnis der Taufbestätigung nahegelegt, nach der die Taufe einer anderen christlichen Gemeinschaft in der NAK ohne Einschränkung hätte akzeptiert werden können. Nach Lebers Auffassung muss jedoch - wie bisher - das neuapostolische Apostelamt dahinter stehen, damit das Sakrament Gültigkeit vor Gott hat. Insgesamt ist von ihm daher kein klares Bekenntnis zu einer ökumenischen Neuapostolischen Kirche zu erwarten.“

Mehr Veränderungsmöglichkeit traut die Redaktion von GlaubensKultur ihm in Bezug auf weibliche Amtsträger zu.

Drei Ziele

Nach der offiziellen Bekanntgabe der Nachfolge gab es eine Pressekonferenz der beiden Stammapostel, in der Dr. Leber drei Ziele für seine Amtsführung benannte:

  • „1. Als oberster Geistlicher der Neuapostolischen Kirche ist mir das seelische Wohlergehen aller Mitglieder
    ein besonderes Anliegen. Die Seelsorge hat für mich deshalb oberste Priorität. Ich werde mich bemühen, in der Seelsorge Akzente zu setzen und bestmögliche Rahmenbedingungen für eine Pflege vor Ort überall auf der Welt zu schaffen.
  • 2. Der Stammapostel ist das Haupt der Apostel. Die Einheit der Apostel zu pflegen und zu fördern, war bereits eine wesentliche Aufgabe von Stammapostel Fehr. Dieser Aufgabe fühle ich mich ebenfalls besonders verpflichtet.
  • 3. Stammapostel Fehr hat in seiner Amtszeit viele Entwicklungen angestoßen, die aber naturgemäß noch nicht zu einem Abschluss gekommen sind. Ich habe mir vorgenommen, diese Dinge mit Mut und Entschlossenheit weiterzutreiben. Stammapostel Fehr hat sich dabei bereits der Projekt- und Arbeitsgruppen bedient; ich werde das gleichfalls tun.“2

Insbesondere der letzte Punkt bleibt offen für Interpretationen. Es bleibt wichtig zu beobachten, wie Dr. Leber auf die Herausforderungen seines Amtes reagieren und die schwierige Spannung zwischen notwendiger Öffnung und Bewahrung des traditionellen Profils der Neuapostolischen Kirche ausbalancieren wird.

Harald Lamprecht

1. http://www.glaubenskultur.de/artikel-500.html

2. http://www.glaubenskultur.de/artikel-560.html

Artikel-URL: https://www.confessio.de/artikel/148

Dieser Beitrag ist erschienen in Confessio 3/2005 ab Seite 10